Carlos Drummond de Andrade: Lob des Podex

Carlos Drummond de Andrade wurde 1902 im Hinterland Brasiliens, im Bundesstaat Minas Gerais, als Sohn einer Familie von fazendeiros (Farmern) mit hauptsächlich portugiesischen Wurzeln geboren. Er besuchte unterschiedliche Schulen an verschiedenen Orten, eine Jesuiten-Schule musste er wegen „geistigen Ungehorsams“ verlassen. 1921 begann er in Belo Horizonte, der Hauptstadt von Minas Gerais, als Autor für die Zeitung Diário de Minas zu arbeiten, und er schloss, sich dem Druck der Familie beugend, ein Pharmaziestudium ab. Im Jahre 1934 zog er nach Rio de Janeiro, wo er im Staatsdienst tätig war: bis 1945 als Kabinettschef des Bildungsministers, dann bis zu seiner Pensionierung 1962 für das Amt für Denkmalschutz und Bewahrung des nationalen kulturellen Erbes. Während dieser Jahre verfasste er neben Gedichten auch Essays, Prosabände (Erzählungen) und Kinderbücher, übersetzte einige Werke französischer Autoren (wie etwa von Molière, Balzac und Proust) ins Portugiesische und arbeitete als Chronist für unterschiedliche Zeitungen. Carlos Drummond de Andrade, der zu den bedeutendsten brasilianischen Lyrikern gehört, starb am 17. August 1987 in Rio de Janeiro.

Obwohl Drummond de Andrade einige Elemente des lateinamerikanischen Modernismo übernahm, wie etwa den freien Vers, das freie Metrum und die Thematik der alltäglichen Dinge, lässt sich sein individualistisch geprägtes Werk, das keinen Vorbildern oder Ideologien folgt, nicht dieser literarischen Strömung zuordnen. Der brasilianische Schriftsteller Affonso Romano de SantʼAnna unterscheidet im poetischen Werk von Drummond de Andrade nach dem jeweils unterschiedlichen Verhältnis von Ich und Welt drei Arten von Dichtung:

„das Ich ist größer als die Welt“: ironische Poesie

„das Ich ist kleiner als die Welt“: soziale Poesie

„das Ich entspricht der Welt“: metaphysische Poesie

Ende der 1980er Jahre gewinnt die Erotik im Schaffen des Dichters an Bedeutung; sein letztes Werk, O amor natural („Die natürliche Liebe“), ist eine Sammlung erotischer Lyrik, die auf Wunsch des Autors erst nach seinem Tod 1987 veröffentlicht wurde, und die unter anderem auch das folgende Gedicht enthält.

Der Po, wie lustig

Der Po, wie lustig,
er lächelt unentwegt, nie ist er traurig.

Es interessiert ihn nicht,
was vorne geschieht. Er ist sich selbst genug.
Gibt es da noch etwas? Vielleicht die Brüste.
Nun – murmelt der Po – diese jungen Dinger
haben noch viele Lektionen zu lernen.

Der Po: zwei Zwillingsmonde
in kreisender Bewegung. Er geht für sich allein
in zartem Rhythmus, im Wunder
der vollkommenen Einheit von zweien.

Der Po amüsiert sich allein. Und er liebt.
Im Bett erregt er sich. Berge bauen sich auf,
sinken nieder. Wellen spülen
auf einen endlosen Strand.

Da geht der Po mit einem Lächeln. Ihn beglückt
die Liebkosung seines Seins und dass er
zwei Sphären in Eintracht über dem Chaos wiegt.

Der Po ist der Po,
er ist rund, ist so.
(Übersetzung: Stefan Barme)

Hier der brasilianische Originaltext:

A bunda, que engraçada

A bunda, que engraçada.
Está sempre sorrindo, nunca é trágica.

Não lhe importa o que vai
pela frente do corpo. A bunda basta-se.
Existe algo mais? Talvez os seios.
Ora – murmura a bunda – esses garotos
ainda lhes falta muito que estudar.

A bunda são duas luas gêmeas
em rotundo meneio. Anda por si
na cadência mimosa, no milagre
de ser duas em uma, plenamente.

A bunda se diverte
por conta própria. E ama.
Na cama agita-se. Montanhas
avolumam-se, descem. Ondas batendo
numa praia infinita.

Lá vai sorrindo a bunda. Vai feliz
na carícia de ser e balançar
Esferas harmoniosas sobre o caos.

A bunda é a bunda
redunda.

(Carlos Drummond de Andrade: O amor natural, São Paulo, Companhia das Letras, 2013, S. 26)

Dieses Po-Gedicht von Carlos Drummond de Andrade wurde von dem brasilianischen Literaturprofessor, Kritiker und Dichter Ítalo Moriconi in seine Anthologie „Die einhundert besten brasilianischen Gedichte des Jahrhunderts“ (Originaltitel: Os cem melhores poemas brasileiros do século, Rio de Janeiro, 2001) aufgenommen. Drummond de Andrade hat dem weiblichen Podex jedoch nicht nur die obigen Verse, sondern gleich eine ganze Reihe von Gedichten gewidmet; mit seiner Begeisterung für das Hinterteil der Frau entspricht der große brasilianische Dichter, von dem auch die Zeile überliefert ist: „Und ich sehne den Sommer herbei, wenn es von Popöchen nur so wimmelt“, einer alten Vorliebe des Tanga-Tropenparadieses, denn lange Zeit wurde in Brasilien im Hinblick auf die weibliche Physis in erster Linie einem wohlgerundeten Po (der im brasilianischen Portugiesisch als bunda oder bumbum bezeichnet wird) gehuldigt, während der Busen nur von untergeordneter Bedeutung war – seit einigen Jahren ist in Brasilien jedoch eine globalen Präferenzen entsprechende Umkehr in der maskulinen Adoration, sprich eine besondere Verehrung großer, straffer Brüste, zu verzeichnen. Das brasilianische Faible für den weiblichen Po schlug sich sogar in der Architektur des Landes nieder: Der große brasilianische Architekt Oscar Niemeyer, der für seine geschwungenen Formen berühmt ist, wie sie vor allem die von ihm entworfenen Gebäude der Hauptstadt Brasília zeigen, hat einmal bekannt, dass die seine Architektur auszeichnenden runden Formen und Kurven durch die Rundungen des Hinterns der Brasilianerinnen inspiriert seien.

Mit ihrer besonderen Würdigung des weiblichen Hinterteils stehen die Brasilianer freilich in guter abendländischer Tradition, denn dieser Körperteil wurde schon in der Antike und auch in späteren Jahrhunderten in besonderem Maße verehrt, ja sogar in literarischen Werken besungen, wie etwa in einem Gedicht des antiken griechischen Dichters Rufinos (1. Jh. n. Chr.), das eine „Miss-Po-Wahl“ zum Thema hat. Überhaupt stehen die Griechen den Brasilianern in Sachen Po-Verehrung am nächsten, denn in der antiken griechischen Literatur finden sich zahlreiche Beschreibungen des weiblichen Podex, während die Brüste viel seltener thematisiert und die weiblichen Genitalien kaum einmal erwähnt werden; sogar die griechische Liebesgöttin Aphrodite besaß einen Beinamen, der sich auf ihr Hinterteil bezog: Kallipygos („die mit dem schönen Hintern“).