Dinu Lipatti

 

„Musik ist die Sprache der Götter.“
(Dinu Lipatti im Alter von 14 Jahren)

Die vielerorts kursierenden Listen der „größten Pianisten aller Zeiten“ (zu ergänzen wäre: von denen Tondokumente vorliegen) führen auf den vorderen Plätzen üblicherweise Sergei Rachmaninow, Vladimir Horowitz, Arthur Rubinstein, Alfred Cortot und Swjatoslaw Richter auf. Neben der Absenz des Polen Josef Hofmann (1876–1957), den kein Geringerer als Rachmaninow für den besten aller Pianisten hielt (Hofmann selbst hingegen sprach Rachmaninow diesen „Titel“ zu), überrascht vor allem das Fehlen des heute vor einhundert Jahren in Bukarest geborenen Dinu Lipatti (19.3.1917–2.12.1950), da eben dieser von sehr vielen Musikern und Klaviermusikkennern als der größte Klavierzauberer aller Zeiten betrachtet wird. Von dem vielstimmigen Enkomion auf diesen „Künstler von göttlicher Spiritualität“ (Francis Poulenc) sei hier nur eine kleine Auswahl wiedergegeben: Karajan sagte einmal über Lipattis Spielkunst: „Es war nicht mehr Klavierspiel, es war Musik, losgelöst von jeder Erdenschwere, Musik in ihrer reinsten Form“; als Artur Schnabel zum ersten Mal Aufnahmen von Lipatti hörte, schwärmte er: „Das ist nicht nur wunderbares Klavierspiel, sondern ein ganz neuer Weg, Klavier zu spielen“; Arturo Toscanini bezeichnete den Rumänen als „the greatest living pianist“;[1] die mit Lipatti eng befreundete rumänische Pianistin Clara Haskil, selbst einer der leuchtendsten Sterne am Pianohimmel, schrieb ihm: „Du bist ein sehr großer Künstler, und schon bald wirst Du alle Deine berühmten Kollegen in den Schatten stellen“; für den musikbegeisterten Hermann Hesse, der sich in vielen Gedichten, Betrachtungen und Briefen mit Musik befasst hat, war Lipatti der beste Klavierspieler, den er je gehört habe, und der „auf dem Klavier habe Klänge hervorbringen können, die kaum mehr Klaviermusik zu sein schienen“; nach dem Zeugnis seines Sohnes Bruno fügte er noch hinzu, dass „diese ganz besonderen Klänge […] außer Lipatti wohl noch keiner fertiggebracht [habe]“.[2] Dass Dinu Lipatti in dem Klassiker The Great Pianists (1963) des amerikanischen Musikkritikers und Klaviermusikspezialisten Harold C. Schonberg nur am Rande mit einem knappen Kommentar gewürdigt wird und Joachim Kaiser ihm in seinem Standardwerk Große Pianisten in unserer Zeit (1974, 2. Aufl.) kein Kapitel widmet, ist schlichtweg ein Skandal – zur Ehrenrettung von Kaiser ist jedoch zu betonen, dass er Lipatti in seinem Klavier Kaiser (14 große Pianisten auf 20 CDs; 2004) nicht unter den Tisch fallen lässt; Klaviermusikenthusiasten werden jedoch sowohl in dieser Sammlung als auch in Kaisers erfolgreichem Buch die französische Pianistin Marcelle Meyer und den Italiener Sergio Fiorentino schmerzlich vermissen – ich schweife ab, kehren wir zurück zu Lipatti! Dieser ist in einem sehr musikalischen Elternhaus aufgewachsen: Der Vater spielte Violine und die Mutter, die dem kleinen Constantin (Dinu ist eine diminutive Koseform) bereits im Alter von fünf Jahren Klavierunterricht erteilte, war eine exzellente Pianistin. 1933 nahm Lipatti als Sechzehnjähriger am Internationalen Klavierwettbewerb in Wien teil und spielte dort vor einer Jury, die sich aus der Crème de la Crème der damaligen Klaviermusikwelt zusammensetzte (Arrau, Backhaus, Cortot, Gieseking, Hess, Landowska, Rachmaninow …). In der Endrunde gab es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Dinu Lipatti und dem Polen Bolesław Kon, dem schließlich der erste Preis zugesprochen wurde, und zwar mit der Begründung, dass er – im Gegensatz zu dem noch sehr jungen Rumänen – schon bald zu alt für derartige Wettbewerbe sein werde (Alfred Cortot war das einzige Jury-Mitglied, das gegen dieses abwegige, gänzlich unpianistische Kriterium protestierte). Ein Jahr später ging Lipatti nach Paris, wo er von Cortot Klavier- und von Charles Münch Dirigierunterricht erhielt, zudem studierte er Komposition bei Nadia Boulanger. Neben dem Unterricht konzertierte er sehr erfolgreich in Paris und anderen europäischen Städten, wobei die Kritiker nicht wussten, was sie mehr loben sollten: seine technische Brillanz oder sein außergewöhnliches musikalisches Verständnis. Lipatti betätigte sich darüber hinaus auch selbst als Musikkritiker und verfasste Rezensionen für die rumänische Zeitung Libertatea. In einem Artikel beklagt er die negativen Auswirkungen von Kommerzialisierung und Zeitgeist auf die Musikkultur:

„Rundfunk und Schallplatte konfrontieren den ausübenden Künstler mit Forderungen, die ihn bisweilen von der eigentlichen Idee seiner Kunst wegführen. Es gibt eine Tendenz hin zu einer absolut technischen Perfektion, die aber bar jeder Begeisterungsfähigkeit und ohne Einfühlungsvermögen ist. Hinzu kommt der Zwang, fortwährend Kompromisse einzugehen, um dem Publikum zu gefallen. Deswegen auch der Mangel an Phantasie, wenn es um Konzertprogramme geht. Warum hat niemand den Mut, Musik zu spielen, die es wert ist, aufgeführt zu werden? Stattdessen begnügen wir Musiker uns mit solchen Werken, von denen wir wissen, dass sie mit Sicherheit den Konzertsaal füllen. Wir haben uns ein Publikum herangezogen, das keinerlei Interesse für Neues zeigt oder für ältere, unbekannte Kompositionen. Und mit ähnlichen Widerständen haben auch die weniger bekannten Interpreten zu kämpfen. Das Publikum will nur noch die Stars sehen, die in Amerika berühmt geworden sind.“[3] Da kann man nur sagen: hellsichtige, prognostische Worte, die im Kern bis in unsere Tage ihre Gültigkeit bewahrt haben.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, kehrte Lipatti in sein Heimatland Rumänien zurück und setzte dort seine Karriere als Konzertpianist fort, wobei er auch zusammen mit seiner späteren Ehefrau, der Pianistin Madeleine Cantacuzène, auftrat. Gemeinsam mit ihr machte sich Lipatti im Herbst 1943 zu einer Reise auf; nach einer Notlandung in Ungarn führte sie ihr Weg über Wien, Stockholm und Helsinki schließlich in die Schweiz, wo er mit seinen Konzerten enorme Erfolge feierte und die ihm angebotene Honorarprofessur am Musikkonservatorium von Genf annahm. Kurz nach seiner Ankunft in der Schweiz machten sich erste Symptome einer Krankheit bemerkbar, die die Ärzte mit einer Röntgentherapie und Senfgas-Injektionen zu heilen versuchten. 1947 wurde bei Lipatti, der nur eine funktionstüchtige Lunge besaß und seit seinen Kindheitstagen eine eher schwache körperliche Konstitution zeigte, ein Hodgkin-Lymphom diagnostiziert, ein bösartiger Tumor des Lymphsystems. Dennoch setzte er seine Konzerttourneen durch Europa fort, wobei es jedoch krankheitsbedingt häufiger zu Absagen von Auftritten kam. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich aber so sehr, dass er schließlich nur noch ein paar Konzerte geben konnte und sich zudem gezwungen sah, seine Professur in Genf aufzugeben. Im Herbst 1949 hörten Freunde Lipattis, Paul Sacher und seine Frau, dass dessen Krankheit in den USA erfolgreich mit Kortison behandelt wurde, woraufhin die beiden zusammen mit anderen Freunden das Geld für das seinerzeit sehr teure Medikament aufbrachten. Und tatsächlich erwies sich diese Behandlung als außerordentlich erfolgreich, und Lipatti fand zunächst zu einer starken Vitalität zurück, doch nach kurzer Zeit verschlechterte sich sein Zustand wieder. Am 16. September 1950 gab er sein letztes Recital, das legendäre Konzert in der französischen Stadt Besançon, das er nur mit größter physischer Anstrengung und unter Schmerzen zu Ende bringen konnte. Den letzten von Chopins 14 Walzern, die den Schlusspunkt seines Programms bildeten, konnte Lipatti wegen zunehmender Schwäche nicht mehr spielen, stattdessen intonierte er ein Stück seines Lieblingskomponisten Bach, den Choral Jesus bleibet meine Freude (aus der Kantate Herz und Mund und Tat und Leben (BWV 147)), mit dem er am 20. Mai 1935 sein Konzertdebüt in Paris begonnen hatte. Am 2. Dezember 1950 starb Lipatti im Alter von gerade einmal 33 Jahren – aber nicht etwa an seiner Krankheit, sondern weil sich ein Abszess in seiner einzigen gesunden Lunge, das von seinem Arzt bei einer Untersuchung an diesem Tage übersehen worden war, geöffnet hatte.

