Arthur Rimbaud

Arthur Rimbaud wurde am 20. Oktober 1854 in Charleville (Ardennen) geboren. Noch während seiner Kinderzeit verließ der Vater, ein Berufsoffizier der französischen Armee, die Familie (Rimbaud hatte noch zwei jüngere Schwestern). Seine außergewöhnliche Begabung zeigte sich schon sehr früh: Mit 15 Jahren gewinnt er bei einem schulischen Wettbewerb mit einem lateinischen Gedicht den ersten Preis, im Alter von 16 Jahren verfasst er seine ersten französischen Poeme. Er zeigt eine starke Neigung zur Auflehnung und eine große Sehnsucht nach neuen Erfahrungen, und so drängt es ihn schon früh zu einem unabhängigen Leben: Er reißt mehrfach von zu Hause aus, wandert zu Fuß nach Brüssel, fährt ohne Fahrkarte nach Paris, wird von der Polizei aufgegriffen und nach Charleville zur Mutter zurückgebracht, die dem ungestümen Verhalten ihres Sohnes mit Strenge begegnet. Doch Rimbaud empfindet nur Abscheu für die ihm viel zu eng erscheinende bürgerliche Welt, in die er sich nicht einfügen kann und auch nicht einfügen will. In einem Brief an seinen Rhetoriklehrer Georges Izambard, der als erster die Begabung des Jungen erkannte und diesem als väterlicher Freund zur Seite stand, schreibt er: „Ich sterbe, ich löse mich auf in … diesem Grau in Grau. Was wollen Sie, ich bestehe nun mal ganz schrecklich darauf, die freie Freiheit anzubeten“. Er bemüht sich um Kontakt zu anderen Lyrikern, dessen Werke er schätzt, und schreibt an Paul Verlaine, dass er gerne nach Paris kommen und dort arbeiten möchte. Der Dichterkollege reagiert darauf mit den berühmten Zeilen: „Kommen Sie, liebe große Seele; wir rufen Sie; wir erwarten Sie …“. Rimbaud kommt und geht mit dem zehn Jahre älteren und verheirateten Verlaine eine Liaison ein, die durch zahlreiche gemeinsame Reisen und Eifersuchtsdramen geprägt ist und ein jähes Ende findet, als der betrunkene Verlaine bei einem Streit mit einem Revolver auf Rimbaud schießt und ihn am Handgelenk verletzt. Rimbaud stürzt mit der nur notdürftig verbundenen Wunde aus dem Hotel und eilt zum Bahnhof; als er sieht, dass Verlaine ihm folgt und ihn erneut bedroht, ruft er einen Polizisten. Verlaine wird zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt und seine Frau lässt sich von ihm scheiden, Rimbaud kehrt zurück zu seiner Familie.

Als Dichter ist Rimbaud ein Phänomen, „das meteorhaft kam und versank, aber mit seinem Feuerstreifen immer noch am Himmel der Dichtung steht“.[1] Ebenso wie Baudelaire strebte auch er angesichts der Unzulänglichkeit der Realität nach neuen Erfahrungen und so drängt es ihn in die Transzendenz, er will im „Unbekannten“ ankommen. Als er die Transzendenz als leer erkennt, sieht er nur noch einen Ausweg: Er deformiert und verfremdet in seinen Gedichten die Realität so sehr, dass sie sich dem Irrealen annähert. Er bricht mit allem: mit dem Publikum, mit seinem Zeitalter und auch mit den literarischen Traditionen der Vergangenheit. Er erschafft sich in seinen Gedichten eine eigene Welt, eine „sinnliche Irrealität“ (Hugo Friedrich), indem er Bilder entwirft, die zwar sinnliche Qualität besitzen, aber Dinge miteinander verbinden, die unvereinbar sind: auf dem Himmel fahrende Kutschen, ein in der Tiefe eines Sees liegender Salon, ein über hohen Berggipfeln schwebendes Meer, durch und über ein Hotel laufende Eisenbahnschienen, ein Notar, der an seinen Uhrketten hängt usw. Ab 1871 wird Rimbauds Dichtung immer monologischer, er interessiert sich nicht mehr dafür, ob seine Gedichte für Leser verstehbar sind oder nicht, seine Aufmerksamkeit gilt nicht mehr dem Wort als Träger einer bestimmten Bedeutung, sondern vielmehr der Suggestivkraft, die den durch lautliche Assonanzen und Dissonanzen erzeugten Klangbildern innewohnt. Die Frage, warum jemand überhaupt noch Gedichte schreibt, wenn es für ihn keinen Adressaten mehr gibt, lässt sich wohl nicht beantworten. „Es sei denn, man fasst solches Dichten auf als äußersten Versuch, im abnormen Sagen und in der […] Phantasie die Freiheit des Geistes zu retten inmitten einer geschichtlichen Lage, wo wissenschaftliche Aufklärung, zivilisatorische, technische, ökonomische Machtapparate die Freiheit organisiert und kollektiviert – also um ihr Wesen gebracht haben. Ein Geist, dem alle Wohnstätten unwohnlich geworden sind, kann sich im Dichten die einzige Wohn- und Werkstätte seiner selbst schaffen. Vielleicht dichtet er darum.“[2]

