Der portugiesische Fado

Die Spanier haben ihren Flamenco, die Argentinier ihren Tango, die Brasilianer ihren Samba – und die Portugiesen haben ihren Fado, der gemeinhin als der traurig-sehnsuchtsvolle Nationalgesang dieses alten imperialen Seefahrer- und Entdeckervolkes beschrieben wird. Aber mit den beiden Schlagwörtern „Trauer“ und „Sehnsucht“ allein wird man dem Fado, dessen Bezeichnung sich vom lateinischen fatum („Schicksal“) ableitet, nicht gerecht, denn diese spezifisch portugiesische Musikform stellt mit ihrer nationalpsychologischen Fundierung ein überaus komplexes Phänomen dar,[1] was sowohl in als auch außerhalb Portugals immer wieder viele Autoren dazu bewogen hat, über das Wesen des lusitanischen Blues nachzusinnen. Die treffendste mir bekannte Beschreibung der Seele des Fados stammt von Miguel Esteves Cardoso, einem der bedeutendsten portugiesischen Intellektuellen der Gegenwart und zudem ein alfacinha, also ein waschechter Lissabonner: „Der Fado ist ein Lied, dazu verurteilt, an eine glückliche Vergangenheit zu erinnern, die man um jeden Preis vergessen will. Er spricht von jenen unwiederbringlichen Freuden – verlorenen Lieben, zerstörten Illusionen, verrückten Begierden – die widerspenstig in der Erinnerung haften bleiben und jede gegenwärtige Freude unmöglich, ja unerwünscht machen.“[2] Vor diesem Hintergrund muss es dem Ausländer äußerst seltsam erscheinen, dass diese Musik sich in Portugal so großer Beliebtheit erfreut und es viele Portugiesen in den Abendstunden in oftmals recht beengte Kneipen, die tascas, zieht, um dort dem Fado zu lauschen. Doch hierfür gibt es durchaus eine nachvollziehbare Erklärung: „Der Fado ist nicht eigentlich tragisch, denn er enthält auch immer einen schönen Augenblick, an den man sich gern erinnert. Das, was den Fado bewegt, ist nicht so sehr das Unglück, das hereinbricht, sondern das kleine, längst vergangene Glück, das den rührt, der es von neuem fühlt. Als ob man sich die glücklichsten Episoden der Kindheit oder einer leidenschaftlichen Liebe, die herrlichsten Landschaften einer fernen Gegend, die prächtigsten Tage des Sommers in Erinnerung ruft. Mit diesem Gesang der Sehnsucht macht der Fado traurig und bringt uns gleichzeitig das zurück, was wir am meisten begehren. Er beschwört das herauf, was noch gegenwärtig ist: unser fortwährendes Verlangen“ (Miguel Esteves Cardoso, op. cit.). Bei diesem sehnsüchtigen Verlangen nach Vergangenem kommt nun ein weiteres urportugiesisches Phänomen ins Spiel, das mit dem Fado aufs Engste verbunden ist: die als portugiesisches Nationalgefühl geltende saudade, die im Allgemeinen als eine mit Weltschmerz und Fatalismus gepaarte melancholische Sehnsucht der Portugiesen bestimmt wird, der als ungewöhnliche, bizarre Note eine genießende Hingabe an diese Schwermut und Trauer beigemischt ist. Präziser und plastischer bringt es wieder einmal Miguel Esteves Cardoso (op. cit.) auf den Punkt, wenn er schreibt, dass seine Landsleute das Wort saudade „für alles verwenden, was sie von der Vergangenheit erwarten und von dem sie genau wissen, dass sie es nicht erhalten werden. Es ist die süße und sehnsüchtige Erinnerung an eine Vergangenheit, die die Gegenwart boshafterweise nicht zulässt. Die Gegenwart lässt nur zu, dass man sich der Vergangenheit erinnert und sie so fatalistisch wie man kann und möchte im Fado besingt.“