Bild von Dinu Lipatti bei seinem letzten Konzert in Besançon

Dinu Lipatti bei seinem letzten Konzert in Besançon (1950)
Bild von Dinu Lipatti mit seiner Frau Madeleine 1950 in Besançon

Dinu Lipatti mit seiner Frau Madeleine 1950 in Besançon

Was Lipattis Klavierkunst anbelangt, so sind neben der technischen Brillanz, die er selbstredend besaß, vor allem die folgenden herausragenden Merkmale zu nennen: die kristalline Klarheit seines Spiels, sein enormer Reichtum an Klangfarben, sein extrem variabler und nuancenreicher Anschlag (selbst in Bezug auf die Finger ein und derselben Hand) sowie seine außergewöhnliche Fähigkeit, das Wesen, den „Ur-Geist“ von Musikstücken zu erfassen. Der kanadische Klaviermusik- und Lipatti-Experte Mark Ainley schrieb über Lipattis Klavierspiel: „He presents each work under his fingers with such disarming simplicity that the music seems to be speaking freely through him, as though he were a receiver through which the composer’s intended message (of which the text is but a shadow) were being transmitted from the source of its inspiration – hence one French criticʼs comment that he ʻheard Chopin himself interpreting his Sonata in B minorʼ“ (zitiert nach: https://web.archive.org/web/20151022165810/http://www.markainley.com:80/music/classical/lipatti/prince_of_pianists.html; Zugriff vom 13.03.2017). Lipattis Produzent und Förderer Walter Legge, der gleichzeitig auch als Musikkritiker tätig war, soll über seinen genialen Schützling gesagt haben: „Gott lieh der Welt sein erwähltes Instrument, das wir für einen viel zu kurzen Zeitraum Dinu Lipatti nannten.“

