Fernando Pessoa: viele Dichter, viele Leben

Der Portugiese Fernando Pessoa gehört zu den bedeutendsten und gleichzeitig auch zu den rätselhaftesten Autoren der Weltliteratur. 1888 in Lissabon geboren, verlor er im Alter von fünf Jahren seinen Vater, der an Tuberkulose starb; seine Mutter heiratete zwei Jahre später einen Militäroffizier, der zum portugiesischen Konsul im südafrikanischen Durban bestimmt wurde, wo Pessoa seine Kindheit verbrachte und in die englische Sprache und Kultur eintauchte. Nach erfolgreichem Schulabschluss kehrte er als Siebzehnjähriger ohne die Familie in seine Heimatstadt Lissabon zurück, die er bis zu seinem Tode im Jahre 1935 nicht mehr verließ. Hier ging Fernando Pessoa, der zeitlebens Junggeselle blieb, seinem Brotberuf als Handelskorrespondent nach und führte ein ausgesprochen unauffälliges Leben. Doch er hatte eine Berufung: die Literatur. Pessoa hat die Dichtung und das intellektuelle Leben Portugals jahrzehntelang nicht nur als Lyriker und Schriftsteller, sondern auch als politischer und philosophischer Denker maßgeblich beeinflusst und in dem kleinen Land am Atlantik die Avantgarde sowie mehrere europäische Literaturströmungen (wie etwa Futurismus, Kubismus und die écriture automatique der Surrealisten) eingeführt und darüber hinaus auch selbst drei Strömungen begründet (Paulismus, Sensationismus und Intersektionismus).[1] Vor allem aber hat er ein einzigartiges literarisches Werk geschaffen, das innerhalb der Weltliteratur eine herausragende Stellung einnimmt; für den italienischen Schriftsteller, Übersetzer und Literaturprofessor Antonio Tabucchi, der als einer der besten Pessoa-Kenner gilt, besteht kein Zweifel daran, dass dieser Autor „mit den tausend Gesichtern“ der geheimnisvollste Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts ist. Tausend Gesichter besaß er zwar nicht, doch die Auswertung seiner berühmten Truhe, in der er mehr als 25 Tausend Manuskripte aufbewahrte (wovon zu seinen Lebzeiten nur ein minimaler Bruchteil veröffentlicht wurde) hat ergeben, dass Pessoa nicht weniger als 83 Pseudonyme, Heteronyme und andere Masken erschaffen hat und damit seinem Familiennamen alle Ehre machte, denn dieser beruht auf dem portugiesischen Substantiv pessoa („Person“), das wiederum auf das lateinische persona zurückgeht, welches die Maske der römischen Schauspieler bezeichnet. Unter seinen vielen fiktiven Autoren ragen die drei bekanntesten Heteronyme Alberto Caeiro, Álvaro de Campos und Ricardo Reis hervor, die allesamt authentische und eigenständige Dichter sind, also jeweils sowohl eigene Werke als auch eine eigene Biographie und einen individuellen Charakter aufweisen und daher keineswegs lediglich Pseudonyme darstellen, denn bei einem Pseudonym haben wir es ja im Unterschied zu diesen Heteronymen mit ein und demselben Autor zu tun, nur dass dieser sein Werk mit einem anderen Namen zeichnet. Der bereits erwähnte Pessoa-Forscher Tabucchi hat die Heteronymie des Portugiesen einmal mittels eines Vergleichs sehr schön auf den Punkt gebracht: „Wenn wir uns das Spiel der Literatur beziehungsweise die Aktivität, Figuren zu erfinden, als groteskes Tennismatch vorstellen, bei dem die Bälle immer nur vom Autor serviert werden, während die literarische Figur auf der anderen Seite des Netzes steht und gewissermaßen nur die Funktion hat, Bälle zugespielt zu bekommen, so war Pessoa bereit, bis zur letzten Konsequenz zu spielen. In seinem Fall hat sich das Match jedoch in zweierlei Hinsicht verändert: irgendwann hat der Partner – oder haben die Partner – auf der anderen Seite des Netzes reagiert. Und Pessoa hat fairerweise weitergespielt. Hinter Pessoas Heteronymie verbirgt sich somit kein klinischer Fall, sondern nur ein ganz „gewöhnlicher Wahnsinn“, so wie vielleicht jede Literatur ganz „gewöhnlicher Wahnsinn“ ist.“[2] Tabucchis Tennis-Metapher ist jedoch insofern nicht gänzlich adäquat, als sie nicht zum Ausdruck bringt, dass Pessoas Heteronyme, also seine Spielpartner auf der anderen Seite des Netzes, nicht nur zu ihm in einem Verhältnis stehen, sondern auch untereinander sehr komplexe persönliche Beziehungen unterhalten. Pessoa selbst hat seine Heteronymie sehr treffend als „ein Drama in Leuten, statt in Akten“ bezeichnet.[3] Schon mit sechs Jahren begann er damit, sich Pseudonyme beziehungsweise fiktive Korrespondenzpartner zuzulegen, seine bedeutendsten Heteronyme schuf er jedoch erst im Erwachsenenalter. Aber warum erfindet der erwachsene Pessoa eine solche Menge von Dichterpersönlichkeiten? Nach seiner eigenen Aussage wurde er durch bestimmte Zeitumstände dazu veranlasst, für sich einen solchen Personenkreis zu kreieren: „Was kann denn ein genialer Mensch angesichts eines heute derart spürbaren Mangels an Literatur anderes tun als sich ganz für sich allein in eine Literatur verwandeln? Was kann ein sensibler Mensch angesichts des Mangels an Zeitgenossen, mit denen sich der Umgang lohnt, Besseres tun, als seine Freunde oder zumindest geistigen Gefährten selbst zu erfinden?“[4] Fernando Pessoas Heteronymie wäre demzufolge das Resultat eines ganz bewussten Aktes der Kompensation und vor allem eine Suche nach einem Ausweg aus der von ihm empfundenen Einsamkeit, die neben dem Ich das zweite große Thema der Moderne repräsentiert und auch Pessoas Leben und Werk beherrscht; in einer persönlichen Notiz aus dem Jahre 1914 bekennt er: „Ich bin immer mehr allein, immer verlassener. Nach und nach zerbrechen mir alle Bindungen. In Kürze werde ich ganz allein sein.“[5] Doch Pessoas Heteronymie basiert sicher nicht nur auf den genannten Faktoren, denn in einem Brief an den Dichter und Kritiker Adolfo Casais Monteiro vom 13. Januar 1935 (Pessoas Todesjahr) wartet der Dichter mit einer ganz anderen Erklärung auf, indem er eine ihm eigene psychische Veranlagung als Ursprung seiner Heteronymie präsentiert. Da Pessoa in diesem Brief auch detailliert beschreibt, wie seine drei wichtigsten Heteronyme in ihm erschienen sind, soll hier aus den betreffenden Passagen seines Schreibens ausführlich zitiert werden:

