Arno Holz

In rote Fixsternwälder, die verbluten,
peitsch ich mein Flügelross.
Durch!
Hinter zerfetzten Planetensystemen, hinter vergletscherten Ursonnen,
hinter Wüsten aus Nacht und Nichts
wachsen schimmernd Neue Welten – Trillionen Crocusblüten!

Diese wundersamen phantastischen Zeilen stammen von dem heute weitestgehend vergessenen deutschen Dichter und Dramatiker Arno Holz, der am 26. April 1863 im ostpreußischen Rastenburg als Sohn eines Apothekers geboren wurde. 1875 zog die Familie nach Berlin, wo Holz, nachdem er die Schule abgebrochen hatte, zunächst als Journalist arbeitete, sich dann aber dazu entschloss, freier Schriftsteller zu werden. Er knüpfte Kontakte zu dem naturalistischen Literaturverein Durch! und verfasste Gedichtbände, wie etwa die Sammlung Buch der Zeit. Lieder eines Modernen (1886). 1893 heiratete er Emilie Wittenberg, mit der er drei Söhne hatte; 1926 ließ er sich von ihr scheiden und vermählte sich ein zweites Mal. Er starb am 26. Oktober 1929 in Berlin.

Arno Holz schrieb nicht nur Gedichte und Theaterstücke, er befasste sich auch intensiv mit literaturtheoretischen Fragen; dabei trat er nachdrücklich für einen Bruch mit der literarischen Tradition ein, worunter er in erster Linie den Idealismus und die Romantik verstand; zudem wurde er mit seiner Forderung einer naturalistischen Darstellung zu einem der wichtigsten Begründer des Naturalismus in Deutschland, den er mit der Formel fasste: Kunst = Natur – x, wobei der „Subtrahend“ x für die Unzulänglichkeiten des Menschen (Subjektivität des Künstlers) und seiner Darstellungsmittel steht. Auch wenn eine völlig getreue Nachahmung der Natur aufgrund dieser Defizite nicht möglich ist, so strebt Holz in den gemeinsam mit Johannes Schlaf verfassten experimentellen Prosa- und Theatertexten mittels Verwendung naturalistischer Ausdrucksmittel, wie Umgangssprache, Mundart, Satzabbrüchen, Exklamationen usw., doch immerhin eine möglichst große Wirklichkeitsnähe, einen „konsequenten Naturalismus“ an. Darüber hinaus wurde von Holz auch eine „Revolution der Lyrik“ gefordert, was für ihn vor allem bedeutete, auf die abgedroschenen Mittel der poetischen Konvention, insbesondere auf Metrum und Reim, zu verzichten[1] und „dem Konkretesten und Alltäglichsten Poesie abzulauschen“,[2] zumal die nichtkünstlerischen Menschen die Schönheit der Natur überhaupt nicht wahrnähmen, wenn die Künstler ihnen nicht auf die Sprünge hälfen: „Die Künstler staunten und staunen vor dieser Natur in Demut; und es gab noch keinen, der nicht selig war, wenn es ihm gelang, in sein Werk aus ihr auch nur ein Stäubchen zu retten! Die Nichtkünstler sehn in der Natur überhaupt nichts. Wenigstens nicht schon durch sich von vorneherein. Für jede Kleinigkeit, und sei es auch nur die besondere Biegung eines Grashälmchens, oder die „verlorene Schönheit“ von einem Paar Klotzkorken, das im Sonnenschein auf einer roten Diele steht, müssen immer erst die Künstler kommen und ihnen die balkendicken Hornhäute von neuem operieren“ (ebd.).

Holzens wichtigstes lyrisches Werk ist die 1898 unter dem Titel Phantasus erschienene Sammlung von Gedichten, in denen überwiegend das Spannungsverhältnis zwischen einer konkret-naturalistisch dargestellten Lebenswirklichkeit des Dichters und einem imaginierten „fernen Land“ der Sehnsucht gezeichnet wird, wobei sich die Sehnsucht auf unterschiedliche Bereiche erstreckt: auf das Reich der glücklichen Kindheit in einer friedvollen Kleinstadt; auf die Natur als Gegenwelt zu einer die Poesie verachtenden, von Technik und Kommerz beherrschten Gesellschaft; auf verborgene Villen und Schlösser, Gärten, Parks, Inseln und Seen sowie auf das Kosmische. „Mein Leben ist nur eine Sehnsucht, ein Jagen nach dem Glück, ein Hinauswollen aus der kleinen Welt, in die Natur. Eine Rückkehr zu dem Vogel, der vor dem Fenster singt“ (op. cit., S. 135), bekennt unser Dichter, der die letzten beiden Jahrzehnte seines Lebens in einer Dachkammer zubrachte. Es ist daher nicht verwunderlich, dass das Fenster als Verbindung zwischen der Dachstube und dem Sehnsuchtsreich da draußen ein häufig in den Phantasus-Gedichten begegnendes Motiv ist.

In dem folgenden Gedicht bringt der Dichter-Sprecher die Nichtigkeit der Reichtümer der Maschinen- und Businesswelt zum Ausdruck, indem er diese mit der Herrlichkeit der Natur kontrastiert. Holz hat dieses Gedicht als „eines der für mich mit am meisten ʽbezeichnendenʼ meines ganzen Buches“ (op. cit, S. 137) herausgestellt.

Ich bin der reichste Mann der Welt!
Meine silbernen Yachten
schwimmen auf allen Meeren.
Goldne Villen glitzern durch meine Wälder in Japan,
in himmelhohen Alpenseen spiegeln sich meine Schlösser,
auf tausend Inseln hängen meine purpurnen Gärten.
Ich beachte sie kaum.
An ihren aus Bronze gewundenen Schlangengittern
geh ich vorbei,
über meine Diamantgruben
lass ich die Lämmer grasen.
Die Sonne scheint,
ein Vogel singt,
ich bücke mich
und pflücke eine kleine Wiesenblume.
Und plötzlich weiß ich: ich bin der ärmste Bettler!
Ein Nichts ist meine ganze Herrlichkeit
vor diesem Tautropfen,
der in der Sonne funkelt.

Wie das eingangs zitierte Gedicht bereits erkennen ließ, führt Holzens Sehnsucht nach einem Ausbruch „aus der kleinen Welt“ mitunter zu ganz eigenartigen Phantasiegebilden:

Auf seiner lustigen Hallelujawiese
duldet mein fröhliches Herz keine Schatten.
Rote, lachende Rubensheilige
tanzen mit nackten Wiener Wäschermadeln Cancan.
Unter fast brechenden Leberwurstbäumen
küsst Corregio die Jo.
Niemand geniert sich.
Goethe, der Hundsfott, langt sich quer über den Schooss die dicke Vulpius.
Kleine, geflügelte Lümmels rufen Prost,
Jobst Sackmann, mein Liebling, setzt n lüttn Kümmel Aquavit drup!

***

Sieben Billionen Jahre vor meiner Geburt
war ich eine Schwertlilie.
Meine Wurzeln
saugten sich
in einen Stern.
Auf seinem dunklen Wasser
schwamm
meine blaue Riesenblüte.

Innerhalb des Phantasus nehmen die beiden folgenden Gedichte (gemeinsam mit einigen anderen) insofern eine Sonderstellung ein, als sie für eine zeitweilige Stillung der Sehnsucht durch die Liebe stehen; für mich gehören sie zu den schönsten erotischen Gedichten in deutscher Sprache.

Ich weiss.
Oft
wars nur ein Lachen, ein Handdruck von dir,
oder ein Härchen, ein blosses Härchen,
das dir der Wind ins Genick geweht,
und all mein Blut
gährte gleich auf,
und all mein Herz
schlug nach dir.
Dich haben, dich haben,
dich endlich mal haben,
ganz und nackt, ganz und nackt!
Und heut,
zum ersten Mal,
unten am See, glitzernd im Mittag,
sah ich dich so.
Ganz und nackt! Ganz und nackt!
Und mein Herz
stand still.
Vor Glück, vor Glück.
Und es war keine Welt mehr,
nichts, nichts, nichts,
es war nur noch Sonne, nur noch Sonne –
so schön warst du!