Bedauerlicherweise gibt es von Lipatti nur relativ wenige Aufnahmen auf CD, allerdings ist so wie im Falle des ersten Klavierkonzerts von Liszt durchaus mit der Entdeckung weiterer noch nicht veröffentlichter Aufnahmen dieses Ausnahmepianisten zu rechnen: Das besagte Liszt-Konzert wurde erst nach dem Tod von Lipattis Witwe Anfang der 1980er Jahre von dem Schweizer Lipatti-Bewunderer Dr. Marc Gertsch entdeckt und in den 1990er Jahren auf CD herausgebracht. Dr. Gertsch, der nach dem Tod von Madeleine Lipatti Zugriff auf deren Privatsammlung erhielt, nahm nicht gleich alle Aufnahmen an sich und musste später leider feststellen, dass jene, die er hatte liegen lassen, nicht mehr da waren. Der Hauptjäger von verschollenen Lipatti-Aufnahmen ist gegenwärtig der bereits erwähnte kanadische Lipatti-Spezialist Mark Ainley, der inzwischen auch fündig geworden ist, denn im Oktober 2016 stellte er in Bukarest im Rahmen eines Vortrags über Lipatti Auszüge aus den jüngsten Entdeckungen von Lipatti-Tonbändern in einer New Yorker Privatsammlung vor.

Lipattis Repertoire ist von Barock und Romantik dominiert, wobei auffällig ist, dass das „Neue Testament“ der Klavierliteratur, die Sonaten von Beethoven, in seinen Einspielungen erstaunlicherweise fehlt; dies bedeutet jedoch keineswegs, dass Lipatti Beethoven nicht (sonderlich) mochte, denn Lipatti hat bei seinen Live-Auftritten Stücke von Beethoven gespielt, häufig die Waldsteinsonate, zweimal das 5. Klavierkonzert. Oft ist zu lesen, dass Lipatti gemeinhin als Bach- und Chopin-Interpret gelte, meine Lieblingsaufnahmen von ihm stammen jedoch nicht aus der Feder dieser beiden Komponisten: Seine Interpretation von Schumanns Klavierkonzert, das er 1948 gemeinsam mit Herbert von Karajan in London aufnahm, seine Einspielung des Grieg-Klavierkonzerts (1947) und Ravels Alborada del gracioso (1948) sind für mich nicht nur die besten Aufnahmen von Lipatti, sondern die besten Interpretationen dieser Werke überhaupt.

Wer noch nicht mit Musik von Lipatti versorgt ist, dem sei die folgende Zusammenstellung wärmstens empfohlen: Dinu Lipatti: Pianist von göttlicher Spiritualität, Documents (Membran) Box-Set, 10 CDs. Auf der sechsten CD findet sich eine weitere Aufnahme, die ich besonders gerne höre, wobei es sich um die Einspielung einer seiner Eigenkompositionen, des viersätzigen Concertino G-Dur im klassischen Stil op. 3 handelt, das Einflüsse der rumänischen Volksmusik sowie von Bartók und Enescu und vor allem auch von Bach erkennen lässt. In der Tat war Lipatti nicht nur ein Klavierspieler von Gottes Gnaden, sondern auch ein sehr begabter Komponist; dies zeigt die 2012 erschienene Doppel-CD Piano Music of Dinu Lipatti (Luiza Borac, Klavier; Academy of St Martin in the Fields, Jaime Martin; Avie (Edel)), die sowohl eigene Werke als auch Bearbeitungen von Lipatti enthält, wobei insbesondere die drei präsentierten Weltersteinspielungen hervorzuheben sind: die Sonate d-Moll (die Lipatti im Alter von gerade einmal 14 Jahren schrieb, und bei der man gleich im ersten Satz deutlich den Einfluss der Romantiker hört, insbesondere von Chopin, im 2. und 3. Satz zeigen sich aber auch Anklänge an die rumänische Volksmusik), Lipattis Arrangement von Navarra (Albéniz) und schließlich seine Fantaisie für Klavier op. 8, die Lipatti seiner Frau gewidmet hat, und die aus fünf Sätzen mit jeweils ganz eigenem Charakter besteht.

Beschließen wollen wir diesen Eintrag mit Lipattis grandioser Interpretation von Ravels Alborada del gracioso:

[1] Ob Toscaninis Urteil aus der Zeit stammt, als er der Schwiegervater von Vladimir Horowitz war, oder ob es früher zu datieren ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

[2] Zitiert in: Hermann Hesse, Musik, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1986, S. 207.

[3] Siehe: http://www.koelnklavier.de/texte/interpreten/lipatti.html; Zugriff vom 13.03.2017.