Rimbauds Dichten ist jedoch nur von kurzer Dauer: Er beginnt als Jugendlicher, doch nach gerade einmal vier Jahren bricht er bereits ab und verstummt, weil sein Bemühen, das Leben durch die Poesie zu erneuern, für ihn enttäuschend ausfiel und ihm sinnlos erscheint. Er wendet sich nun voll und ganz der Wirklichkeit des Alltags, dem materiellen Leben zu und vollzieht dabei erstaunlich viele Ortswechsel: 1874 arbeitet er in England als Sprachlehrer, doch schon Ende des Jahres kehrt er nach Charleville zurück; wenige Wochen später reist er nach Deutschland, dann weiter in die Schweiz und nach Italien und schließlich wieder zurück nach Frankreich; 1876 tritt er in die holländische Fremdenlegion ein und begibt sich nach Java, wo er desertiert, sich durch den Urwald schlägt und schließlich Matrose auf einem schottischen Segelschiff wird, das ihn nach Europa zurückbringt; über Zwischenstationen in Deutschland und Skandinavien kehrt er erneut zur Familie zurück; doch schon nach kurzer Zeit macht er sich wieder auf den Weg, diesmal verschlägt es ihn nach Zypern (wo er in einem Steinbruch als Aufseher tätig ist), nach Ägypten und zuletzt nach Äthiopien, wo er als Vertreter einer Handelsfirma arbeitet; hier wird er noch einmal von seiner Leidenschaft für das Unbekannte gepackt, er unternimmt Expeditionen in das noch unerforschte Landesinnere und befasst sich mit einer Vielzahl unterschiedlicher Wissensgebiete (wie Mineralogie, Mathematik und Mechanik), bis er schließlich seine gesamte Kraft nur noch auf den Karawanenhandel mit Kaffee, Gewürzen und anderen Waren richtet und nur noch nach ökonomischem Gewinn strebt; als sein Bein von einem Tumor befallen wird, muss er zurück nach Frankreich, in ein Krankenhaus in Marseille, wo ihm das Bein amputiert wird; wieder kehrt er zu seiner Familie zurück, doch weil er viel zu früh versucht, mit dem Holzbein, das er sich hat anfertigen lassen, wieder zu gehen, entzündet sich sein Beinstumpf erneut und er muss zurück ins Marseiller Hospital; dort verschlimmert sich sein Zustand kontinuierlich und am 10. November 1891 erliegt er seinen Leiden.

Das folgende Gedicht Sensation (Empfindung) gehört zu den frühesten Gedichten Rimbauds (die er mit 16 Jahren schrieb) und hat für den Leser den Vorteil, dass er hier, anders als in den späteren Dichtungen, noch nicht ausgeschlossen ist, sondern stattdessen in zwei Strophen wundervoller Sprachmelodik an der Sehnsucht des jungen Dichters teilhaben kann.

Sensation

Par les soirs bleus dʼété, jʼirai dans les sentiers,
Picoté par les blés, fouler lʼherbe menue:
Rêveur, jʼen sentirai la fraîcheur à mes pieds.
Je laisserai le vent baigner ma tête nue.

Je ne parlerai pas, je ne penserai rien:
Mais lʼamour infini me montera dans lʼâme,
Et jʼirai loin, bien loin, comme un bohémien,
Par la nature, – heureux comme avec une femme.

Empfindung

In blauer Sommernacht werd ich durch Felder gehn,
Hälmchen zertreten auf den kühlen Pfaden
Und träumerisch ein Prickeln spüren an den Zehn.
Ich werde meinen bloßen Kopf im Winde baden.

Ich werde dann nicht sprechen, werde an nichts denken:
Doch wird die Liebe meine Seele ganz durchtränken;
Und ich werd gehn, wie ein Zigeuner, fort durchs Blau,
Durch die Natur, – so glücklich wie mit einer Frau.

Original und Übersetzung nach: Arthur Rimbaud: Sämtliche Dichtungen. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Französischen übersetzt und mit Anmerkungen und einem Nachwort herausgegeben von Thomas Eichhorn, München, DTV, 5. Auflage 2013, S. 14f.

[1] Hugo Friedrich: Die Struktur der modernen Lyrik. Von der Mitte des neunzehnten bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt, 2006, S. 61.

[2] Hugo Friedrich: Die Struktur der modernen Lyrik. Von der Mitte des neunzehnten bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt, 2006, S. 90.