J. S. Bach: Goldberg-Variationen

Der rumänische Philosoph Emil Cioran schrieb, die Goldberg-Variationen seien „ʻüber-essentielleʼ Musik, um den Jargon der Mystiker zu verwenden“,[1] ordnet sie also dem göttlichen Bereich zu; überhaupt sieht er eine enge Verbindung zwischen Gott und Bach: „Ohne Bach wäre Gott beeinträchtigt. Ohne Bach wäre Gott ein Kerl dritten Grades. Bach ist das einzige, was uns den Eindruck vermittelt, das Universum sei nicht missraten“ (op. cit., S. 2008). Bach selbst wäre angesichts dieser Äußerung zweifellos die Schamröte ins Gesicht geschossen, denn für ihn besaß seine Musik, Musik überhaupt, den primären Sinn, Gott zu loben. Cioran ist jedoch nicht der einzige Denker, der Bach mit dem Höchsten zusammenbringt, auch Goethe rekurriert bei seiner Charakterisierung von Bachs Musik auf den Weltenschöpfer: In einem Brief an Zelter vom 21. Juni 1827 (der jedoch nicht verschickt wurde) beschreibt er die Wirkung, die Bachs Musik auf ihn hat, mit den folgenden Worten: „[…] als wenn die ewige Harmonie sich mit sich selbst unterhielte, wie sich’s etwa in Gottes Busen, kurz vor der Weltschöpfung, möchte zugetragen haben, so bewegte sich’s auch in meinem Innern, und es war mir, als wenn ich weder Ohren, am wenigsten Augen und weiter keine übrigen Sinne besäße noch brauchte.“[2] Nach allem, was wir wissen, bezieht sich Goethe hier nicht auf die Goldberg-Variationen, die er wohl nie gehört hat, wogegen ihm die Präludien und Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier sehr gut vertraut waren und er auch Sonaten, Choräle und aller Wahrscheinlichkeit nach auch einiges von Bachs Orgelmusik kannte.

Wann Bach die Goldberg-Variationen komponierte, wissen wir nicht, der Erstdruck erschien im Jahre 1741 unter dem Titel Clavier Ubung bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Verænderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen. Die Bezeichnung Goldberg-Variationen kam erst im 19. Jahrhundert auf: Der deutsche Organist und Musikforscher Johann Nikolaus Forkel behauptet in seinem Buch Über Johann Sebastian Bachs Leben, Kunst und Kunstwerke (1802), Bach habe den Variationenzyklus für den russischen Gesandten am Dresdner Hof, den Grafen Hermann Carl von Keyserlingk, verfasst. Dieser habe unter Schlafstörungen gelitten und deshalb Bach darum gebeten, für ihn einige „Clavierstücke […] sanften und etwas muntern Charakters“ zu komponieren, die ihm der in seinen Diensten stehende Cembalist Johann Gottlieb Goldberg, ein Schüler Wilhelm Friedemann Bachs und Johann Sebastian Bachs, in seinen ruhelosen Nächten vorspielen sollte. Diese Entstehungsgeschichte gilt heute jedoch überwiegend als eine Erfindung Forkels.

Die Basis der Goldberg-Variationen (BWV 988) bildet eine zweiteilige Aria, die den rhythmischen Charakter einer Sarabande aufweist. Auf diese einleitende Thema-Aria folgen 30 Variationen, die deren harmonisches Grundgerüst beibehalten, in Bezug auf Taktart, Tempo, Melodie und Spielweise aber ganz unterschiedlich ausgestaltet sind. Bach präsentiert uns „ein Wunderwerk von 30 Variationen, heitere und besinnliche, kantable und fugierte, tänzerische und virtuose“ (Rudolf Steglich) und zum Schluss wiederholt er die Aria, um hervorzuheben, was man mit einem Thema so alles anstellen kann.