„Ich will nun ihre Frage nach der Entstehung meiner Heteronyme beantworten. Ich will sehen, ob es mir gelingt, Ihnen erschöpfend zu antworten.

Ich beginne mit dem psychiatrischen Teil. Ursprung meiner Heteronyme ist meine tief verwurzelte hysterische Veranlagung. Ich kann nicht sagen, ob ich einfach hysterisch oder eher ein Hystero-Neurastheniker bin. Ich neige zur zweiten Hypothese, weil ich in mir Phänomene einer Abulie finde, die nicht im Symptomregister der eigentlichen Hysterie verzeichnet sind. Wie dem auch sei, der geistige Ursprung meiner Heteronyme beruht auf meiner angeborenen, beständigen Neigung zur Entpersönlichung und Verstellung. Diese Phänomene haben sich – zu meinem und meiner Mitmenschen Glück – in mir vergeistigt; das heißt, in meinem praktischen äußeren Leben und im Umgang mit anderen treten sie nicht in Erscheinung; sie explodieren nach innen, und ich trage sie mit mir allein aus. Wäre ich eine Frau – bei Frauen treten die Phänomene der Hysterie als Anfälle und Ähnliches auf –, so würde jedes Gedicht von Álvaro de Campos die Nachbarschaft alarmieren. Ich bin aber ein Mann – und bei Männern zeigt die Hysterie in der Hauptsache geistige Aspekte; so mündet alles in Schweigen und Dichtung …

Dies erklärt, tant bien que mal, den geistigen Ursprung meiner Heteronyme. Ich will Ihnen nun die unmittelbare Geschichte meiner Heteronyme mitteilen. Ich beginne mit den bereits verstorbenen, an die ich mich teilweise gar nicht mehr erinnere, die begraben liegen in der fernen Vergangenheit meiner fast vergessenen Kindheit.

Schon als Kind neigte ich dazu, um mich her eine erfundene Welt zu erschaffen und mich mit Freunden und Bekannten zu umgeben, die nie existiert hatten. […] Seit ich mich als den Jemand kenne, den ich Ihnen nenne, entsinne ich mich, unwirkliche Gestalten im Geist in Aussehen, Bewegungen, Charakter und Geschichte so präzise ausgebildet zu haben, dass sie für mich so sichtbar und mein waren wie die Dinge des missbräuchlicherweise sogenannten wirklichen Lebens. Diese Neigung, die mich überkommt, seit ich mich entsinne, ein Ich zu sein, hat mich immer begleitet; die Musik, mit der sie mich bezaubert, hat sich zwar ein wenig verändert, aber die Art der Bezauberung hat sich nie gewandelt.

So entsinne ich mich an denjenigen, der offenbar mein erstes Heteronym gewesen ist oder besser mein erster inexistenter Bekannter – an einen gewissen Chevalier de Pas aus meinem 6. Lebensjahr, in dessen Namen ich mir selber Briefe schrieb und dessen gar nicht völlig verschwommene Gestalt noch immer jenen Teil meiner Zuneigung erobert, welcher der Sehnsucht benachbart ist. […]

Diese Neigung, um mich her eine andere, der unsrigen gleiche Welt aufzubauen, jedoch mit anderen Leuten, hat meine Einbildungskraft nicht mehr verlassen. Sie durchlief verschiedene Phasen, darunter eine, die schon in die Zeit meiner Großjährigkeit fällt. Es fiel mir eine geistreiche Äußerung ein, die aus irgendeinem Grunde dem, der ich bin oder vermutungsweise bin, völlig fremd war. Ich brachte sie sogleich spontan unter dem Namen eines Freundes vor, dessen Namen ich erfand, dessen Geschichte ich hinzufügte und dessen Aussehen – Gesicht, Wuchs, Kleidung und Gebärden – ich unmittelbar vor Augen hatte. So verschaffte ich mir verschiedene Freunde und Bekannte und machte sie bekannt; sie hatten zwar nie existiert, aber noch heute, nahezu dreißig Jahre später, höre, fühle und sehe ich sie. Ich wiederhole: Ich höre, fühle und sehe sie. Und empfinde Sehnsucht nach ihnen.

(Wenn ich zu sprechen anfange – und mit der Maschine schreiben heißt für mich sprechen –, kann ich mich nur mit Mühe bremsen. Ich habe Sie jetzt lange genug gelangweilt, Casais Monteiro! Ich will nun auf die Entstehung meiner Heteronyme zu sprechen kommen, denn das ist es ja schließlich, was Sie von mir wissen wollen. Auf alle Fälle liefert Ihnen das oben Gesagte die Geschichte der Mutter, die sie geboren hat.)

Gegen 1912, wenn ich nicht irre (groß kann der Irrtum auf keinen Fall sein), kam ich auf den Gedanken, einige Gedichte heidnischer Gesinnung zu schreiben. Ich skizzierte einiges in freien Versen (nicht im Stil von Álvaro de Campos, sondern in einem Stil halber Regelmäßigkeit) und gab dann die Sache auf. Dennoch war mir in einem schlecht gewobenen Halbschatten ein ungefähres Bild der Person erschienen, die diese Verse schrieb. (Ohne mein Wissen war Ricardo Reis geboren worden.)

Anderthalb oder zwei Jahre später verfiel ich eines Tages auf den Gedanken, dem Sá-Carneiro einen Streich zu spielen – einen bukolischen Dichter komplizierter Natur zu erfinden und ihm, wie weiß ich nicht mehr, mit einem Anstrich von Wirklichkeit vorzustellen. Ich verbrachte einige Tage damit, diesen Dichter auszuarbeiten, aber es wurde nichts daraus. An dem Tage, an dem ich es endlich aufgegeben hatte – es war der 8. März 1914 –, stellte ich mich an eine hohe Kommode, nahm ein Stück Papier und begann zu schreiben, stehend, wie ich immer wenn irgend möglich schreibe. Ich schrieb über dreißig Gedichte in einem Zuge in einer Art von Ekstase, deren Besonderheit ich nie werde definieren können. Es war der triumphale Tag meines Lebens; einen zweiten dieser Art werde ich nicht erleben. Ich begann mit einem Titel: „Der Hüter der Herden“. Und dann erschien jemand in mir, dem ich sogleich den Namen Alberto Caeiro gab. Entschuldigen Sie das Absurde des Satzes: in mir war mein Meister erschienen. Dies war meine unmittelbare Empfindung. Und sie war derart mächtig, dass ich, kaum waren die über dreißig Gedichte geschrieben, sofort zu einem anderen Bogen griff und gleichfalls in einem Zuge die sechs Gedichte niederschrieb, die den „Schrägen Regen“ (Chuva oblíqua) Fernando Pessoas bilden. Es war die Rückkehr von Fernando Pessoa Alberto Caeiro zu Fernando Pessoa allein. Oder besser: es war die Reaktion Fernando Pessoas auf seine Nicht-Existenz als Alberto Caeiro.

Als Alberto Caeiro erschienen war, versuchte ich alsbald – instinktiv und unbewusst –, Schüler für ihn zu entdecken. Ich entriss den latenten Ricardo Reis seinem falschen Heidentum, entdeckte seinen Namen und passte ihn sich selbst an – denn in diesem Augenblick sah ich ihn schon. Und auf einmal stieg vor mir entgegengesetzter Herkunft zu Ricardo Reis ein neues Individuum auf. In einem Wurf kam, an der Schreibmaschine, ohne Unterbrechung oder Verbesserung, die „Triumph-Ode“ Álvaro de Camposʼ ans Licht – die Ode mit diesem Namen und der Mensch mit diesem Namen.

Dann erschuf ich eine inexistente Sippschaft. Ich bestimmte alles nach den Regeln der Wirklichkeit. Ich stufte die Einflüsse ab, lernte die Freundschaften kennen, vernahm in mir die Diskussionen und abweichenden Auffassungen, und bei alledem kommt es mir so vor, als sei ich selbst, der Urheber von alledem, dabei am wenigsten beteiligt gewesen. Alles scheint sich unabhängig von mir begeben zu haben. Und anscheinend begibt es sich noch heute so. Wenn ich eines Tages die ästhetische Diskussion zwischen Ricardo Reis und Álvaro de Campos publizieren kann, werden Sie sehen, wie verschieden sie sind und dass ich für diese Angelegenheit ohne jede Bedeutung bin.“[6]

Auch wenn gerade im Falle Pessoas eine gewisse Skepsis seinen eigenen Äußerungen gegenüber angebracht ist („Oftmals, glaube ich fest, verbringe ich geistige Stunden damit, mich selbst zu beschwindeln“ schreibt er in einem Brief an seinen Freund Armando Côrtes-Rodrigues),[7] darf wohl davon ausgegangen werden, dass seine dichterische Polypersonalität multifaktoriell begründet ist und vor allem die folgenden, von ihm selbst genannten Wurzeln aufweist: sein Ungenügen an der zeitgenössischen Literatur, die tief empfundene Einsamkeit und eine seit seiner Kindheit vorhandene „Neigung zur Entpersönlichung und Verstellung“. Was hingegen Pessoas lyrisches Schaffen überhaupt, sein Dichtertum als solches anbelangt, so sind sich die besten Pessoa-Kenner einig, dass dieses auf einer stark ausgeprägten Sehnsucht nach der Kindheit basiert (was auch für einige andere Dichter, wie etwa für Hölderlin, gilt).

Unter den vielen von Pessoa erfundenen Autoren ragen – wie bereits erwähnt wurde – drei Haupt-Heteronyme heraus: Alberto Caeiro, Ricardo Reis und Álvaro de Campos, die allesamt Gedichte schrieben. Von großer Bedeutung ist freilich auch der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares, der Autor des Buches der Unruhe, eines der wichtigsten Prosawerke der Moderne.[8] Ebenso wie Pessoa arbeitet auch Soares als einfacher Büroangestellter in der Lissabonner Unterstadt; nebenbei hält er in tagebuchartigen Aufzeichnungen philosophische Reflexionen, Träume sowie seine in den Gassen und Cafés gewonnenen Impressionen fest. Pessoa bezeichnet ihn als Halbheteronym, „weil seine Persönlichkeit nicht die meinige, doch nicht von ihr verschieden, wohl aber eine einfache Verstümmelung von ihr ist. Ich bin es, minus die Vernunftüberlegung und die Gefühlserregbarkeit.“[9] Was Fernando Pessoa neben dieser Vielköpfigkeit und Vielstimmigkeit zum rätselhaftesten Autor der Weltliteratur macht, ist die Tatsache, dass er als Person überhaupt nicht zu greifen ist: Selbst Fernando Pessoa ipse, der orthonyme Pessoa, wie er in der Forschungsliteratur genannt wird, weil seine Gedichte Pessoa als Verfassernamen tragen, ist nicht mit dem wirklichen Fernando Pessoa identisch, sondern lediglich eine weitere von Pessoas vielen Fiktionen.

Zur Annäherung an das dichterische Werk Fernando Pessoas, welches durch das inzwischen zum Kultbuch avancierte Buch der Unruhe doch etwas in den Hintergrund gedrängt wurde, wollen wir im Folgenden die drei wichtigsten von Pessoas Heteronymen einmal näher betrachten.

Alberto Caeiro, der sein ganzes Leben in einem Landhaus im Ribatejo (einer Region in der Tejo-Ebene nordöstlich von Lissabon) verbrachte, ist die mit der Natur in Einklang stehende, die Welt bejahende Maske Pessoas, er ist unter allen seinen Heteronymen der Natürlichste und Schlichteste, gleichzeitig aber auch der am wenigsten Wirkliche: Im Unterschied zu Campos und Reis hat er weder eine Arbeit noch ein Bewusstsein oder einen Glauben. Reis glaubt an die Form, Campos an die Sinneswahrnehmung, Caeiro jedoch glaubt an nichts, er existiert einfach nur. Er entspricht dem Typus des naiven Dichters, der nach Schiller „einig mit sich selbst und glücklich im Gefühl seiner Menschheit“ ist. Er stellt „eine Sinnlichkeit unter Sinnlichkeiten, ein Existieren unter Existenzen“ (Octavio Paz) dar, er ist das ewige Kind, das unbekümmert durch die Landschaft wandelt, nur die zeitlose Gegenwart kennt und unmittelbare, unpersönliche Gedichte in einer einfachen Sprache verfasst. Fernando Pessoa, der ein metaphysisch beunruhigter Geist war und sich unablässig mit der Frage nach dem Sinn der menschlichen Existenz befasste, hat sich mit Caeiro eine Art Gegenentwurf geschaffen, jemanden, der sich vorgenommen hat, nicht zu denken, sondern sich ausschließlich dem Schauen hinzugeben. Doch ein völliges Ausschalten des Denkens kann ihm freilich nicht gelingen: In den von ihm verfassten bukolischen Gedichten, die die Natur behandeln, schwingen immer auch philosophische Ideen beziehungsweise Fragestellungen mit, so wie etwa in den beiden folgenden Strophen aus dem 5. und 39. Gedicht aus Caeiros Zyklus Hüter der Herden:[10]

Metaphysik? Welche Metaphysik haben die Bäume?
Grün zu sein, belaubt und Zweige zu tragen
Und Früchte zu bringen zu ihrer Zeit, und wir nehmen es gedankenlos hin,
Wir, außerstande, sie wahrzunehmen.
Aber welche Metaphysik wäre besser als die der Bäume,
Die nicht wissen, wozu sie leben,
Nicht wissen, dass sieʼs nicht wissen?

Das Geheimnis der Dinge, wo ist es?
Wo ist es, warum zeigt es sich nicht,
Wenigstens um uns zu zeigen, dass es Geheimnis ist?
Was weiß der Fluss davon und was der Baum?
Und ich, nicht mehr als sie, was weiß ich davon?
Immer wenn ich die Dinge betrachte und daran denke, was die Menschen
von ihnen denken,
Lache ich wie ein Bach, der frisch über einen Stein plätschert.

Über seine zweite große Parallelexistenz, Ricardo Reis, schreibt Pessoa in dem Brief an Adolfo Casais Monteiro, aus dem bereits ausführlich zitiert wurde: „Ricardo Reis ist auf einer Jesuitenschule erzogen worden und, wie schon gesagt, Arzt; seit 1919 lebt er in Brasilien; er ist freiwillig außer Landes gegangen, weil er Monarchist ist. Er ist Latinist dank fremder und ein halber Hellenist dank eigener Erziehung“.[11] Reis, der gleichzeitig Stoiker und Epikureer ist,[12] verfasst in einer reinen und präzisen Sprache, die Pessoa zufolge durch einen übertriebenen Purismus gekennzeichnet ist, Epigramme, Oden und Elegien über altbekannte Themen der europäischen Lyrik, wie etwa die Flucht der Zeit, die Macht des Schicksals und das Carpe diem des von ihm besonders verehrten Horaz:

Ode XXI

Wie rasch vergeht doch alles, was vergeht!
Wie jung verstirbt doch alles vor den Göttern!
Und alles ist so wenig!
Nichts wissen wir, und Phantasie ist alles.
Umkränz mit Rosen dich und trink und liebe
und schweig. Der Rest ist nichts.

In dieser und anderen Oden von Ricardo Reis ist jedoch unverkennbar auch der Einfluss des altpersischen Dichters Omar Chajjam (englische Transkription: Khayyam) gegeben, dessen berühmte Rubaijat (vierzeilige Gedichte) Pessoa kannte:

Da niemand ein Pfandrecht hat aufs Morgen,
erfreue dieses ruhelose Herz:
Trink Wein im Vollmondschein, denn der Mond, Liebste,
wird noch lange wiederkehren und uns nicht finden.
(Omar Chajjam)[13]

„Die praktische Philosophie Khayyams beläuft sich mithin auf ein sanftes Epikureertum, in dem nur noch vage der Wunsch nach Vergnügen durchscheint. Es genügt ihm, Rosen zu betrachten und Wein zu trinken. Eine leichte Brise, ein Gespräch ohne Absicht noch Plan, ein Krug Wein, Blumen, darin und in nichts sonst gipfelt der höchste Wunsch des persischen Weisen. Die Liebe erregt und ermüdet, das Handeln verzettelt und geht fehl, niemand gelangt zum Wissen, und das Denken färbt alles trüb. Daher lassen wir besser ab vom Wünschen und Hoffen, vom müßigen Ehrgeiz, die Welt erklären, und dem törichten Vorhaben, sie verbessern oder regieren zu wollen.“[14]

Über sein drittes Haupt-Heteronym Álvaro de Campos schreibt Pessoa in dem berühmten Brief an Adolfo Casais Monteiro: „Álvaro de Campos wurde am 15. Oktober 1890 in Tavira [im Algarve, S. B.] geboren […] Er ist, wie Sie wissen, in Glasgow ausgebildeter Schiffsingenieur, lebt aber heute untätig in Lissabon.“[15] Álvaro de Campos kommt aus zwei Gründen eine herausragende Rolle in Pessoas Dichter-Kabinett zu: Zum einen ist er von allen das komplexeste Heteronym, das mehrere ganz unterschiedliche Facetten, Sub-Heteronyme, aufweist, und zum anderen zeigt er eine besonders stark ausgeprägte Übereinstimmung mit Fernando Pessoa ipse. Die portugiesische Pessoa-Expertin Teresa Rita Lopes unterscheidet bei Álvaro de Campos vier Sub-Heteronyme, die sich sowohl mental-charakterlich und philosophisch als auch sprachlich-stilistisch deutlich voneinander unterscheiden:[16]

Der unverkennbar von Baudelaire beeinflusste „dekadente Dichter“ Álvaro de Campos, der in seinem Gedicht Opiarium über sich selbst sagt, dass er zu jenen Portugiesen gehöre, „die nach der Entdeckung Indiens arbeitslos wurden“, ist voller Lebensekel, den er durch Drogenkonsum und eine Orientreise vergeblich zu mildern sucht und schließlich den Tod herbeisehnt als Ausweg aus dem Leben, das „ein Landgut ist, auf dem sich eine empfindsame Seele langweilt“ (Opiarium). Er wünscht sich, man solle ihn auf seinem Stuhl sitzen lassen „bis sie kommen, um mich in den Sarg zu legen“ (Opiarium).

Der „futuristische Dichter“ Álvaro de Campos ist der stark von dem amerikanischen Dichter Walt Whitman sowie dem italienischen Begründer des Futurismus Filippo Marinetti beeinflusste Verfasser großer Oden, wie beispielsweise der Triumph-Ode, in der er in freien Versen die Technik und die Maschinen sowie die Dynamik der Moderne, einschließlich der negativen Phänomene, wie Lärm, Gewalt, Krieg, politische Korruption etc., besingt. Dieser nervöse, exaltierte Campos, der „alle Menschen“ und „Teil von allem“ sein will und den es in einem anderen Gedicht danach verlangt, „alles auf alle Arten zu fühlen“, liefert sich in den euphorisch-fiebrigen Wortkaskaden und vielen Onomatopoetika der Triumph-Ode geradezu masochistisch an die Getriebe und Räderwerke der modernen Zivilisation aus, und zwar deshalb, weil er der Überzeugung ist, dass die einzige Wirklichkeit die unserer Sinnesempfindungen sei.

Die dritte Facette, der metaphysische Álvaro de Campos, ist der Dichter, der davon überzeugt ist, sowohl im Leben gescheitert zu sein als auch bei seinem Bemühen, dem Rätsel der menschlichen Existenz näher zu kommen. Er ist melancholisch, unzufrieden, träge, dabei jedoch gleichzeitig voller innerer, metaphysischer Unruhe, und er sehnt sich nach seiner Kindheit zurück. Während der „futuristische“ Álvaro de Campos der Triumph-Ode ein hochemotionales, impulsives Subjekt ist, das die ganze Welt umarmt und alle Gefühle der Welt in sich spüren will, da er überzeugt ist, qua Sinneswahrnehmung Wirklichkeit zu erfahren, tritt der metaphysische Campos als desillusionierter, scharfsinniger Grübler auf, der sich in dem Gedicht Tabakladen (im Original: Tabacaria) fragt, ob er selbst überhaupt Wirklichkeit besitzt.

Álvaro de Camposʼ vierte Facette wird von Teresa Rita Lopes als „o Engenheiro Aposentado“ („der Ingenieur im Ruhestand“) bezeichnet. Dieser selbstironische „Ruhestands“-Campos hat sich von Lissabon an die Costa do Sol zurückgezogen, die sich westlich der portugiesischen Hauptstadt erstreckt, und unternimmt keine Reisen mehr, nicht einmal in seiner Phantasie: „Ich bin leer wie ein ausgetrockneter Brunnen“. Das Dasein löst in ihm Unbehagen und Lustlosigkeit aus („wie Kröten hüpfen und irren wir …“), weshalb er „Wahrheit und Aspirin“ benötige. An anderer Stelle sagt er über sich, dass er nichts mehr denken, nichts mehr fühlen und nichts mehr sein will und bittet, man solle ihn verpacken und in den Fluss werfen. Diese vierte Facette von Campos ist jedoch äußerst ambivalent, denn wir hören von ihm auch, dass sein Herz „etwas größer“ sei „als das ganze Universum“, dass alles Menschliche ihn bewege und er eine „enorme Brüderlichkeit gegenüber der gesamten Menschheit“ empfinde, und wir treffen ihn sogar in einer Bar an, wo er mit einer Frau flirtet.

Das 18 Strophen umfassende Gedicht Tabakladen (Tabacaria) des metaphysischen Álvaro de Campos, das nach Auffassung des italienischen Schriftstellers und Literaturprofessors Antonio Tabucchi das bedeutendste Gedicht des 20. Jahrhunderts ist, behandelt eines der großen Themen der Moderne: die Einsamkeit und Weltverlorenheit des sensiblen, metaphysisch veranlagten Menschen.

Tabakladen

1
Ich bin nichts.
Ich werde nie etwas sein.
Ich kann auch nichts sein wollen.
Abgesehen davon, trage ich in mir alle Träume der Welt.

2
Ihr Fenster meines Zimmers
(des Zimmers von einem der Millionen auf Erden, von dem
niemand weiß, wer er ist,
und wüssten sie, wer er ist, was wüssten sie dann?)
führt zum Geheimnis der ständig von Menschen
bevölkerten Straße,
auf eine Straße, unzugänglich für alle Gedanken,
wirklich, unmöglich wirklich, und sicher, ganz unbekannt
sicher,
mit dem Geheimnis der Dinge unterhalb ihrer Steine und
Lebewesen,
mit dem Tod, der Feuchtigkeit auf die Wände und weißes
Haar auf die Menschen legt,
mit dem Schicksal, das die Karosse des Ganzen über die
Straße des Nichts lenkt.

3
Ich bin heutʼ zerschlagen, als ob ich die Wahrheit wüsste.
Ich bin heutʼ so geistesklar, als ob ich sterben müsste
und keine andere Bruderschaft zu den Dingen besäße
als einen Abschied, bei dem dieses Haus, diese Straßenseite
zur Wagenreihe eines Zuges, zum Signal der Abfahrt
in meinem Kopfe werden,
zur Nervenerschütterung und zum Knochenknirschen bei
der Abfahrt.

4
Ich bin heutʼ fassungslos wie jemand, der dachte und fand
und vergaß.
Ich teile mich heutʼ in die Treue, die ich
dem Tabakladen der anderen Straßenseite als äußerer
Wirklichkeit schulde,
und in die Empfindung, dass alles nur Traum ist, als innere
Wirklichkeit.

5
Ich bin in allem gescheitert.
Da ich planlos verfuhr, war dies alles vielleicht auch nichts.
Aus der Ausbildung, die man mir gab,
stieg ich aus durch das Fenster der Hausrückwand.
Mit großen Vorsätzen ging ich aufs Land.
Aber dort fand ich nur Gräser und Bäume,
und wenn ich Menschen traf, waren sie gleich den anderen.
Ich gehe vom Fenster weg und setze mich auf einen Stuhl.
Woran soll ich denken?

6
Was weiß ich von dem, was ich sein werde, ich, der nicht
weiß, was ich bin?
Bin ich der, für den ich mich halte? Aber ich halte mich für
so vielerlei.
Und so viele glauben, dasselbe zu sein, dass es so viele nicht
geben kann!
Genius? In diesem Augenblick
halten sich hunderttausend Gehirne wie ich im Traum für Genien,
und die Geschichte wird möglicherweise nicht einen verzeichnen,
sie sind nur Dünger für so viele künftʼge Eroberungen.
Nein, ich glaubʼ nicht an mich.
In allen Irrenhäusern sind Irre mit ungezählten Gewissheiten!
Bin ich, der keine Gewissheit kennt, nun ungewisser oder gewisser!
Nein, nicht einmal an mich …
In ungezählten Mansarden und Nicht-Mansarden der Welt
Träumen zu dieser Stunde Möchte-Genies!
Wie viele hohe und edle und lichtvolle Pläne –
ja, wahrhaft hoch und edel und lichtvoll
und vielleicht durchaus zu verwirklichen –
werden nie das Licht der wirklichen Sonne erblicken und nie
zu den Ohren der Menschen gelangen!
Die Welt ist für den, der geboren ist, sie zu erobern
und nicht für den, der träumt, dass er sie erobern könnte,
selbst wenn er recht hat.
Ich habe mehr geträumt als Napoleon.
Ich habe mehr Menschheit an meine Brust gezogen als
Christus,
ich habe heimlich Philosophien ersonnen, die keinem Kant
aus der Feder geflossen sind.
Aber ich bin, und vielleicht für immer, der Mansarden-
bewohner,
auch wenn ich nicht darin wohne;
ich werde immer ein Mensch sein, „der nicht dazu geboren war“;
ich werde immer nur „ein begabter Bursche“ sein;
ich werde immer der Mann sein, der wartete, dass man ihm
die Tür der türlosen Wand aufschlösse,
der das Lied des Unendlichen in einem Hühnerstall sang,
der Gottes Stimme in einem verdeckten Brunnen hörte.
An mich glauben? O nein, an gar nichts.
Schütte mir die Natur auf mein glühendes Haupt
ihre Sonne und ihren Regen und ihren Wind, der mein Haar
zu finden weiß,
und das Übrige komme, wennʼs kommt, wenn es kommen
muss, oder es komme nicht.
Herzkranke Sklaven der Gestirne,
erobern wir die gesamte Welt, ehʼ wir vom Bett aufstehn;
doch wir erwachen, und sie ist undurchsichtig,
wir erheben uns, und sie ist fremd,
wir verlassen das Haus, und sie ist die ganze Erde,
das Sonnensystem, die Milchstraße und das Grenzenlose.

7
(Iss Schokolade, kleines Mädchen;
iss Schokolade!
Sieh, es gibt keine andere Metaphysik auf der Welt als
Schokolade.
Sieh, alle Religionen lehren nicht mehr als die Konditorei.
Iss nur, schmutzige Kleine, iss!
Könnte ich Schokolade essen mit der gleichen Unbefangen-
heit, mit der du isst!
Aber ich denke und, wenn ich das Silberpapier abnehme,
das nur aus Stanniol besteht,
werfe ich alles zu Boden, wie mein Leben.)

8
Wenigstens aber bleibt von der Bitternis dessen, was ich nie
sein werde,
die hastige Schönschrift dieser Verse,
zerborstene Säulenhalle hin zum Unmöglichen.
Mindestens weihʼ ich mir selbst eine tränenlose Verachtung,
edel mindestens in der weiten Gebärde, mit der ich
die schmutzige Wäsche – mein Ich – wegschleudere, ohne
Verzeichnis, fort in den Ablauf der Dinge,
und zu Hause bleibe – ohne Hemd.

9
(Du Tröstliche, die nicht vorhanden ist und deshalb tröstet,
griechische Göttin, als lebendes Standbild gemeißelt,
oder Patrizierin Roms, undenkbar edel und unheilvoll,
oder Herrin der Minnesänger, strahlend vor Anmut,
oder Marquise des Rokokos, dekolletiert und fern,
berühmt Kokotte der Zeit unsrer Eltern
oder auch Modernes – was, weiß ich nicht –
dies alles, es sei, was es sei, inspiriere, wenn es noch
inspirieren kann!
Mein Herz ist ein ausgeleerter Eimer.
Wie Menschen, die Geister beschwören, Geister
beschwören, beschwörʼ ich
mich selber und finde nichts.
Ich trete ans Fenster und sehe die Straße in völliger Klarheit.
Ich sehe die Läden, die Bürgersteige, vorüberfahrende
Wagen,
ich sehʼ die lebendigen und bekleideten Wesen, die
aneinander vorübergehn,
ich sehe die Hunde, die ebenfalls leben,
und all dies lastet auf mir wie ein Bann,
und all dies ist Fremde.)

10
Ich habe gelebt, studiert, geliebt und sogar geglaubt,
und heute beneide ich jeden Bettler, nur weil er nicht ich ist.
Ich sehe die Lumpen und Wunden und Lügen jedes
einzelnen
und denke bei mir: vielleicht hast du nie gelebt und studiert
und geliebt und geglaubt
(denn man kann das alles in Wirklichkeit tun und es doch
nicht tun),
vielleicht hast du nur existiert wie eine Eidechse, der man
den Schwanz abreißt,
und er bleibt Schwanz und krümmt sich, getrennt von der
Eidechse.

