Botticelli und die verhinderte Glückseligkeit

Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp liefert in seinem äußerst lesenswerten Buch Sandro Botticelli: Primavera. Florenz als Garten der Venus (Berlin, Wagenbach, 2. Auflage 2009) eine plausible Antwort auf die Frage, warum dieses Bild, das Botticelli um das Jahr 1482 malte, auf heutige Betrachter so faszinierend wirkt: Wie der Autor betont, liegt über dem ganzen Gemälde, wenn wir einmal von dem Konflikt zwischen Zephyr und Chloris am rechten Bildrand absehen, „das Klima einer geradezu eisigen Unfähigkeit zur Kommunikation, und diese innere Vereinzelung wirkt umso stärker, je kunstvoller sich die Personen äußerlich begegnen“, wie etwa bei dem Reigen der drei Grazien in der linken Bildhälfte. Botticellis Frühlingsgemälde nimmt somit eines der großen Themen der Moderne, die Vereinsamung des Individuums, vorweg, so wie sie uns etwa in Georges Seurats Bild Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte (1884–1886) und vor allem in einigen Bildern von Edward Hopper (1882–1967) begegnet:

Georges Seurat Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte
Georges Seurat: Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte (1884–1886)

 

Edward Hopper Nighthawks
Edward Hopper: Nighthawks (1942)

 

Edward Hopper Hotel room
Edward Hopper: Hotel room (1931)

Hermann Hesse schrieb mit den drei letzten Zeilen seines Gedichts Im Nebel sozusagen den Kommentar zu all diesen Bildern:

[…]
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

 

Die Existenz der Konzepte Vereinsamung und Alleinsein sowie die ihnen anhaftende negative Wertung haben ihre Wurzeln freilich in dem Umstand, dass für den Menschen das Leben in der Gemeinschaft, das Beisammensein mit anderen Menschen den Normalfall, die übliche Daseinsform repräsentiert – Aristoteles lag eben richtig, als er den Menschen als ζῷον κοινωνικόν (zoon koinonikón) bezeichnete, als ein Wesen, das von Natur aus nach der Gemeinschaft und Kommunikation mit anderen Menschen strebt, ja sogar nur in Gemeinschaft mit anderen leben kann (nach Aristoteles ist der Mensch zugleich auch ein ζῷον πολιτικόν (zoon politikón), ein politisches Wesen, das einer gesetzlich geregelten Gemeinschaft bedarf, und ein ζῷον οικονομικόν (zoon oikonomikón), ein wirtschaftendes Wesen). Es ist zu betonen, dass wir hier vom Durchschnittsmenschen sprechen, für diesen ist Einsamkeit ein zu vermeidender beziehungsweise sogar ein als furchtbar empfundener Zustand, während hochsensible, feingeistige oder gar genialische Menschen sich oftmals nach einem Alleinsein sehnen: Michel de Montaigne zog sich für viele Jahre in einen Turm zurück, und Voltaire verbrachte aus freien Stücken drei Viertel seines Lebens in ländlicher Zurückgezogenheit („Das glücklichste Leben findet der Mensch in einer arbeitsreichen Einsamkeit“ schrieb er an Friedrich II.); auch Petrarca, Seneca, Plinius und Cicero genossen ihre selbst gewählte Einsamkeit, und Kafka notierte 1913 in seinem Tagebuch: „Der Wunsch nach besinnungsloser Einsamkeit. Nur mir gegenübergestellt zu sein“ (1. Juli 1913); „[i]ch werde mich bis zur Besinnungslosigkeit von allen absperren. Mit allen mich verfeinden, mit niemandem reden“ (15. August 1913). Andererseits gibt es aber auch sehr viele Geistesmenschen, die unter ihrer Einsamkeit sehr gelitten haben und schließlich daran zugrunde gegangen sind: „Ich werde an den Folgen meiner Einsamkeit sterben“ (Oswald Spengler); „[m]ein ganzes Leben hindurch habe ich mich schrecklich einsam gefühlt und stets aus tiefer Brust geseufzt: ʻJetzt gib mir einen Menschen!ʼ Vergebens. Ich bin einsam geblieben“ (Arthur Schopenhauer); „[e]s lebt übrigens jetzt niemand, an dem mir viel gelegen wäre; die Menschen, die ich gerne habe, sind lange, lange tot“ (Friedrich Nietzsche).

