Der suchende Blick

Ein als „urdeutsch“ geltendes charakteristisches Wesensmerkmal der Deutschen ist das Spekulativ-Faustische, also das Strebende, Forschende, das über die Tagesgeschäfte hinausgehende Nachsinnen darüber, was es mit der Welt und dem menschlichen Dasein auf sich hat. Für Thomas Mann (Deutschland und die Deutschen) ist diese Affinität zur Transzendenz, diese „Unweltlichkeit“ ein Teil der deutschen „Innerlichkeit“, die er als „vielleicht berühmteste Eigenschaft der Deutschen“ bezeichnete. Dieses sehnsüchtige Suchen nach dem Unfassbaren, nach dem Sinn des Daseins gehört jedoch nicht nur zum seelisch-mentalen Inventar der Deutschen, es manifestiert sich auch äußerlich – in einer spezifischen Art des Blicks, des Augenausdrucks: „ʻSie sind Deutscherʼ, sagte Tempes weich und sah nun Hammer, noch bevor man angestoßen hatte, wieder fast betörend in die Augen, ʻich sah es schon, als Sie vorhin den Platz überquerten. Dies Suchende in der Pupille – nur die Deutschen haben es. Vielleicht noch manche Russenʼ“ (Eckhard Henscheid, Dolce Madonna Bionda). Die eindrucksvollste künstlerische Darstellung dieser suchenden Pupille, dieses in die Ferne gehenden, metaphysischen Blicks ist sicherlich die hochmittelalterliche Skulptur der Uta von Naumburg im Westchor des Naumburger Doms, eines der bedeutendsten plastischen Bildwerke der deutschen Gotik. Aufgrund des „unweltlichen“, spekulativ-faustischen Wesens der Deutschen, das sich in Utas Blick spiegelt, war es denn auch zwei „Disziplinen“, die jeweils über eine eigene Sprache verfügen und über die Welt hinausgehen, vorbehalten, zur Paradedisziplin beziehungsweise -kunst der Deutschen zu werden: die Philosophie und die Musik (wobei die deutsche Musik mit der sie auszeichnenden Tiefsinnigkeit ein weiteres verbindendes Element zur Philosophie aufweist). Daher könnte man auch sagen, dass der die Welt transzendierende Blick der Uta von Ballenstedt das „abstrakt[e] und mystisch[e], das heißt musikalisch[e] […] Verhältnis des Deutschen zur Welt“ (Thomas Mann) reflektiert.

Aus Utas Blick lässt sich neben dem Spekulativ-Unweltlichen noch ein weiterer, damit eng verknüpfter Wesenszug der Deutschen herauslesen: das Gefühl für das Erhabene, das in uns, wenn wir mit überwältigenden, über unsere Grenzen hinausgehenden Phänomenen konfrontiert werden (wie etwa beim Betrachten eines Vulkanausbruchs oder eines Sturms über dem Meer), sowohl Angst als auch Bewunderung und Ergriffenheit hervorruft. Aber auch das Dasein in seiner Unfasslichkeit ist für uns erhaben, und der zum Spekulativen und Mystischen neigende Deutsche trägt ein unstillbares Verlangen in sich nach diesem Unaussprechlichen, Geheimnisvollen der menschlichen Existenz, nach diesem unerforschlichen Jenseits, das ihn aber auch demütig werden lässt. Daher konnte es wohl nur einem deutschen Maler in den Sinn kommen, das Unfassbare des Daseins, die Unauflösbarkeit des Universums zu malen: Caspar David Friedrich, der „Metaphysikus mit dem Pinsel“, wie er von einem Freund genannt wurde: „Und sännest du auch vom Morgen bis zum Abend, vom Abend bis zur sinkenden Mitternacht; dennoch würdest du nicht ersinnen, nicht ergründen, das unerforschliche Jenseits!“ (Caspar David Friedrich über sein Gemälde Der Mönch am Meer, 1808–1810). Könnten wir seine berühmten Rückenfiguren herumdrehen, sähen wir in so manchem Gesicht eine weitgehende Übereinstimmung mit Utas ergriffenem metaphysischen Blick.

Der suchende Blick
Figur der Uta von Ballenstedt, gest. 1046, Gemahlin des Markgrafen Ekkehard II. von Meißen (bekannt als „Uta von Naumburg“), geschaffen Mitte des 13. Jh. vom sog. Naumburger Meister, im Westchor des Naumburger Doms (für Liebhaber bietet die Gipsformerei der Staatlichen Museen zu Berlin einen schönen Abguss an)

Dieser Text ist erschienen in: Cato (4/2018, S. 25).