Fjodor Iwanowitsch Tjutschew

„Der größte lyrische Dichter Russlands neben Puschkin, nur um vier Jahre jünger als dieser, der kongeniale Zeitgenosse Gogols, Turgenjews, Dostojewskijs, Tolstois, blieb den Russen (natürlich einige wenige Kenner und Liebhaber wahrer Dichtkunst ausgenommen) im Laufe des ganzen 19. Jahrhunderts so gut wie unbekannt. Selbst die neueren Literaturgeschichten erwähnen ihn kaum. Mereshkowskij beklagte sich 1910, dass die Gedichte Tjutschews im russischen Buchhandel nicht aufzutreiben seien“ (Alexander Eliasberg: Russische Literaturgeschichte in Einzelporträts). „Der Grund dieser beispiellosen Erscheinung (man stelle sich vor, dass in Deutschland und England die Werke der zweitgrößten Dichter dieser Länder, etwa Schillers und Byrons, unbekannt blieben!)“ ist nach Eliasberg vor allem darin zu sehen, dass dieser Dichter „eine organische Abneigung gegen den Ruhm hatte und seine Gedichte mehr für sich selbst als für das Publikum schrieb“, und er ergänzt: „in dieser Beziehung steht er wohl in der gesamten Weltliteratur einzig da“. Die Gründe für sein Desinteresse an Öffentlichkeit hat Tjutschew in seinem Gedicht Silentium dargelegt:

Verstumm, entweich, schließ in dich ein
die Träume und Gefühle dein!
Was in der Seele leis erwacht,
mag wie die Sterne in der Nacht
stumm auf- und niedergehen: neig
dein Haupt in Dankbarkeit und schweig.

Kann je ein Herz verkünden – sich?
Ein andrer je ergründen – dich?
Und deines Lebens Sinn und Fug?
Gedanken, ausgedrückt, sind Lug.
Du trübst den Born, drin wühlend: neig
zum Quell dein Angesicht und schweig.

Lern leben ganz in dir allein:
ein Weltall ist die Seele dein,
wo Zauber und Geheimnis spricht;
sie blendet grelles Tageslicht,
betäubt der Lärm des Lebens: neig
dein Ohr dem Sphärenklang und schweig.

(Übersetzung: Wolfgang E. Groeger)

Lauschen wir weiter, was Alexander Eliasberg über diesen großen Lyriker schrieb: „Das Grundthema kehrt in den meisten Gedichten, die sämtlich auffallend kurz sind und die Gedanken in wunderbar komprimierter Form enthalten, immer wieder: wirkliches Sein hat nur die Natur: „sie ist voll Seele und voll Freiheit, in ihr ist Liebe und das Wort“. Im gleichen Gedicht, dem der letzte Satz entnommen, ist spricht Tjutschew voll Mitleid von den Menschen, die

… hausen wie in dunklen Zellen,
ihr Aug ist blind und taub ihr Ohr,
für solche leben nicht die Wellen,
und atmet nicht der Sonnen Chor.

Und da in Nächten ein Gezitter
durchschauert rauschend Wald und Strom
pflog Rats mit ihnen kein Gewitter
in überirdischem Idiom.

(Übersetzung: Wolfgang E. Groeger)

Bei diesen Zeilen mag sich der eine oder andere an Rilkes Erste Duineser Elegie erinnern, in der es heißt:

„Ach, wen vermögen
wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,
und die findigen Tiere merken es schon,
dass wir nicht sehr verlässlich zu Haus sind
in der gedeuteten Welt.“

Und nochmals Eliasberg: „Tjutschew gehörte allerdings nicht zu diesen Blinden; ihm war die Natur so beseelt wie höchstens noch Goethe, und er verstand ihre „unirdischen Zungen“ wie kein anderer. Er hörte sie nicht nur dort, wo sie auch der gewöhnliche Sterbliche wahrnimmt: im Gewitter, in der Meeresbrandung, im nächtlichen Heulen des Windes, sondern auch in der absoluten Stille, wo sie nur der Auserwählte sieht. Er hatte ein eigenes Organ, mit dem er die Natur als Ganzes umfasste, fühlte und sogar sah. Für dieses ganz ungewöhnliche kosmische Gefühl ist folgendes kurze Gedicht (1854) bezeichnend:

Des Schweigens tiefste Stunde hat geschlagen,
da Zeichen werden und das Wunder webt;
des Weltenalls lebendʼger Strahlenwagen
sichtbar im Heiligtum des Himmels schwebt.

Dann – wie das Chaos über Wassern – schwillt die
Nacht,
wie Atlas drückt die Erde Wahngeschwele;
und nur der Muse jungfräuliche Seele
der Gott zu seherischem Traum entfacht.

(Übersetzung: Wolfgang E. Groeger)

Mehr zu Tjutschew nach meinem Aufenthalt im heiligen Moskau.