Kehren wir zurück ins Quattrocento! Eine weitere Aussage von Botticellis Meisterwerk – dessen „großartigstes Moment“ – besteht nach Bredekamp darin, dass es die Uneinlösbarkeit des irdischen Paradieses betont, ohne jedoch den Anspruch auf Utopie aufzugeben.[1] Für Rainer Maria Rilke ist dieses Miteinander von Aussichtslosigkeit auf Seligkeit und das dennoch beständige Streben danach ein Kennzeichen von Botticelli überhaupt. In seinem Florentiner Tagebuch notierte er: „[…] es ist der tiefste Schmerz, der die immer wieder gewollte Seligkeit überschattet. Es ist nicht ein Verweilen in weichen, weichlichen Melodien, es ist das Abschiednehmen einer sterbenden Seligkeit in seinen Bildern“. Nun darf bei alldem jedoch nicht übersehen werden, dass das Festhalten an Utopien keineswegs nur die Renaissance und insbesondere die Werke Botticellis kennzeichnet, sondern vielmehr konstitutiv zum Wesen des Menschen gehört, der seiner Natur nach offenkundig ohne Utopien nicht leben kann. Schon immer war der Mensch mit dem, was ihm bestimmt ist, nicht zufrieden, also unglücklich; das Glück wurde stets im Anderswo verortet: „Gibt es etwas Schöneres als das Paradies? Und doch hatte es für Adam und Eva einen einzigen Fehler: es war nämlich ihre Bestimmung. Und der Mensch hält nun einmal nur das für ein Paradies, was ihm nicht bestimmt ist.“[2] Scharfsichtige Beobachter der Menschheit haben hingegen erkannt, dass es das von den Menschen ersehnte (dauerhaft) glückliche Existieren nicht geben kann. Für den portugiesischen Schriftsteller Fernando Pessoa, der zu den größten Autoren des 20. Jahrhunderts zählt, ist dies deshalb nicht möglich, weil Glück und Bewusstsein nicht miteinander zu vereinbaren sind: „Um glücklich zu sein, muss man wissen, dass man glücklich ist. […] Es gibt kein Glück ohne Wissen. Aber das Wissen vom Glück bringt Unglück; denn sich glücklich wissen heißt wissen, dass Glück Zeit ist und dass Zeit unweigerlich vergeht.“[3] Andere sehen im Mitmenschen den Grund für die Unmöglichkeit der Glückseligkeit. Das Dilemma des Menschen besteht eben darin, dass er einerseits die Gemeinschaft mit anderen Menschen sucht, diese aber andererseits auch seine Selbstverwirklichung beziehungsweise seine Existenz bedrohen: „Die Hölle, das sind die anderen“ heißt es in Sartres Einakter Geschlossene Gesellschaft, und der deutsche Schriftsteller Albert Vigoleis Thelen beschrieb diese Schattenseite des menschlichen Daseins, indem er die berühmte Sentenz des Plautus „homo homini lupus“ in „homo homini homo“ umwandelte.

[1] Dieses Festhalten an der Glücksvision bezeichnete Peter Sloterdijk in einem Vortrag als Hauptcharakteristikum der Renaissance: „Die Renaissance ist ihrem Grundzug gemäß ein Unternehmen zur Sabotage der Resignation“.

[2] Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, Zürich, Diogenes, 2011, S. 1686.

[3] Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, Frankfurt am Main, Fischer, 6. Auflage 2015, S. 386.