Unter den Gelehrten herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass die beiden alten Maurenviertel Lissabons, die Mouraria und die Alfama, sowie das traditionelle Vergnügungsviertel Bairro Alto im Westen der Stadt die topographische Heimat des portugiesischen Nationalgesangs darstellen und dass dieser in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts „geboren“ wurde. Ganz unterschiedliche Theorien kursieren hingegen in Bezug auf die Frage nach seinen kulturellen und musikalischen Wurzeln. Unter den vielen vorgetragenen Thesen gibt es eigentlich nur eine, der ein gesundes Maß an Plausibilität zugesprochen werden kann. Nach dieser Theorie handelt es sich beim Fado um eine portugiesische Weiterentwicklung beziehungsweise Umgestaltung der brasilianischen modinha, einer einfachen Liedform mit lasziven, schlüpfrigen Texten, die ihrerseits einen Vorläufer in der portugiesischen Volksmusik hat. Im Zuge der Übernahme und Adaptation der brasilianischen modinha durch die Portugiesen habe in inhaltlicher Hinsicht der sehnsüchtige Liebesschmerz die frivolen Themen weitgehend verdrängt. Ebenso wie der Tango ist auch der Fado ein urbaner Musikstil, der ursprünglich im halbseidenen Milieu der Armut, Kleinkriminalität und Prostitution beheimatet war und dann bis in die oberen Gesellschaftsschichten aufgestiegen ist. Bereits zur Anfangszeit des Fados im frühen 19. Jahrhundert gab es in der Alfama und in der Mouraria die casas de fado („Fado-Häuser“), die eine Mischung aus Bordell und Gasthaus waren, in denen junge Frauen tanzten, Fado sangen und sich als Liebesgespielinnen betätigten, vor allem für lebensfrohe Herren aus der Oberschicht, die diese Lokale frequentierten. Auf diesem Wege wurde der Fado im Laufe der Zeit auch unter den Aristokraten populär und schließlich salonfähig. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellen die casas de fado, die sich inzwischen von schummrigen Spelunken und Freudenhäusern zu seriösen Speiselokalen mit Unterhaltungsprogramm entwickelt haben, einen zentralen Bestandteil des Lissabonner Kulturlebens dar. Die Blütezeit des Fados beginnt jedoch etwas später, in den 1940er Jahren, als mit Amália Rodrigues die „Königin des Fados“ die Szene betritt. „A Amália“ („die Amália“), wie die Portugiesen sie nennen, stammte aus sehr einfachen Verhältnissen und wurde in kurzer Zeit sowohl in Portugal als auch im Ausland zur Ikone des Fados, die mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen und Ehrungen ausgezeichnet wurde. Als sie im Oktober 1999 verstarb, ordnete der damalige portugiesische Premierminister eine dreitägige Staatstrauer an, und der gerade laufende Wahlkampf wurde unterbrochen. Amália ist sicher die berühmteste Fado-Sängerin aller Zeiten und insgesamt wohl auch die beliebteste. Neben ihr gab es jedoch auch andere große Interpreten, wie etwa Alfredo Marceneiro, Carlos do Carmo und den überragenden Fado-Gitarristen Carlos Paredes.

Der Fado ist nach Amálias Tod freilich nicht von der Bildfläche verschwunden, sondern bis heute quicklebendig, und die Lissabonner Fado-Lokale sind nach wie vor sehr gut besucht. Seit einigen Jahren ist sogar ein neuer Fado-Boom festzustellen, der zahlreiche exzellente Fado-Interpreten, wie beispielsweise Mariza, Ana Moura, Carminho, Mísia, Katia Guerreiro, Joana Amendoeira, Raquel Tavares, Mafalda Arnauth, Maria Ana Bobone, Gisela João und die drei Brüder: Camané, Hélder Moutinho und Pedro Moutinho, hervorgebracht hat, deren Aufnahmen auch außerhalb Portugals gekauft werden. Internationale Anerkennung erfuhr der Fado auch dadurch, dass er im Jahre 2011 in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen wurde. Angesichts einer solch vitalen, ja blühenden Fado-Szene darf man jedoch nicht den Fehler machen und glauben, dass alle Portugiesen diesem Gesang zugetan seien. Auch heute noch trifft man auf Lissabonner und andere Bewohner des Landes, die wie Lourenço Vaz, der Mathematik-Student, mit dem Hans Magnus Enzensberger 1986 das nächtliche Lissabon durchstreifte, dem Fado äußerst kritisch gegenüberstehen beziehungsweise mit diesem Musikstil rein gar nichts anfangen können: „Portugal ist das einzige Land der Welt, in dem sich erwachsene Menschen heulend an ihrer eigenen Nichtigkeit erbauen. […] Alle Völker haben ihren Kitsch und halten ihn in Ehren. Aber niemand glaubt so inbrünstig an den Nonsens wie wir. Der Kitsch ist unsere Religion. Und warum, wenn man fragen darf? Weil ihn niemand nötiger hat als wir. Der Fado, das ist der Heiligenschein für unsere Ignoranz, die Gloriole, die wir unserem Elend aufsetzen. Kein Wunder, dass saudade unübersetzbar ist. Auf der ganzen Welt ist niemand außer uns stolz darauf, dass er im Eimer ist! Prost!“[3] Seit ein paar Jahren bleiben jedoch nicht nur jene Portugiesen, die dem Fado nichts abgewinnen können, den einschlägigen Lokalen lieber fern: Die portugiesische Wirtschaftskrise und die dadurch noch erheblich verstärkte Fokussierung auf den Massentourismus haben dazu geführt, dass in den Altstadtvierteln Bairro Alto und Alfama inzwischen gefühlt jedes dritte Lokal die ausländischen Besucher mit abendlichem Fado lockt, wobei oftmals, wie ich im Mai 2016 bei einem Besuch in der Tejo-Stadt sehen konnte, ein Mindestverzehr von rund 25 Euro verlangt wird, was sich sehr viele Portugiesen freilich nicht leisten können; dennoch ist es bei nicht wenigen Adressen angeraten, ein oder sogar zwei Tage vor einem Fado-Abend einen Tisch zu reservieren, da diese Etablissements regelmäßig bis unter die Decke mit ausländischen Besuchern gefüllt sind, denn der heute in Lissabonner Kneipen und Restaurants präsentierte Fado ist ein ganz bedeutender Touristenmagnet – allerdings mit einer für Romantiker mit längerer Portugalerfahrung überaus bitteren Kehrseite, denn die bohèmehafte Atmosphäre und Kontingenz, wie sie noch zu Beginn der 1990er Jahre in einzelnen Fado-Kneipen zu finden waren, sind (wohl unwiederbringlich) verschwunden.

