Friedrich Hölderlin

Auf Hölderlin wurde ich nicht etwa durch den Deutschunterricht aufmerksam, in dem er ja bekannter- und bedauerlicherweise seit langer Zeit kaum noch eine Rolle spielt, sondern im fernen Portugal, wo ich während eines Auslandsjahres im Rahmen meines Studiums die Bekanntschaft eines Hochschullehrers machte, der einzig und allein deshalb Deutsch lernte, weil er Hölderlin unbedingt im Original lesen wollte – von diesem Bekenntnis beeindruckt und neugierig gemacht griff auch ich alsbald zu diesem Ausnahmedichter …

Friedrich Hölderlin (1770–1843) wuchs in Lauffen am Neckar auf und studierte in Tübingen Theologie. Er arbeitete bei der Frankfurter Bankiersfamilie Gontard als Hauslehrer und unterhielt dabei eine Liebesbeziehung zur Hausherrin, Susette Gontard, die uns in vielen seiner Gedichte und in seinem Briefroman Hyperion als Diotima begegnet. Als Jakob Gontard von dem Liebesverhältnis der beiden erfuhr, setzte er Hölderlin vor die Tür. Es folgten weitere Hauslehrerstellen in der Schweiz und in Frankreich; aus Bordeaux kehrte Hölderlin 1802 in einem Zustand der Verwirrung nach Deutschland zurück, wo man ihn 1805 in eine Irrenanstalt einsperrte, ihn aber zwei Jahre später schon wieder entließ, da sein Zustand als unheilbar befunden wurde. Bis zu seinem Tod wurde er von dem Schreinermeister Zimmer und dessen Tochter in der heute berühmten Turmstube am Neckar in Tübingen gepflegt.

Hölderlin gehörte zu den auch als Gegenklassiker bezeichneten Lyrikern, also zu jenen Poeten, die sich mühsam gegen die beiden überragenden und in ganz Europa verehrten Dichter Schiller und Goethe zu behaupten hatten, indem sie der Poesie neue Wege und Formen erschlossen, ohne dabei den geistigen Reichtum der Klassik aufzugeben. Hölderlin ist dies wie keinem zweiten Dichter gelungen, und viele halten seine Lyrik sogar für vollkommener als die Versdichtungen der beiden großen Weimarer Klassiker: „In Hölderlin erreicht die deutsche Verskunst eine Konzentration, Reinheit und Geschlossenheit der Form, die beispiellos dasteht. Es gibt keine zweite europäische Dichtung, die ausgereifter wäre, unausweichlicher in dem Sinne, dass sie jede lockerere, prosaischere Anordnung ausschließt.“[1] Umso erstaunlicher mutet daher Hölderlins Rezeptionsgeschichte an, denn weder Schiller, der Hölderlin anfänglich unterstützte, noch Goethe erkannten den Wert von Hölderlins lyrischem Werk, so dass dieser geniale Dichter während des ganzen 19. Jahrhunderts nicht weiter beachtet wurde; erst Wilhelm Dilthey und der George-Kreis haben seine herausragende poetische Kraft erkannt und so dafür gesorgt, dass er im 20. Jahrhundert endlich die verdiente Würdigung erfuhr.

Hölderlins Lyrik ist geprägt durch ein eigenwilliges, nach antiken Modellen gestaltetes Versmaß, eine klare rhythmische Struktur und die Verwendung griechischer Strophenformen. Eigentümlich ist auch seine lyrische Sprache mit ihrer Mischung aus Melancholie, Schmerz und einem für unsere heutigen Ohren oftmals reichlich befremdlich klingenden Pathos. In einem seiner Hauptwerke, dem bereits erwähnten zweibändigen lyrischen Briefroman Hyperion oder der Eremit in Griechenland, der autobiographische Bezüge aufweist, geht es ihm um eine Anknüpfung an das antike Griechenland und seine Kultur, die für Hölderlin für Freiheit und Menschlichkeit stehen, die er sich für die Zukunft auch in Deutschland erhoffte. Denn die Gegenwart war ihm fremd geworden: „Es ist eine bessere Zeit, die suchst du, eine schönere Welt“, wird Hyperion von seiner geliebten Diotima bescheinigt, und diese „Diagnose“ galt sicher auch für Hölderlin, der ebenso wie Hyperion „auf der Erdʼ ein Fremdling“ blieb und für den seine Zeitgenossen „Barbaren von alters her“ waren. Daher ist es nicht verwunderlich, dass eine unbändige Sehnsucht nach wahren, dem griechischen Ideal entsprechenden Menschen die Ursprungs- und Kraftquelle von Hölderlins Dichtung darstellt. Der Kulturphilosoph Max Picard schrieb über die Hölderlinsche Lyrik: „Das Wort ruft durch den Vorraum der Schöpfung hindurch nach dem Menschen. Es ist wie das Wort, das sich spricht, noch bevor der Mensch da ist und das tönend ist vor Sehnsucht nach dem Menschen.“[2]

Aus Hölderlins Leiden an seiner Zeit erwuchsen die zentralen Themen seiner Dichtung: die Ideale der Freundschaft, Liebe, Schönheit und Harmonie sowie die Verherrlichung der Natur. In der Ode Abendphantasie, eine von Hölderlins schönsten und anrührendsten poetischen Hervorbringungen, begegnen uns alle diese Inhalte in einem Gedicht.

Abendphantasie

Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt
Der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd.
Gastfreundlich tönt dem Wanderer im
Friedlichen Dorfe die Abendglocke.

Wohl kehren jetzt die Schiffer zum Hafen auch,
In fernen Städten, fröhlich verrauscht des Markts
Geschäftiger Lärm; in stiller Laube
Glänzt das gesellige Mahl den Freunden.

Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen
Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh und Ruh
Ist alles freudig; warum schläft denn
Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?

Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint
Die goldne Welt; o dorthin nehmt mich,
Purpurne Wolken! und möge droben

In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb und Leid! –
Doch, wie verscheucht von töriger Bitte, flieht
Der Zauber; dunkel wirds und einsam
Unter dem Himmel, wie immer, bin ich –

Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt
Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja,
Du ruhelose, träumerische!
Friedlich und heiter ist dann das Alter.

Das folgende Gedicht gehört nach Auffassung von Marcel Reich-Ranicki – und hier ist dem „Literaturpapst“ unbedingt zuzustimmen – „zu den Wundern in deutscher Sprache“.[3]

An die Parzen

Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Daß williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe.

Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
Doch ist mir einst das Heilige, das am
Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen,

Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!
Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
Mich nicht hinab geleitet; Einmal
Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.

Dieses Gedicht zeigt, dass neben den oben genannten Inhalten auch die Poesie selbst zu den zentralen Themen von Hölderlins Lyrik zählt. Aber wie sollte es auch anders sein, denn schließlich war in Hölderlins Leben die Poesie alles, sie allein rechtfertigte nach seiner Auffassung das Dasein, nur sie versprach Erlösung.[4] So bittet er in dieser Ode die Parzen darum, ihm die Zeit zu schenken, die er benötigt, um seine Dichtung reifen zu lassen. Das ist sein einziges Begehren – nach der Vollendung seiner Poesie, so erklärt er, werde ihm sogar die Schattenwelt, der Tod, willkommen sein. Dabei ist ihm sehr wohl bewusst, dass ihn seine Dichtung dorthin nicht begleiten wird, doch dies ist ihm egal, denn er wird dann doch wenigstens einmal göttergleich gelebt, das heißt einen vollendeten Gesang erschaffen haben. Dieses Gedicht ist somit ein Loblied auf die Poesie, auf die Kunst, die – und zwar nur sie allein – dem Menschen göttliche Momente schenken kann. Nur die Kunst vermag es, das Leben für den Menschen erträglich zu gestalten.

[1] George Steiner: „Der Dichter und das Schweigen“, in: ders.: Sprache und Schweigen. Essays über Sprache, Literatur und das Unmenschliche, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 2. Aufl. 2016, S. 106.

[2] Max Picard: Die Welt des Schweigens, Schaffhausen, Loco, 2009, S. 151.

[3] Die Parzen sind die drei römischen Schicksalsgöttinnen, die den drei Moiren der griechischen Mythologie entsprechen: Nona spinnt den Lebensfaden, Decima hält ihn mit ihrem Stab und bestimmt dessen Länge, und Morta (Parca) schneidet ihn durch und bestimmt die Art des Todes der Menschen.

[4] Diese Vorstellung Hölderlins von einer Erlösung durch die Kunst wird gemeinhin mit Nietzsche assoziert, sie findet sich aber auch bei zahlreichen anderen Künstlern, wie etwa bei Richard Wagner sowie in unseren Tagen vor allem bei Botho Strauß.