11
Ich machte aus mir, was ich nicht verstand,
und was ich machen konnte aus mir, das ließ ich bleiben.
Der Domino, den ich anzog, verfing nicht.
Man erkannte mich gleich als den, der ich nicht war; ich
wehrte mich nicht und verlor mich.
Als ich die Maske abnehmen wollte,
blieb sie am Gesicht kleben.
Als ich sie abnahm und mich im Spiegel betrachtete,
war ich gealtert.
War ich betrunken, verstand es nicht mehr, den Domino
anzuziehn, den ich nicht abgelegt hatte.
Ich warf die Maske fort und schlief im Ankleideraum,
ein Hund, den die Verwaltung duldet,
weil er nicht beißt,
und ich schreibe diese Geschichte, um zu beweisen, dass ich
sublim bin.

12
Musik meiner müßigen Verse,
was gäbe ich drum, dich zu finden als etwas von mir
Erschaffenes,
statt immer dem Tabakladen von gegenüber gegenüber zu
bleiben
und das Bewusstsein zu leben mit Füßen zu treten
wie einen Teppich, auf dem ein Betrunkener strauchelt,
oder die Fußmatte, die die Zigeuner stahlen und die nichts
mehr taugte.

13
Doch der Besitzer des Tabakladens trat an die Tür und blieb
an der Tür.
Ich betrachte ihn mit dem Unbehagen des schräg gedrehten
Kopfes
und mit dem Unbehagen der missverstehenden Seele.
Er wird sterben, und ich werde sterben.
Er wird das Ladenschild hinterlassen, und ich hinterlasse
Verse.
Irgendwann verrotten dann das Ladenschild und auch die
Verse.
Nach einiger Zeit stirbt die Straße, in der das Ladenschild hing,
und die Sprache, in der die Verse geschrieben wurden.
Später stirbt dann der kreisende Planet, auf dem sich dies
alles zutrug.
Auf anderen Satelliten anderer Sternsysteme werden
menschenähnliche Wesen
fortfahren, solche Dinge wie Verse zu machen und unter
Dingen wie Ladenschildern zu leben,
immer das eine dem anderen gegenüber,
immer das eine so nutzlos wie das andere,
das Unmögliche immer so töricht wie das Reale,
das Geheimnis am Grund immer so sicher wie der Geheim-
nisschlaf an der Oberfläche,
immer dies oder anderes oder weder dies noch das andere.

14
Doch ein Mann trat ein in den Tabakladen (um Tabak zu
kaufen?),
und die glaubhafte Wirklichkeit überwältigt mich jäh.
Ich richte mich auf, energisch und überzeugt und menschlich,
und will versuchen, diese Verse zu schreiben, in denen ich
grade das Gegenteil sage.

15
Bei dem Gedanken, sie schreiben zu wollen, zündʼ ich mir
eine Zigarette an
und genieße beim Rauchen Befreiung von allen Gedanken.
Ich verfolge den Rauch, als wärʼs mein eigener Weg,
und genieße in einem feinfühligen, dazu passenden Augenblick
die Befreiung von allen Spekulationen
und das Bewusstsein, dass Metaphysik nur die Folge
schlechter Gesundheit ist.

16
Dann lehne ich mich auf dem Stuhl zurück
und rauche weiter.
Solange das Schicksal es mir erlaubt, will ich weiterrauchen.

17
(Wenn ich die Tochter meiner Waschfrau heiraten würde,
würde ich möglicherweise glücklich.)
Mit dieser Einsicht stehʼ ich vom Stuhl auf. Ich trete ans Fenster.

18
Der Mann hat den Tabakladen verlassen (und das Wechsel-
geld in die Hosentasche gesteckt?).
Ah, ich kenne ihn; es ist der Stefan ohne Metaphysik.
(Der Besitzer des Tabakladens trat an die Tür.)
Wie auf Göttergeheiß hat der Stefan sich umgedreht und
mich erblickt.
Er winkte mir zu, ich rief: Auf Wiedersehn, Stefan!, und das
Weltall
fügte sich, ohne Hoffnung und Ideale, für mich zusammen,
und der Besitzer des Tabakladens lächelte.

Das Gedicht besteht in inhaltlicher Hinsicht aus zwei Teilen, die jeweils unterschiedliche Einstellungen des lyrischen Ichs gegenüber der Welt zum Ausdruck bringen.[17] Im ersten Teil, der die Strophen 1–12 umfasst, begegnet uns ein von metaphysischen Spekulationen geplagtes Ich ohne jegliches Selbstvertrauen, das nach dem Wahrheitsgehalt der Welt fragt, die ihm zwar äußerlich real, aber im Grunde sinnlos und fremd vorkommt. Das dichterische Ich kann sich nicht entscheiden, ob es zu dem Resultat seines Nachdenkens über die Welt stehen soll, was einer völligen Entfremdung in einer irrealen Welt gleichkäme, oder ob es an die Wirklichkeit der Welt glauben soll, was eine Desavouierung und Aufgabe des eigenen Denkens bedeuten würde:

Ich teile mich heutʼ in die Treue, die ich
dem Tabakladen der anderen Straßenseite als äußerer
Wirklichkeit schulde,
und in die Empfindung, dass alles nur Traum ist, als innere
Wirklichkeit.

Dieses Gespaltensein lässt das Ich sein eigenes Unvermögen erkennen und zeigt ihm, dass es auf der Suche nach dem Sinn der Existenz gescheitert ist. Da es auch im Dichten keinen Halt findet, sieht es sich mit der Erkenntnis konfrontiert, dass es nichts ist und nie etwas sein wird: „Ich bin nichts./Ich werde nie etwas sein“.

Im zweiten Teil des Gedichts (Strophen 13–18) lässt das Ich einen Wandlungsprozess erkennen, da es nun versucht, die Dinge und Personen, die es durch sein Fenster auf der Straße sieht, als real zu akzeptieren, auch wenn sie Bestandteile einer unvollkommenen, banalen Welt sind. Daher kann es auch zu einer Kommunikation zwischen ihm und der Welt kommen: Das Ich kennt den Mann, der aus dem Tabakladen tritt, kennt sogar dessen Namen, und dieser Stefan winkt dem Ich zu, das darauf mit einem „Auf Wiedersehn, Stefan“ reagiert. Ist die Welt somit für das lyrische Ich wieder in Ordnung? Nein, sicher nicht. In dem Gedicht Tabakladen, wie überhaupt in der gesamten Dichtung Álvaro de Camposʼ, geht es um die Opposition: metaphysische Spekulation über die Wirklichkeit der Welt versus Verzicht auf ein solches Spekulieren. Einerseits sehnt Campos sich danach, die Phänomene der Außenwelt zu akzeptieren, da er so von dem unablässigen Nachdenken über die Wirklichkeit, das ihm Unbehagen bereitet und dessen er überdrüssig ist, befreit wäre. Doch andererseits kann er sein Denken, sein Bewusstsein nicht aufgeben. In der letzten Strophe von Tabakladen spürt der Leser, dass Álvaro de Campos hier letztlich nur eine Möglichkeit durchspielt, um Teil einer als real akzeptierten Welt zu werden – er kann aber nicht aus seiner Haut, er ist eben nun einmal kein „Stefan ohne Metaphysik“, ohne Bewusstsein, sondern ein Álvaro de Campos mit Metaphysik, mit Bewusstsein, der gar nicht anders kann, als über die Welt da draußen seine Spekulationen anzustellen, und der am Realitätsgehalt dieser Welt immer Zweifel hegen wird, Zweifel, die auch den metaphysisch gestimmten Fernando Pessoa zeit seines Lebens bedrängten, ja peinigten, denn Pessoa war davon überzeugt, dass Glück und Bewusstsein/Wissen letztlich nicht miteinander vereinbar sind und es somit kein wirklich glückliches Existieren geben kann: „Um glücklich zu sein, muss man wissen, dass man glücklich ist. […] Es gibt kein Glück ohne Wissen. Aber das Wissen vom Glück bringt Unglück; denn sich glücklich wissen heißt wissen, dass Glück Zeit ist und dass Zeit unweigerlich vergeht. Wissen heißt töten, im Glück wie in allem anderen. Und doch, nicht wissen heißt nicht existieren.“[18] Diesen sowohl für ihn als auch für Álvaro de Campos so zentralen Problemkomplex hat Fernando Pessoa in seinem Gedicht über eine Schnitterin (Ela canta, pobre ceifeira) in wenigen Zeilen ausgedrückt:[19]

Könnte ich du sein, so unbewusst
heiter, doch ohne mein Ich zu missen,
du sein, aber zugleich bewusst.

Fernando Pessoa starb am 30. November 1935 an einer Leberzirrhose infolge seines übermäßigen Alkoholkonsums. Sein letztes Gedicht, das vom 19. November 1935 datiert, endet mit der Zeile: „Dá-me mais vinho, porque a vida é nada“ („Gib mir mehr Wein, denn das Leben ist nichts“). Seine letzten Worte, die er im Krankenhaus einen Tag vor seinem Tod aufschrieb, lauteten: „I know not what tomorrow will bring.“

Übersetzung des Gedichts Tabakladen nach: Fernando Pessoa: „Algebra der Geheimnisse“. Ein Lesebuch, Frankfurt am Main, Fischer, 1990, S. 142–157.

[1] Pessoa hat sich darüber hinaus auch sehr intensiv mit Astrologie, Okkultismus, Mystik und Esoterik beschäftigt, bewahrte diesen „Disziplinen“ gegenüber jedoch stets eine kritisch-skeptische Haltung.

[2] Antonio Tabucchi, Wer war Fernando Pessoa? München, Hanser, 1992, S. 30.

[3] Fernando Pessoa, Dokumente zur Person und ausgewählte Briefe. Aus dem Portugiesischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Georg Rudolf Lind, Frankfurt am Main, Fischer, 1992, S. 12.

[4] Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, Frankfurt am Main, Fischer, 1988, S. 9.

[5] Fernando Pessoa, Dokumente zur Person und ausgewählte Briefe, Frankfurt am Main, Fischer, 1992, S. 23.

[6] Fernando Pessoa, Dokumente zur Person und ausgewählte Briefe, Frankfurt am Main, Fischer, 1992, S. 162–165.

[7] Fernando Pessoa, Dokumente zur Person und ausgewählte Briefe, Frankfurt am Main, Fischer, 1992, S. 52.

[8] Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, Frankfurt am Main, Fischer, 6. Auflage 2015.

[9] Fernando Pessoa, Dokumente zur Person und ausgewählte Briefe, Frankfurt am Main, Fischer, 1992, S. 167.

[10] Zitiert nach: Fernando Pessoa, Alberto Caeiro: Poesia – Poesie, Frankfurt am Main, Fischer, 2. Auflage 2016, S. 23, 77.

[11] Fernando Pessoa, Dokumente zur Person und ausgewählte Briefe, Frankfurt am Main, Fischer, 1992, S. 166.

[12] Epikureer im ursprünglichen Sinne, nicht in der negativen Bedeutung eines genusssüchtigen Menschen.

[13] Zitiert in: Hafis, Rumi, Omar Chajjam. Die schönsten Gedichte aus dem klassischen Persien. Übertragen von Cyrus Atabay. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Kurt Scharf, München, Beck, 4. Auflage 2015, S. 29.

[14] Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, Frankfurt am Main, Fischer, 6. Auflage 2015, S. 421.

[15] Fernando Pessoa, Dokumente zur Person und ausgewählte Briefe, Frankfurt am Main, Fischer, 1992, S. 166.

[16] Teresa Rita Lopes, Álvaro de Campos. Livro de versos, Lisboa, Estampa, 1993, S. 45–63.

[17] Der Schweizer Romanist Georges Güntert hat eine detaillierte Analyse dieses Gedichts vorgelegt, auf der die folgenden Ausführungen beruhen (vgl. Georges Güntert: „Das Gedicht ʻTabakladenʼ: Eine Analyse“, in: Fernando Pessoa: „Algebra der Geheimnisse“. Ein Lesebuch, Frankfurt/Main, Fischer, 1990, S. 159–180.

[18] Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, Frankfurt am Main, Fischer, 6. Auflage 2015, S. 386.

[19] Zitiert nach: Fernando Pessoa, Dokumente zur Person und ausgewählte Briefe, Frankfurt am Main, Fischer, 1992, S. 65.