Doch glücklicherweise gibt es auch Erfreuliches zu vermelden: Die neue Generation der Fado-Interpreten zeigt sich in Bezug auf Instrumentierung, musikalischen Vortrag und Textinhalte äußerst traditionsbewusst, auch wenn einige Künstler sich bei CD-Einspielungen oder größeren Live-Auftritten mitunter von einem ganzen Orchester begleiten lassen oder auch einmal, so wie Mariza auf ihrer CD Terra, Einflüsse aus anderen Musikstilen, wie kapverdischer Morna und argentinischem Tango, in den Fado einfließen lassen. Im Allgemeinen wird der Gesang nach wie vor von zwei Instrumenten begleitet: einer „normalen“ Gitarre (auf Portugiesisch: viola) und einer zwölfsaitigen portugiesischen Gitarre (guitarra portuguesa), die einer Laute ähnelt. Während die „klassische“ Gitarre für den Rhythmus zuständig ist, tritt die portugiesische Gitarre, nachdem sie den Fado mit einem kurzen Präludium eingeleitet hat, mit der Sängerin in einen Dialog und führt in den beim Fado-Gesang immer wieder eintretenden Pausen Variationen beziehungsweise Fortführungen der Liedmelodie aus. Auch die Themen des portugiesischen „Blues“ sind weitgehend die gleichen geblieben, nicht zuletzt auch deshalb, weil die heutigen Interpreten sehr häufig auf die alten „Klassiker“ zurückgreifen, deren Texte oftmals aus der Feder renommierter portugiesischer Dichter (wie z. B. David Mourão-Ferreira, Pedro Homem de Melo, José Régio und Alexandre OʼNeill) stammen. Besungen werden vor allem Liebesleiden, die Unwägbarkeiten und die Vergänglichkeit des Lebens, der Tod, das Meer … Daneben gibt es jedoch auch Fado-Texte, die von weitaus „profaneren“ Dingen handeln, wie etwa der Gitarre oder der Sardine, die als bedeutender Bestandteil der portugiesischen Küche und Kultur in Lissabon bei keinem Volksfest fehlt (in dem Fado O carapau e a sardinha wird sie mit dem in Portugal ebenfalls sehr beliebten carapau, der Bastardmakrele (Trachurus trachurus), verglichen und trägt als „Leckerbissen des Himmels“ (petisco do céu) in der letzten Strophe den Sieg davon); nicht zuletzt wird in den Texten natürlich auch der Heimatstadt des Fados gehuldigt, wobei Lissabon als Ganzes gewürdigt wird, eines seiner alten Viertel (Alfama, Mouraria, Bairro Alto), die, wie erwähnt, die Wiege des Fados bilden, oder auch ein markanter Fixpunkt dieser Quartiere (wie z. B. die Igreja de Santo Estêvão in der Alfama); und schließlich werden auch das Leben als fadista („Fadosänger/-in“) sowie der Fado selbst besungen:

 

Lisboa Antiga                                         Altes Lissabon
Lisboa, velha cidade,                             Lissabon, alte Stadt,
Cheia de encanto e beleza!                  Voll Zauber und Schönheit!
Sempre a sorrir tão formosa,               Stets so entzückend lächelnd,
E no vestir sempre airosa.                    Und immer anmutig gekleidet.
O branco véu da saudade                     Der weiße Schleier der Saudade
Cobre o teu rosto linda princesa!         Bedeckt Dein Gesicht, hübsche Prinzessin!
(Übersetzung: Stefan Barme)

