Franz Liszt: Années de pèlerinage

Joachim Kaiser, den manche als deutschen Musikpapst verehren, andere hingegen für einen „Schwafelhans von Spitzengraden“ (Eckhard Henscheid, Sudelblätter) halten, schreibt in seinem Klassiker Große Pianisten in unserer Zeit (2. Auflage 1974, S. 97): „Gewiss, Wilhelm Kempff ist kein Liszt-Spieler […] Kempff hat weder genug Kraft noch Brillanz für Liszt.“ Ein haarsträubendes Fehlurteil! Viele Liszt-Präsentationen von Kempff scheint Kaiser sich nicht angehört zu haben, denn sonst hätte er vermutlich vernommen, dass man Liszts Werke auch ohne halsbrecherische Fingerkunststücke erstrahlen lassen kann, wobei noch hinzukommt – und dies wird von dem Klassik-Experten offenkundig überhaupt nicht bedacht –, dass Liszt neben kraftstrotzenden akrobatischen Virtuosennummern auch viele lyrische Klavierstücke komponiert hat, die geradezu darauf warten, von einem so luzide-einfühlsamen, und über einen so wunderbar weichen, kantablen Anschlag verfügenden Pianisten wie Wilhelm Kempff interpretiert zu werden. Und daher ist es auch nicht verwunderlich, dass es von Kempff eine Deutsche Grammophon-Aufnahme gibt, die zu den glänzendsten Liszt-Interpretationen zu zählen ist, die es überhaupt auf Tonträger gibt: Wilhelm Kempff: Franz Liszt, Années de pèlerinage: Italie, Deux Légendes, Deutsche Grammophon, 2011.

Mit seiner Geliebten, der französischen Gräfin Marie d’Agoult, reiste Franz Liszt zwischen 1837 und 1839 durch Italien, wo beide sich begeistert mit der italienischen Kultur, Kunst und Literatur befassten. Eindrücke dieser Italienreise hat Liszt in den Kompositionen des zweiten Bandes seines Klavierkompositionszyklus Années de pèlerinage („Pilgerschaftsjahre“) verarbeitet und dabei etwas völlig Neues in der Musikgeschichte vollbracht, denn nie zuvor hatte ein Komponist Musik über einzelne Kunstwerke geschrieben. Das erste Stück des zweiten Teils der Années trägt den Namen Sposalizio, nach Raffaels Gemälde Sposalizio della Vergine (Vermählung Mariä); es folgen Il penseroso („der Nachdenkliche“) nach Michelangelos gleichnamiger Grabskulptur für Lorenzo di Piero deʼ Medici, Herzog von Urbino (nicht zu verwechseln mit Lorenzo di Piero deʼ Medici, genannt Lorenzo il Magnifico, ein Fehler, der so manchem Musikwissenschaftler unterläuft), die Canzonetta del Salvator Rosa (die Übertragung eines Marschliedes) und schließlich drei Sonette nach Petrarca. Das umfangreichste Stück dieses Zyklusteils (Fantasia quasi sonataAprès une lecture de Dante) fehlt, stattdessen hören wir die Gondoliera aus Venezia e Napoli, der dreiteiligen Ergänzung des zweiten Teils der Années de pèlerinage. Dieses Gondellied basiert auf dem venezianischen Volkslied La biondina in gondoletta („Das blonde Mädchen in der Gondel“), das noch heute bekannt ist: Ein Gondoliere lädt eine Blondine mit amourösen Hintergedanken in seine Gondel ein, wo diese jedoch von den zarten Wellen in einen Schlummer geschaukelt wird und so den Avancen entgeht. Abgerundet wird die Aufnahme von den Zwei Legenden: der Vogelpredigt des heiligen Franziskus von Assisi und der Legende des heiligen Franziskus von Paula, der über die Wogen schreitet.

Franz Liszt hat all diese Bilder und lyrischen Gemälde, die er mit seinem feinen poetischen Aufnahmesensorium aufgesogen hat, kongenial in bezaubernde Tondichtungen übertragen, und Wilhelm Kempff, dieser große pianistische Atmosphäriker – was übrigens auch Joachim Kaiser an ihm lobte („Kempff ist ein Atmosphäre schaffender Pianist.“) –, hat sie in all ihrer enorm breiten Stimmungs- und Nuancenvielfalt auf so berückende Art und Weise interpretiert, dass diese Einspielung zu den herausragenden Aufnahmen in der Geschichte der klassischen Musik zu rechnen ist.