***

Dann losch das Licht,
und durch die Stille
nur noch dein Herzschlag …
Seligkeit!
Im Garten, frühauf, pfiff ein Vogel,
von tausend Gräsern troff der Thau,
der ganze Himmel stand in Rosen.
Lieber! Liebe!
Und wieder: Kuss auf Kuss …
Was kann die Welt uns jetzt noch bieten!

Arno Holz gehört zu jenen Künstlern, denen sowohl die Mit- als auch die Nachwelt nicht die Anerkennung zuteilwerden ließen, die sie aufgrund ihrer herausragenden Leistungen verdient haben. Während seiner Lebenszeit war Holz nur mit zwei seiner Werke und auch nur für relativ kurze Zeit ein finanzieller Erfolg vergönnt: mit dem Gedichtband Dafnis sowie mit der Tragikomödie Traumulus, die 1904/05 auf allen großen deutschen Bühnen gespielt wurde (die Einnahmen aus diesem Stück musste sich Holz jedoch mit dem Bühnenvertrieb sowie mit seinem Co-Autor und Freund Oskar Jerschke teilen) – von diesen kurzzeitigen Ausnahmen abgesehen hatte Holz zeit seines Lebens mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Auch der Phantasus war für Holz kein großer Erfolg, und die Kritiker reagierten überwiegend reserviert auf diese neue Form der Lyrik. Man warf dem Verfasser vor, er bausche Gedankenfragmente zu Gedichten auf; ein Kritiker bot an, innerhalb einer Woche 500 Gedichte à la Holz zu schreiben, und ein anderer äußerte den Wunsch: „Möge die Prachtausgabe dieses ʽPhantasusʼ, auf weichem Arno-Holz-Papier, bald in keinem deutschen Familienkloset fehlen!“ (vgl. op. cit., S. 148). Holz für seinen Teil trat seinen Kritikern nicht selten mit großer Arroganz entgegen, und auch an Selbst-, ja Sendungsbewusstsein mangelte es ihm nicht: So war er beispielsweise fest davon überzeugt, dass mit ihm und seiner neuen Dichtung „eine Jahrhunderte lange Epigonenzeit“ (op. cit., S. 142) beendet worden sei. Der große Erfolg seines Rivalen Gerhart Hauptmann, dem er sich überlegen fühlte, musste ihn da freilich irritieren: „Den guten Gerhart Hauptmann … glaube ich in mehr als einer Beziehung bequem in die linke Westentasche stecken zu können. Nichtsdestoweniger ist er heute der große Mann, der ʽReformatorʼ, und mich pissen kaum die Hunde an!“ – Und wie sieht es in unseren Tagen mit der Würdigung des großartigen Werkes von Arno Holz aus? Nun ja, von Würdigung kann kaum die Rede sein, denn wer kennt diesen Dichter überhaupt noch? Ich kann mich nicht erinnern, seinem Namen jemals in einer Lyrik-Anthologie begegnet zu sein. Aber das ist eine alte deutsche Trauergeschichte: Den deutschen Schriftsteller Albert Vigoleis Thelen, der mit Die Insel des zweiten Gesichts (1953) einen der größten Romane des 20. Jahrhunderts verfasst hat, kennt heute auch kaum noch jemand, und sein Name fehlt sogar in Darstellungen der Geschichte der deutschsprachigen Literatur, die als Standardwerke gelten. Ähnlich verhält es sich mit dem Deutschschweizer Robert Walser, einem der größten Autoren der Moderne, der u.a. von Musil, Kafka und Hesse bewundert wurde … Wir werden in diesem Blog noch vielen weiteren Beispielen für diese leidig-traurige Ignoranz begegnen.

[1] „Man revolutioniert eine Kunst […] nur, indem man ihre Mittel revolutioniert“ (zitiert in: Kurt Rothmann: Kleine Geschichte der deutschen Literatur, Stuttgart, Reclam, 16. Auflage 1997, S. 207).

[2] Arno Holz: Phantasus. Herausgegeben von Gerhard Schulz, Stuttgart, Reclam, 1984, S. 155.