Vielas de Alfama                                   Gassen der Alfama
Vielas de Alfama                                   Gassen der Alfama
Ruas da Lisboa antiga                          Straßen des alten Lissabon
Não há fado que não diga                   Es gibt keinen Fado, der nicht
Coisas do vosso passado                     Begebenheiten Eurer Vergangenheit erzählt
Vielas de Alfama                                  Gassen der Alfama
Beijadas pelo luar                                 Vom Mondschein geküsst
Quem me dera lá morar                      Wenn ich doch bloß dort mein Zuhause hättʼ
Pʼra viver junto do fado.                      Und so beim Fado leben könnte.
(Übersetzung: Stefan Barme)

Tudo isto é fado                                   Das alles ist Fado
Perguntaste-me outro dia                  Du hast mich neulich gefragt
Se eu sabia o que era o fado              Ob ich wüsste, was der Fado ist
Eu disse que não sabia                        Ich sagte, dass ich es nicht wüsste
Tu ficaste admirado                            Und Du warst verwundert
Sem saber o que dizia                        Ohne zu wissen, was ich sagen sollte
Eu menti naquela hora                       Habe ich in diesem Moment gelogen
E disse que não sabia                         Und gesagt, dass ich es nicht wüsste
Mas vou-te dizer agora                      Aber ich werde es Dir jetzt sagen

Almas vencidas                                   Besiegte Seelen
Noites perdidas                                  Verlorene Nächte
Sombras bizarras                                Seltsame Schatten
Na Mouraria                                        In der Mouraria
Canta um rufia                                    Singt ein Zuhälter
Choram guitarras                                Weinen Gitarren
Amor ciúme                                         Liebe Eifersucht
Cinzas e lume                                      Asche und Feuer
Dor e pecado                                      Schmerz und Sünde
Tudo isto existe                                  Das alles gibt es
Tudo isto é triste                                Das alles ist traurig
Tudo isto é fado                                 Das alles ist Fado
(Übersetzung: Stefan Barme)

 

Wie so viele andere auch, die einmal eine längere Zeit in der Stadt am Tejo verbringen durften, befällt auch mich hin und wieder eine Lissabon-Sehnsucht, die so manches Mal aufsteigt, wenn ich an das Studienjahr zurückdenke, das ich dort 1992/93 absolviert habe. Meine Erinnerungen an Lissabon führen mich meist auch in die wohnzimmergroße Kneipe in dem Ausgehviertel Bairro Alto zurück, in der sich an bestimmten Wochentagen Frauen und Männer aus der Nachbarschaft, die sich zum Fado berufen fühlten, trafen und bei Wein, Bier und viel Gequarze den Fado um des Fados willen zelebrierten. Hier herrschte stets eine familiäre und heiter-entspannte Atmosphäre. Während der kurzen Pausen scherzten die Musiker untereinander, und es gab immer auch Neckereien zwischen ihnen und der warmherzigen, rundlichen, gleichzeitig aber auch äußerst gewitzten und scharfzüngigen Wirtin. Doch sobald dann wieder die ersten traurigen Gitarrenklänge oder Refrains zu hören waren, merkte man deutlich, dass diese Musik und diese Texte den Portugiesen doch sehr nahe gehen; die Gesichter verfielen in Melancholie, und bei so mancher finalen Strophe hielt die ansonsten so emsig um ihre Gäste bemühte Wirtin sichtlich gerührt inne – die saudade hatte sie ergriffen. „Der Fado ist immer der gleiche, es ist immer der Fado, der die traurigen Seelen zum Träumen bringt“ heißt es in dem Fado Mein Bairro Alto (Meu Bairro Alto).

Stark vom Fado beeinflusst ist die Musik der Gruppe Madredeus mit ihrer Sängerin (inzwischen Ex-Sängerin) Teresa Salgueiro:

[1] Der studentisch geprägte Fado der traditionsreichen Universitätsstadt Coimbra (Fado de Coimbra), der sich vom „klassischen“ Fado, vom Fado de Lisboa, deutlich unterschiedet, bleibt hier unberücksichtigt.

[2] Miguel Esteves Cardoso: „Fado“, in: Merian – Portugal, Hamburg, Hoffmann und Campe, 1986, S. 68–71; Übersetzung aus dem Portugiesischen von Alrun Faria.

[3] Hans Magnus Enzensberger: „Portugiesische Grübeleien“, in: Ders., Ach Europa! Wahrnehmungen aus sieben Ländern, Frankfurt am Main, Suhrkamp, zweite Auflage 1987, S. 222.