Eduard Mörike

Da gestern (zumindest) kalendarischer Frühlingsanfang war und die UNESCO den heutigen Tag zum Welttag der Poesie erklärt hat, soll dieser Beitrag dem Dichter Eduard Mörike gewidmet sein, der das schönste mir bekannte Frühlingsgedicht verfasst hat.

Eduard Mörike

Mörike (1804–1875) wuchs als siebtes Kind des Ludwigsburger Stadt- und Amtsarztes auf, studierte am Tübinger Stift Theologie und wurde dann Pfarrer. Mit neununddreißig Jahren ließ er sich pensionieren, im Alter von siebenundvierzig heiratete er und wurde Lehrer am Stuttgarter Katharinenstift. In den folgenden Jahren schrieb Mörike Gedichte, Erzählungen und Novellen, von denen Mozart auf der Reise nach Prag wohl die bekannteste sein dürfte. In seinem eher ereignisarmen Leben stellte die Begegnung mit der schönen und geheimnisvollen Maria Meyer in einem Ludwigsburger Gasthaus, wo diese als Bedienung arbeitete, einen erotisch-emotionalen Spannungshöhepunkt dar, da Mörike sich äußerst heftig in sie verliebte und über mehrere Monate einen Briefwechsel mit ihr unterhielt; seine leidenschaftlichen Gefühle für diese Schöne bildeten später die Grundlage für den fünfteiligen Gedichtzyklus Peregrina („die Fremde, die Reisende“), der zur schönsten Liebeslyrik in deutscher Sprache gehört.

Mörike war keineswegs der verträumte biedermeierliche Dichter, den viele in ihm sahen, sondern ein Autor mit einem komplexen, ja widersprüchlichen Seelenleben, das die euphorische Lebensbejahung ebenso kannte wie den schwermütigen Weltschmerz; und dieser Antagonismus prägt auch seine Lyrik, so heißt es etwa in dem Gedicht Verborgenheit:

Lass, o Welt, o lass mich sein!
Locket nicht mit Liebesgaben!
Lasst dies Herz alleine haben
Seine Wonne, seine Pein!

Was ich traure, weiß ich nicht:
Es ist unbekanntes Wehe;
Immerdar durch Tränen sehe
Ich der Sonne liebes Licht.

und in An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang lesen wir:

Und welch Gefühl entzückter Stärke,
Indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt!
Vom ersten Mark des heutʼgen Tags getränkt,
Fühlʼ ich mir Mut zu jedem frommen Werke.
Die Seele fliegt, soweit der Himmel reicht,
Der Genius jauchzt in mir. Doch sage!
Warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht?
Istʼs ein verloren Glück, was mich erweicht?

Als ein typischer Vertreter des Biedermeier kann Mörike aber allein schon deshalb nicht gelten, weil er die politischen Ereignisse seiner Zeit stets sehr aufmerksam verfolgte, während er sich dem literarischen Mainstream, dem sogenannten Jungen Deutschland, gänzlich verweigerte, denn dessen Forderung nach einer sozialen und politischen Orientierung der Literatur war seinem Denken und Fühlen völlig fremd; zwar hatte er als Jugendlicher das eine oder andere Gedicht mit einem politischen Thema verfasst, doch der reife Mörike ist in seiner Dichtung konsequent unpolitisch, weil er fest davon überzeugt ist, dass die Poesie sich selbst entwertet, wenn sie sich der Tagespolitik hingibt. Mörike stand außerhalb seiner Zeit: Ebenso wenig wie er Biedermeier-Dichter war lässt er sich der Romantik zuordnen. Als einer der drei „deutschen Griechen“ (neben Schiller und Hölderlin) war er sehr stark in der Antike verwurzelt und daher unterscheidet sich seine Dichtung ganz deutlich von der romantischen Poesie, und zwar sowohl in inhaltlicher als auch in formaler Hinsicht: Die für die Romantik zentralen Aspekte Mittelalterbegeisterung, Hingabe an das Irrationale und Apotheose des Subjektiven sucht man in seinen Gedichten vergebens, dafür trifft man auf unterschiedliche antike Versmaße. Und es gibt noch einen weiteren markanten Unterschied zwischen Mörike und den Romantikern: Letztere hatten sich die Aufgabe gestellt, neue, eigene Mythen und Märchen zu schaffen, doch ihre Hervorbringungen in diesem Bereich sind in hohem Maße konstruierte Bildungsdichtung, die an schon vorhandene Mythenstoffe anknüpft und mit Bedeutungen und Allegorien befrachtet wird; Mörikes Märchen hingegen beruhen auf spontaner Eingebung, an die sich freilich das für ihn so charakteristische unermüdliche Ausfeilen und Bearbeiten des Niedergeschriebenen anschloss. Die Welten, die er in seiner märchenhaften Prosa und in seinen Gedichten erschaffen hat, waren für ihn von existenzieller Bedeutung, denn ebenso wie für viele andere Dichter waren sie auch für ihn ein Heilmittel gegen das Leiden an der realen Welt.

Neben der erwähnten Bipolarität von begeisterungsfähiger Kinderseele[1] und Weltoffenheit einerseits („Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüte offen“) und weltfliehendem, elegischem Rückzug in sich selbst andererseits besteht ein weiteres Hauptcharakteristikum von Mörikes Dichtung in dessen herausragender Gabe, Naturerlebnisse in sinnlich-anschaulichen Bildern wiederzugeben und diese in äußerst musikalische Verse zu gießen. Doch nun genug der Vorrede, lassen wir Mörikes Poesie für sich selber sprechen:

Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

 

Um Mitternacht

Gelassen stieg die Nacht ans Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand;
Ihr Auge sieht die goldne Wage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn.
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied –
Sie achtetʼs nicht, sie ist es müdʼ;
Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
Der flüchtʼgen Stunden gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

 

Im Frühling

Hier liegʼ ich auf dem Frühlingshügel:
Die Wolke wird mein Flügel,
Ein Vogel fliegt mir voraus.
Ach, sagʼ mir, alleinzige Liebe,
Wo du bleibst, dass ich bei dir bliebe!
Doch du und die Lüfte, ihr habt kein Haus.

Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüte offen,
Sehnend,
Sich dehnend
In Lieben und Hoffen.
Frühling, was bist du gewillt?
Wann werdʼ ich gestillt?

Die Wolke sehʼ ich wandeln und den Fluss,
Es dringt der Sonne goldner Kuss
Mir tief bis ins Geblüt hinein;
Die Augen, wunderbar berauschet,
Tun, als schliefen sie ein,
Nur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet.

Ich denke dies und denke das,
Ich sehne mich und weiß nicht recht, nach was:
Halb ist es Lust, halb ist es Klage;
Mein Herz, o sage,
Was webst du für Erinnerung
In golden grüner Zweige Dämmerung! –
Alte unnennbare Tage!

 

Mein liebstes Frühlingsgedicht überhaupt ist das folgende, das sich zudem aufgrund seiner Kürze und Musikalität auch besonders gut zum Auswendiglernen eignet:

Er istʼs

Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen. –
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bistʼs!
Dich habʼ ich vernommen!

In vielen Texten über Mörike wird betont, dieser habe in seiner Zeit als größter deutscher Lyriker nach Goethe gegolten, was zwar nicht falsch ist, aber dennoch ein falsches Bild der Mörike-Rezeption suggeriert, denn diese Einschätzung war lediglich unter den feinsten, gebildetsten Geistern der damaligen Zeit zu vernehmen, während das breite Publikum Mörike schlichtweg ignorierte.

[1] „Als Storm den Fünfzigjährigen besucht, da fällt ihm ʻein fast kindlich zarter Ausdruckʼ an diesem Manne auf; so, als sei sein Innerstes ʻvon dem Treiben der Welt noch unberührt gebliebenʼ“ (Hans-Heinrich Reuter: „Eduard Mörike in seinem Leben und Dichten“, in: Eduard Mörike. Herausgegeben von Victor G. Doerksen, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1975, S. 102).