Charles Baudelaire: der moderne Dichter

Charles Baudelaire, der am 9. April 1821 in Paris geboren wurde, begann nach seinem Abitur ein Jurastudium, das er jedoch stark vernachlässigte, um seinen literarischen Neigungen nachgehen zu können. Um ihn vor einem Abdriften in einen unbürgerlichen Lebenswandel zu bewahren, schickt ihn die Familie auf eine Schiffsreise nach Indien, doch nach einem kurzen Aufenthalt auf den Inseln Mauritius und La Réunion (1841–1842) kehrt er vorzeitig nach Frankreich zurück; das Gedicht À une dame créole, das er der Frau seines Gastgebers auf Mauritius widmet, ist das erste Poem, das er unter seinem Namen veröffentlicht. Das Erbe des Vaters erlaubt es Baudelaire zwar zunächst, das finanziell unabhängige Leben eines Dandys zu führen, doch seine zügellose Lebensweise führt ihn schließlich in die Verschuldung, so dass seine Angehörigen sich gezwungen sehen, ihn unter die Vormundschaft eines Vermögensverwalters zu stellen – Baudelaires ökonomische Situation wird bis zu seinem Lebensende prekär bleiben. Als er 1857 seinen Gedichtband Les fleurs du mal publiziert, kommt es zum Skandal: Man klagt Baudelaire wegen Verletzung der öffentlichen Moral an, er und sein Verleger werden zu Geldstrafen verurteilt und zudem fordert das Gericht von ihnen die Streichung einiger Gedichte. Neben dem Dichten betätigte sich Baudelaire auch als Übersetzer von Edgar Allan Poe, und in seinen Essays hat er bedeutende Beiträge zur Kunst- und Dichtungstheorie geleistet. Erschöpft und erneut in finanzieller Not verlässt Baudelaire im Frühjahr 1864 Frankreich und geht nach Belgien, wo sich sein gesundheitlicher Zustand jedoch erheblich verschlechtert; er zeigt Lähmungen und Sprachstörungen und wird deshalb in Heilanstalten untergebracht. Seine Mutter holt ihn im Sommer 1866 nach Paris zurück, im darauffolgenden Jahr, am 31. August 1867, stirbt er.

Baudelaire gilt als der Urvater des Symbolismus und als der Dichter der Modernität (T. S. Eliot nannte ihn „das größte Beispiel moderner Dichtung in irgendeiner Sprache“),[1] und er gehört auch zu den Schöpfern dieses Wortes, das er 1859 verwendete, „um das Besondere des modernen Künstlers auszudrücken: die Fähigkeit, in der Wüste der Großstadt nicht nur den Verfall des Menschen zu sehen, sondern auch eine bisher unentdeckte geheimnishafte Schönheit zu wittern“.[2] Baudelaire war der Überzeugung, dass die Moderne für die Lyrik eine große Herausforderung darstelle: Wie kann in einer von Kommerz und Technik beherrschten Zivilisation Poesie noch möglich sein? Sein ambivalentes Verhältnis gegenüber der Modernität ermöglichte ihm eine Antwort auf diese Frage. Zwar ist die Moderne für ihn einerseits etwas Negatives: die Welt der hässlichen, lärmerfüllten Großstädte mit all ihren Lastern und Krankheiten, ihren individuellen Einsamkeiten inmitten der Menschenmassen und ihrem technischen Fortschritt, den er als „progressive Abnahme der Seele, progressive Herrschaft der Materie“ begreift. Doch andererseits fasst Baudelaire das Hässliche, Böse, Verfallende, Düstere und Künstliche der Modernität auch als faszinierende Phänomene auf, die die Poesie aufgreifen sollte, da dies dem Poeten ermögliche, der Dichtung neue Felder, eine neue Wirklichkeit zu erschließen. Als ein typischer Vertreter der Décadence-Literatur strebt Baudelaire nach solchen neuen Erfahrungen und Reizen, um dem Ennui zu entfliehen, worunter unser Dichter „[d]ie Niedergeschlagenheit, die aus Illusionsverlust, Erschöpfung, Ekel, Lähmung und Schrecken gemacht ist“,[3] versteht, die seiner Auffassung nach von dem als banal empfundenen Alltagsleben erzeugt wird (Baudelaire spricht von seinem „Ekel am Wirklichen“ und von dem „Laster der Banalität“), daneben aber auch aus der Erfahrung der begrenzten Möglichkeiten des Menschen und seiner Todesverfallenheit resultiert. Der Ennui ist für Baudelaire das schlimmste, bedrohlichste Element des menschlichen Daseins.

Dass die Moderne, konkreter die Großstadt mit ihrem Gewimmel auf Straßen und Plätzen, dem Menschen etwas Faszinierendes, Reizvolles bieten kann, das nicht banal, nicht alltäglich ist und somit keinen Überdruss erzeugt, zeigt eines der berühmtesten Gedichte der Fleurs du mal, das eine erotische Erfahrung schildert, die so oder so ähnlich wohl jeder schon einmal gemacht hat:

A une passante

La rue assourdissante autour de moi hurlait.
Longue, mince, en grand deuil, douleur majestueuse,
Une femme passa, dʼune main fastueuse
Soulevant, balançant le feston et lʼourlet;

Agile et noble, avec sa jambe de statue.
Moi, je buvais, crispé comme un extravagant,
Dans son œil, ciel livide où germe lʼouragan,
La douceur qui fascine et le plaisir qui tue.

Un éclair … puis la nuit! – Fugitive beauté
Dont le regard mʼa fait soudainement renaître,
Ne te verrai-je plus que dans lʼéternité?

Ailleurs, bien loin dʼici! trop tard! jamais peut-être!
Car jʼignore où tu fuis, tu ne sais où je vais,
O toi que jʼeusse aimée, ô toi qui le savais!

Einer Vorübergehenden

Es tost betäubend in der strassen raum.
Gross schmal in tiefer trauer majestätisch
Erschien ein weib · ihr finger gravitätisch
Erhob und wiegte kleidbesatz und saum ·

Beschwingt und hehr mit einer statue knie.
Ich las · die hände ballend wie im wahne ·
Aus ihrem auge (heimat der orkane):
Mit anmut bannt mit liebe tötet sie.

Ein strahl … dann nacht! o schöne wesenheit
Die mich mit EINEM blicke neu geboren ·
Kommst du erst wieder in der ewigkeit?

Verändert · fern · zu spät · auf stets verloren!
Du bist mir fremd · ich ward dir nie genannt ·
Dich hätte ich geliebt · dich die’s erkannt.

Nach Walter Benjamin wird in diesem Sonett vor allem auch zum Ausdruck gebracht, dass „die Erscheinung, die den Großstädter fasziniert […] ihm durch die Menge erst zugetragen [wird]“,[4] wobei diese Menge jedoch erstaunlicherweise in den Zeilen kein einziges Mal benannt werde. Der vereinsamte Großstadtmensch mit seinen sexuell-amourösen Bedürfnissen wird durch die plötzliche Begegnung mit einer ihm fremden Passantin, vor allem durch deren Blick, berauscht, doch dieser Augen-Blick der Entzückung, der Liebe ist zugleich auch deren definitiver Abschied: „Sie ʽpassiertʼ im doppelten Sinn des Wortes: als Ereignis und als Verrinnen“.[5]

In dem folgenden Gedicht aus den Fleurs du mal vergleicht Baudelaire die Existenz des Dichters mit der des Albatros, um die Situation des poète maudit, des „verfemten Dichters“, also des von der Gesellschaft seiner Zeit (der Moderne) nicht verstandenen und daher ausgestoßenen und verlachten Poeten, darzustellen:[6] Als Vogel ist der Albatros für höhere Sphären prädestiniert, in der Luft ist er in seinem Element und erscheint majestätisch, doch am Boden, unter Menschen wirkt er lächerlich; ähnlich verhält es sich mit dem Dichter, der sich mit seiner Poesie, die ihm andere Welten jenseits des profanen Alltags eröffnet, über die gewöhnlichen Menschen erhebt, die für ihn nur Verachtung zeigen und ihn belächeln. Dass der Dichter mit einem Vogel, das Dichten mit dem Vogelflug (vorzugsweise dem Flug eines Adlers) verglichen wird, ist keineswegs neu, sondern vielmehr ein seit Jahrtausenden verwendetes Bild, das sich beispielsweise schon bei Pindar, Horaz, Klopstock und Hölderlin findet. Das Neue an Baudelaires Bild ergibt sich aus dem spezifischen Verhalten des den poète maudit symbolisierenden Albatros, das von den Menschen als tölpelhaft beurteilt wird, wenn dieser sich am Boden, also in der Sphäre der Menschen, bewegt.

Lʼalbatros

Souvent, pour sʼamuser, les hommes dʼéquipage
Prennent des albatros, vastes oiseaux des mers,
Qui suivent, indolents compagnons de voyage,
Le navire glissant sur les gouffres amers.

A peine les ont-ils déposés sur les planches,
Que ces rois de lʼazur, maladroits et honteux,
Laissent piteusement leurs grandes ailes blanches
Comme des avirons traîner à côté dʼeux.

Ce voyageur ailé, comme il est gauche et veule!
Lui, naguère si beau, quʼil est comique et laid!
Lʼun agace son bec avec un brûle-gueule,
Lʼautre mime, en boitant, lʼinfirme qui volait!

Le Poète est semblable au prince des nuées
Qui hante la tempête et se rit de lʼarcher;
Exilé sur le sol au milieu des huées,
Ses ailes de géant lʼempêchent de marcher.

Der Albatros

Oft zum Zeitvertreib fangen die Seeleute sich Albatrosse ein,
jene mächtigen Meervögel, die als lässige Reisegefährten dem
Schiffe folgen, wie es auf bitteren Abgründen seine Bahn zieht.

Kaum haben sie die Vögel auf die Planken gesetzt, so lassen
diese Könige der Bläue unbeholfen und verlegen ihre großen
weißen Flügel wie Ruder kläglich neben sich am Boden schleifen!

Dieser geflügelte Reisende, wie ist er linkisch und schlaff! Er,
unlängst noch so schön, wie ist er lächerlich und hässlich! Der
eine neckt seinen Schnabel mit einer Stummelpfeife, der andere
ahmt hinkend den Krüppel nach, wie er zu fliegen versuchte!

Der Dichter gleicht dem Fürsten der Wolken, der mit dem Sturm
Gemeinschaft hat und des Bogenschützen spottet; auf den Boden
verbannt, von Hohngeschrei umgeben, hindern die Riesenflügel seinen Gang.

Quellen:

Einer Vorübergehenden: Original: Charles Baudelaire: Die Blumen des Bösen / Les fleurs du Mal. Vollständige zweisprachige Ausgabe. Aus dem Französischen übertragen, herausgegeben und kommentiert von Friedhelm Kemp, München, DTV, 13. Auflage 2013, S. 198; Übersetzung: Stefan George: Baudelaire. Die Blumen des Bösen. Umdichtungen, CreateSpace Independent Publishing Platform, 3. Auflage 2014, S. 70f.

Der Albatros: Original und Übersetzung: Charles Baudelaire: Die Blumen des Bösen / Les fleurs du Mal. Vollständige zweisprachige Ausgabe. Aus dem Französischen übertragen, herausgegeben und kommentiert von Friedhelm Kemp, München, DTV, 13. Auflage 2013, S. 18–21.

[1] Nach Walter Benjamin sind Baudelaires Fleurs du mal (des Dichters einziges Lyrikwerk) „das letzte Gedichtbuch von gesamteuropäischer Wirkung“.

[2] Hugo Friedrich: Die Struktur der modernen Lyrik. Von der Mitte des neunzehnten bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt, 2006, S. 35.

[3] Ariane Wild: Poetologie und Décadence in der Lyrik Baudelaires, Verlaines, Trakls und Rilkes, Würzburg, Königshausen & Neumann, 2002, S. 74.

[4] Walter Benjamin: Illuminationen. Ausgewählte Schriften 1, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1977, S. 200.

[5] Gerhard Härle: Lyrik – Liebe – Leidenschaft. Streifzug durch die Liebeslyrik von Sappho bis Sarah Kirsch, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 2007, S. 227; vgl. auch Benjamin, op. cit., S. 200f.

[6] Der Begriff poète maudit geht auf Paul Verlaine zurück.