Christian Morgenstern

Der am 6. Mai 1871 als Sohn eines Landschaftsmalers in München geborene Christian Morgenstern studierte zunächst Nationalökonomie, entschied sich dann aber gegen einen bürgerlichen Berufsweg und war als Dichter, Schriftsteller, Journalist und Dramaturg tätig. Er verfasste zunächst vor allem sehr phantasievolle heiter-komische Gedichte, die ihn schnell berühmt machten. Charakteristisch und für die deutschsprachige Lyrik geradezu revolutionär sind seine Wortneuschöpfungen durch ungewöhnliche Zusammensetzungen, wie etwa der Zwölf-Elf, das Mondschaf, das Vierviertelschwein, die Auftakteule, der Steinochs und der Mondberg-Uhu. In Anlehnung an ein Zitat von Nietzsche beschrieb Morgenstern seine Sprachspiele als „Umwortung aller Worte“. Seine besondere Fähigkeit zu phantastischen Modifikationen der Sprache wendete sich darüber hinaus auch der Sprachmelodie und der Lautung zu, was zu schlichtweg unübersetzbaren Schöpfungen führte, wie beispielsweise: „Der Flügelflagel gaustert / durchs Wiruwaruwolz / die rote Fingur plaustert / und grausig gutzt der Golz“. Neben humoristischen Gedichten hat Morgenstern aber auch durch Liebeserfahrungen inspirierte Sonette und Lieder sowie Naturlyrik verfasst, in der er insbesondere die Bergwelt der Alpen sowie die nordische Landschaft Norwegens beschreibt, wo er 1898/99 mehr als ein Jahr verbrachte, um sich für eine Nachdichtung mehrerer Dramen von Ibsen in die Sprache dieses Landes einzuarbeiten. Die Gedichte repräsentieren zwar den bedeutendsten Teil seines Werkes, doch er war ein äußerst vielseitiger Autor, der sich auch anderen Genres und Textgattungen widmete, wie Erzählungen, Prosaskizzen, dramatischen Texten, Sketchen, Aphorismen, Essays und Kritiken. Wie beinahe alle deutschen Humoristen vor ihm, war auch Morgenstern Melancholiker, der unter den Verhältnissen seiner Zeit (in seinem Falle der Wilhelminischen Epoche) litt, denen er nur mit seinem Humor entgegenzutreten wusste: „Es gibt nur eine Rettung: vor dem Ekel muss man sich durch Lachen schützen.“

Als er 1905/06 wegen eines Lungenleidens längere Zeit in einem Sanatorium verbringen musste, machte er eine mystische Erfahrung, die seine weitere Existenz nachhaltig prägte und auch bewirkte, dass sich seine Dichtung zunehmend zu einer philosophisch-spirituellen Gedankenlyrik entwickelte. Morgenstern, der seit seiner Jugendzeit immer wieder mit Erkrankungen der Lunge zu kämpfen hatte, starb 1914 in Meran an einer Lungentuberkulose.

Das folgende Gedicht gehört zu Morgensterns späten lyrischen Schöpfungen, die seinen Weg ins Innere widerspiegeln und die er unter dem Titel Wir fanden einen Pfad zusammenfasste.

Verlange nichts von irgendwem,
lass jedermann sein Wesen,
du bist von irgendwelcher Fem
zum Richter nicht erlesen.

Tu still dein Werk und gib der Welt
allein von deinem Frieden,
und hab dein Sach auf nichts gestellt
und niemanden hienieden.

(Christian Morgenstern: Gedichte in einem Band, Frankfurt am Main, Insel, 5. Auflage 2015, S. 865)