Von den Goldberg-Variationen gibt es eine Vielzahl von Einspielungen, wobei anfänglich das Cembalo präferiert wurde. Große Popularität erlangte dieser Variationenzyklus jedoch erst durch die beiden inzwischen legendären Piano-Aufnahmen des kanadischen Bach-Spezialisten Glenn Gould (1955 und 1981), die von vielen Musikfreunden bis heute als die unübertroffenen, wenn nicht gar unübertreffbaren Einspielungen betrachtet und mitunter spaßig als „Gouldberg-Variationen“ bezeichnet werden. Ich kann den beiden Aufnahmen von Gould nicht viel abgewinnen, nach meinem Geschmack gibt es wesentlich bessere Aufnahmen von Bachs Meisterwerk. Zunächst einmal spielt Gould die Variationen viel zu schnell: Bei der 1955er Aufnahme rasselt er sie in weniger als 40 Minuten herunter und lässt dabei auch die von Bach vorgeschriebenen Wiederholungen aus (zum Vergleich: die meisten Einspielungen auf dem Piano weisen eine Länge von knapp 70 bis etwas mehr als 80 Minuten auf; Bach selbst hat 90 Spielminuten für das Werk vorgesehen, wovon Gould dann doch sehr weit entfernt ist); seine 1981er Aufnahme wirkt zwar inspirierter und berücksichtigt auch die Wiederholungen, ist jedoch immer noch arg schnell (51 Minuten). Es kommt hinzu, dass Gould die Variationen bei beiden Einspielungen zu unvariabel spielt, weil er die Klangfarben des Klaviers kaum ausnutzt und auch seine Anschlagsvariation eher dürftig ausfällt. Dies alles führt dazu, dass bei ihm die Goldberg-Variationen beinahe wie ein monolithischer Block daherkommen, obwohl es sich doch – wie wir oben schon erfahren haben – um Stücke von jeweils ganz eigenem Charakter handelt. Am Rande sei erwähnt, dass das ihn kennzeichnende Mitsummen bzw. -singen bei seiner Aufnahme von 1981 wohl nicht nur von mir als störend empfunden wird. Arg störend ist es auch, wenn bei einer Live-Aufnahme das Hüsteln und Schließen von Türen deutlich zu hören ist, so wie es bei Sokolov der Fall ist, was sehr zu bedauern ist, denn der Russe, der einer der besten Pianisten der Musikgeschichte ist und gegenwärtig gemeinsam mit seinem Landsmann Daniil Trifonov in einer eigenen Liga musiziert, bietet eine grandiose Interpretation der Variationen. Weitere herausragende Einspielungen sind jene von Tatiana Nikolayeva, Maria Tipo, Angela Hewitt und Xiao-Mei Zhu, vermeiden sollte man hingegen beispielsweise die allzu exzentrische Aufnahme des US-Amerikaners Tzimon Barto, der zudem nicht die Originalversion, sondern die Bearbeitung von Ferruccio Busoni aus dem Jahre 1914 zugrunde liegt.

Meine Lieblingsaufnahme der Goldberg-Variationen stammt von der unverständlicherweise nach wie vor wenig bekannten russischen Pianistin Ekaterina Derzhavina (von der es u.a. auch eine hervorragende Einspielung von Bachs Französischen Suiten sowie von Haydns Sonaten gibt). Ihre Interpretation ist vollkommen frei von Effekthaschereien und Extravaganzen, zu denen sich so viele Interpreten bemüßigt fühlen, aber dennoch alles andere als steril. Mit ihrem sehr variablen Anschlag, ihrem ungemein feinen Gespür für die richtigen Tempi und Tonstärken und ihrer souveränen Artikulation zeigt sie uns nicht nur die Eleganz und die Tiefe dieses Bachschen Wunderwerks auf, sondern auch den stark ausgeprägten tänzerischen Charakter dieser Musik, der von vielen Pianisten erstaunlicher- und bedauerlicherweise überhaupt nicht erkannt wird.

 

Ekaterina Derzhavina: J. S. Bach, Goldberg-Variationen
Arte Nova, 2004

[1] Emil M. Cioran, Werke, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 2008, S. 1959.

[2] Goethes Gedanken über Musik, Frankfurt am Main, Insel, 1985, S. 181.