Bill Evans und Miles Davis

Bill Evans (1929–1980) ist für mich der größte Jazzpianist und – neben Miles Davis, Chet Baker, Stan Getz und Keith Jarrett – überhaupt einer der größten Jazzmusiker aller Zeiten. Den Jazz hat er aber nicht nur grandios gespielt, er hat ihn auch gleich in mehrfacher Hinsicht umgekrempelt. So war das Pianotrio vor Bill Evans hierarchisch strukturiert: Das Piano dominierte, während Kontrabass und Schlagzeug darauf beschränkt waren, ein rhythmisches Fundament als Stütze zu kreieren. Mit diesem starren Korsett brach Evans, indem er Bass und Schlagzeug zu gleichberechtigten Partnern machte, die jeweils auch die Führungsrolle übernehmen konnten und dabei ihre melodischen und rhythmischen Möglichkeiten ganz erheblich erweiterten. Aus der Konstellation Piano mit Begleitung wurde nun ein dreistimmiges „Kolloquium“. Darüber hinaus war Bill Evans der erste Jazzpianist, der das Piano nicht perkussiv spielte, sondern zum Singen brachte, wobei der Bewunderer von Bach, Ravel, Debussy und Rachmaninow mit seinem sensiblen Spiel und seinem herausragenden Talent für Voicings die Welt der lyrischen Töne und der Expressivität für das Jazzpiano erschloss und so eine völlig neue Jazzmusik schuf. „Evans ist der Vater von allen“, sagte der begnadete Michel Petrucciani, einer von Evansʼ vielen „Schülern“. Dabei war Bill Evans im Unterschied zu vielen anderen Jazzmusikern gar nicht darauf aus, progressiv zu sein; wenn er sich über sein Piano beugte, ging es ihm einzig und allein um Schönheit – eine Schönheit, die eine Reihe von Lyrikern zu Gedichten inspirierte.

Eines meiner Lieblingsstücke von Bill Evans ist das bezaubernd-besinnliche, an Satie und Debussy erinnernde Peace Piece: Die linke Hand spielt ein aus zwei Akkorden bestehendes Ostinato (Vamp), die rechte spielt eine Serie von zunehmend komplexen Improvisationen.

Evans schrieb dieses Stück für sein Album Everybody digs Bill Evans, das im Dezember 1958 aufgenommen wurde; nur wenige Monate später spielte Miles Davis seine legendäre LP Kind of Blue, das genialste und meistverkaufte Album der Jazzgeschichte, ein, gemeinsam mit Bill Evans und weiteren Jazz-Größen: Cannonball Adderley (Altsaxophon), John Coltrane (Tenorsaxophon), Paul Chambers (Bass) und Jimmy Cobb (Schlagzeug). Als Davis seinem Pianisten Evans vorschlug, auch dessen Peace Piece aufzunehmen, plädierte dieser dafür, ausgehend von dieser Komposition ein neues Stück zu schreiben und dabei anstelle eines Vamps eine zusammenhängende Folge von Ostinati zu verwenden, die sich zu einem Kreis zusammenfügen sollten. So kam es am 22. April 1959 im Columbia 30th Street Studio in New York zu einer Sternstunde nicht nur des Jazz, sondern der Musikgeschichte, als das magisch-schöne Flamenco Sketches eingespielt wurde, das ebenso wie Peace Piece zu jenen einzigartigen Musikstücken gehört, die aus einer anderen Welt zu uns zu sprechen scheinen und denen man ewig lauschen möchte: