Gabriele DʼAnnunzio

Gabriele DʼAnnunzio wurde am 12. März 1863 als Sohn eines wohlhabenden Landbesitzers in der adriatischen Küstenstadt Pescara, die zur mittelitalienischen Region Abruzzen gehört, geboren (gest. 1938). Er war eine der schillerndsten Figuren der europäischen Décadence und besaß eine extrem facettenreiche und vitale Persönlichkeit: Er war hochsensibler Dichter, Romancier, Journalist, Kunstsammler, mit Orden und Ehrenzeichen ausgezeichneter Frontkämpfer, sich in der Adriastadt Fiume als autokratisch-anarchischer Staatschef gerierender Freischarenführer, egozentrischer Erotomane, verschwendungssüchtiger Dandy, Freund Mussolinis, Antiklerikaler, dessen Werke von der Kirche auf den Index gesetzt wurden, charismatischer Volkstribun und Demagoge, Meister der Selbstinszenierung …, der im Alter seine Doppelnatur bekannte, als er von „dem gottlosen und heiligen Kampf zwischen dem Erzengel, der ich bin, und dem Ungeheuer, das ich auch bin“ sprach. Als politischer Ästhet war sein Anliegen die Überwindung des Niedergangs der europäischen Kultur – die für ihn hauptsächlich eine lateinisch-mediterrane, in der Antike gründende Kultur war – durch die Initiierung einer radikal-konservativen Aufbruchsbewegung der jugendlichen Eliten. Daher kann es nicht verwundern, dass uns in seinen Werken immer wieder die Beschwörung der großen nationalen Vergangenheit sowie das Besingen der landschaftlichen Schönheit des Mittelmeerraums begegnen. Zu seinen vollkommensten poetischen Schöpfungen zählen seine impressionistischen Verse, „welche in fast unirdisch zarten Tönen die feinsten, beinahe schon immateriellen Schwingungen einer Landschaft, Jahreszeit oder Witterung, den Duft, die Atmosphäre und den Zauber einer Stunde festhalten. Ihre Schönheit liegt in ihrer sprachlichen und rhythmischen Vollendung, in ihrer betörenden Musikalität, welche die banausische Frage nach einer zusätzlichen Botschaft des Dichters gar nicht erst sich erheben lassen“.[1] Diese rhythmische und musikalische Vollkommenheit zeigt sich besonders eindrucksvoll in einem der schönsten Gedichte DʼAnnunzios, La pioggia nel pineto („Der Regen im Pinienhain“), in welchem die italienische Sprache sich geradezu in reine Musik verwandelt. Die Übersetzung ins Deutsche kann hier aufgrund der strukturellen Unterschiede zwischen den beiden Sprachen und der weitaus größeren Musikkompatibilität des Italienischen nicht mithalten, und daher können nur jene, die der Originalsprache (zumindest passiv) mächtig sind, den ganzen Zauber dieser Verse genießen (tja, wer Poesie liebt, sollte eben unbedingt Fremdsprachen lernen!). Zu diesem Gedicht inspiriert wurde DʼAnnunzio durch einen Spaziergang mit seiner Geliebten durch einen Pinienwald bei Sommerregen.

La pioggia nel pineto

Taci. Su le soglie
del bosco non odo
parole che dici
umane; ma odo
parole più nuove
che parlano gocciole e foglie
lontane.
Ascolta. Piove
dalle nuvole sparse.
Piove su le tamerici
salmastre ed arse,
piove su i pini
scagliosi ed irti,
piove su i mirti
divini,
su le ginestre fulgenti
di fiori accolti,
su i ginepri folti
di coccole aulenti,
piove su i nostri vólti
silvani,
piove su le nostre mani
ignude,
su i nostri vestimenti
leggeri,
su i freschi pensieri
che l’anima schiude
novella,
su la favola bella
che ieri
t’illuse, che oggi m’illude,
o Ermione.

Odi? La pioggia cade
su la solitaria
verdura
con un crepitìo che dura
e varia nell’aria
secondo le fronde
più rade, men rade.
Ascolta. Risponde
al pianto il canto
delle cicale
che il pianto australe
non impaura,
né il ciel cinerino.
E il pino
ha un suono, e il mirto
altro suono, e il ginepro
altro ancóra, stromenti
diversi
sotto innumerevoli dita.
E immersi
noi siam nello spirto
silvestre,
d’arborea vita viventi;
e il tuo vólto ebro
è molle di pioggia
come una foglia,
e le tue chiome
auliscono come
le chiare ginestre,
o creatura terrestre
che hai nome
Ermione.

Ascolta, ascolta. L’accordo
delle aeree cicale
a poco a poco
più sordo
si fa sotto il pianto
che cresce;
ma un canto vi si mesce
più roco
che di laggiù sale,
dall’umida ombra remota.
Più sordo, e più fioco
s’allenta, si spegne.
Sola una nota
ancor trema, si spegne,
risorge, trema, si spegne.
Non s’ode voce del mare.
Or s’ode su tutta la fronda
crosciare
l’argentea pioggia
che monda,
il croscio che varia
secondo la fronda
più folta, men folta.
Ascolta.
La figlia dell’aria
è muta; ma la figlia
del limo lontana,
la rana,
canta nell’ombra più fonda,
chi sa dove, chi sa dove!
E piove su le tue ciglia,
Ermione.

Piove su le tue ciglia nere
sì che par tu pianga
ma di piacere; non bianca
ma quasi fatta virente,
par da scorza tu esca.
E tutta la vita è in noi fresca
aulente,
il cuor nel petto è come pèsca
intatta,
tra le pàlpebre gli occhi
son come polle tra l’erbe,
i denti negli alvèoli
son come mandorle acerbe.
E andiam di fratta in fratta,
or congiunti or disciolti
(e il verde vigor rude
ci allaccia i mallèoli
c’intrica i ginocchi)
chi sa dove, chi sa dove!
E piove su i nostri vólti
silvani,
piove su le nostre mani
ignude,
su i nostri vestimenti
leggeri,
su i freschi pensieri
che l’anima schiude
novella,
su la favola bella
che ieri
m’illuse, che oggi t’illude,
o Ermione.

 

Der Regen im Pinienhain

Schweige. Auf den Schwellen
des Waldes hör ich
nicht Menschenlispeln,
nein: hör, wie
fremd uns entgegnet
Wort, aus Tropfen und Blättern quellend
fern-ferne.
Horch, es regnet
aus der Wolkenwand.
Regnet auf die Tamarisken
salzverbrannt,
regnet auf die Pinien, die finster
schuppig verwirrten,
regnet auf die göttlichen Myrten,
auf den Ginster
licht
von blühendem Gold,
auf den Wacholder,
duftströmender Beeren dicht;
regnet uns aufs Gesicht,
das vom Wald gepackte;
regnet uns auf die nackte
Hand,
die leichten
Kleider und die
Gedanken feuchtend,
die die Seele flicht,
die wiedererblühte;
regnet auf die schöne Mythe,
die gestern dich
täuschte und heute mich,
o Hermione.

Hörst du? Der Regen fällt
auf die dürren Pflanzen
mit einem Tanzen
das währt
und sich mehrt und leert,
wie das Laub es erlaubt,
wie das schüttre ihn hält.
Horch: Antwort beut
dem Weinen der Sang
der Zikade
die vorm südlichen Bade
nicht scheut
noch vor aschenen Himmels Linie.
Und die Pinie
hat ihren Klang
und die Myrte den ihren;
der Wacholder noch andern; Lyren
hundertfalt
unter unzähligen Fingern.
Und der Wald
macht, dass wir uns verlieren
in seinem Weben,
Baumleben leben:
und dein Antlitz trunken
und nass vom Regen
wie ein Blatt;
und deine Mähnen,
sie werden
duftend gleich denen
des Ginsters, o Geschöpf du von Erden,
das den Namen hat
Hermione.

Horche, horch: der Akkord
der Zikaden der Luft
lischt,
lischt fort
unterm Weinen,
das schwillt;
aber heiserer quillt
ein Ton, mischt
sich ein aus der Gruft
feucht entlegener Schatten.
Er schwächt sich, lischt,
verschwebt;
allein ein Ermatten
zittert nach, verschwebt,
lebt auf, bebt, verschwebt.
Nicht ist das Meer zu erlauschen.
Jetzt hört man im ganzen Laub
rauschen
den Silberregen,
der reinigt vom Staub;
das Rauschen, es spielt,
wie das Laub es erlaubt,
dicht, minder dicht.
Hörst du nicht:
Stumm ist die Tochter der Luft;
doch des Schlammes Tochter, die Unke,
wieder und wieder
ruft
aus dem Schattendunkel,
wer weiß wo, wer weiß wo.
Oh, es regnet dir auf die Lider,
Hermione.

Regnet, und deine schwarzen Wimpern
scheinen zu weinen,
doch vor Lust;
nicht weiß mehr bist du – du grunelst: Blust,
frisch der Rinde entsprungen.
Und das Leben in uns ist jung,
duftend, reich,
das Herz in der Brust
ist einem Pfirsich gleich,
einem reinen.
Zwischen den Lidern die Augen scheinen
Quellen im Gras;
die Zähne in ihren Alveolen
sind wie bittere Mandeln.
Und wir wandeln
durch Dickichte dickicht-dicht,
bald gesellig, gesondert bald,
(und die grün-rüde Gewalt
umfängt uns die Knöchel, die Knie).
Wer weiß wo, wer wohin!
Und es rinnt,
rinnt uns aufs Gesicht, das vom Wald gepackte,
regnet uns auf die nackte
Hand,
die leichten
Kleider und die Gedanken feuchtend,
die die Seele spannt,
die wiedererblühte;
regnet auf die schöne Mythe,
die gestern mich
täuschte und heute dich,
o Hermione.

Original und Übersetzung: Gabriele DʼAnnunzio: Alcyone. Italienisch – Deutsch. Übersetzt von Ernst-Jürgen Dreyer und Geraldine Gabor unter Mitarbeit von Hans Krieger, Berlin, Elfenbein, 2013, S. 104–113.

[1] Gerd-Klaus Kaltenbrunner: Europa. Seine geistigen Quellen in Porträts aus zwei Jahrtausenden, Zweiter Band, Heroldsberg, Glock und Lutz, 1982, S. 310.