Georgy Catoire: Klaviermusik

Es ist doch höchst erstaunlich, wie viele große Künstler von der „Dame Nachwelt“ (Robert Walser) mit völliger Missachtung gestraft werden, was nach meiner Wahrnehmung in besonders starkem Maße für die Musik gilt. Im Bereich der klassischen Klaviermusik sind in Konzerten beinahe ausschließlich die altbekannten Götter und Giganten, also Chopin, Bach, Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann, Liszt, Brahms, Rachmaninow, Tschaikowski, Skrjabin, Debussy und Ravel zu hören, Haydn, Händel, Scarlatti, Rameau und Couperin erscheinen deutlich seltener in den Programmheften, und Clementi, Medtner, Alkan, Fauré, Mompou, Joseph Marx oder Galuppi (um nur einige Beispiele zu nennen) werden noch weitaus seltener vorgetragen. Und schließlich gibt es begnadete Klaviermusik-Komponisten, deren Werke trotz ihrer herausragenden Qualität praktisch nur dem Kreise derjenigen bekannt sind, die sich auf äußerst intensive Art und Weise mit Klaviermusik befassen. Zu diesen großen Unbekannten zählt Georgy Catoire (1861–1926), ein russischer Komponist französischer Abstammung, dessen Namen man beispielsweise in zwei hervorragenden Standardwerken der Klaviermusik vergebens sucht (Reclams Klaviermusikführer (7. Auflage 1994); Günther Batel: Meisterwerke der Klaviermusik. Ein Führer durch die Klavierliteratur von den Anfängen bis zur Gegenwart (1. Auflage 1997)), während Wikipedia über ihn immerhin ganze vier Zeilen bietet.

Der in Moskau geborene Catoire, der schon im Kindesalter eine besondere musikalische Begabung zeigte, begann mit vierzehn Jahren in Berlin Klavierstunden bei Karl Klindworth zu nehmen, einem Schüler Liszts und Anhänger Wagners. Ob er eine musikalische Laufbahn einschlagen würde, war jedoch keineswegs sicher, denn er begeisterte sich auch für Naturwissenschaften und Mathematik und studierte diese Fächer an der Universität Moskau. 1884 schloss er sein Mathematikstudium mit Auszeichnung ab, dennoch fühlte er sich nun stärker zur Musik hingezogen und so begab er sich wieder nach Berlin, um seine Studien bei Klindworth fortzusetzen. 1887 kehrte er endgültig nach Russland zurück, wo er seine musiktheoretische Ausbildung zunächst bei den Komponisten Rimski-Korsakow und Ljadow und dann als Autodidakt weiter verfolgte; er wusste nun, dass er sein ganzes Leben der Musik widmen würde, was jedoch von seiner Familie und auch von Freunden kritisch zur Kenntnis genommen wurde. 1916 stellte ihn das Moskauer Konservatorium als Professor für Komposition ein. Einige seiner Entdeckungen, die er auf den Gebieten der Harmonielehre und der Kompositionskunst machte, bildeten den Kern mehrerer bedeutender musiktheoretischer Abhandlungen, die er in seinen letzten Lebensjahren veröffentlichte. Catoires Œuvre als Komponist ist nicht sehr umfangreich und enthält neben zahlreichen Werken für Soloklavier, denen offenkundig sein Hauptinteresse galt, unter anderem auch eine Symphonie sowie Gesangs- und Chorwerke. Kein Geringerer als Tschaikowski, den er in seinen jüngeren Jahren kennengelernt hatte, bescheinigte ihm, dass er als Komponist „sehr talentiert“ sei, und auch bei russischen Musikkritikern fanden seine technisch anspruchsvollen Werke große Anerkennung: Der große Musikschriftsteller Viktor Beljajew war von Catoires Schaffen so angetan, dass er nur wenige Monate nach dessen Tod in Moskau eine Biographie über ihn herausbrachte, und ein anderer russischer Musikologe, Leonid Sabanejew, schreibt in seinem Buch Moderne russische Komponisten (1927), Catoire habe unter „dem einzigen, aber heutzutage unentschuldbaren Makel der Bescheidenheit“ gelitten, „der Unfähigkeit, für sich selbst zu werben“, womit er sicherlich einen der Hauptgründe dafür benennt, warum Catoire nach seinem Tod so gut wie ganz in Vergessenheit geriet. Wie erfreulich ist es da, dass einer der größten Pianisten unserer Tage, der Kanadier Marc-André Hamelin, der es sich auf die Fahne geschrieben hat, wenig beachtete Komponisten „auszugraben“ und zu würdigen, eine überwältigende Einspielung von Klavierwerken Catoires vorgelegt hat. Die auf der CD enthaltenen Miniaturen Catoires, die sich zwischen lyrischer Verträumtheit und impulsiver Dramatik bewegen und hier und da an Chopin, den frühen Skrjabin sowie an Fauré (vor allem an einige seiner Nocturnes und Barcarolles) erinnern, werden von Hamelin mit dem ihn auszeichnenden Höchstmaß an Einfühlungsvermögen und technischer Perfektion interpretiert, so dass dieses Klaviermusik-Schatzkästlein in jedem Falle Lust auf mehr Musik von Catoire macht; zudem zeigt uns Hamelin wieder einmal, welche Schönheiten der Klaviermusikliebhaber entdecken kann, wenn er seine Fühler abseits der bekannten Pfade ausstreckt.

 

Georgy Catoire: Piano Music
Marc-André Hamelin, Hyperion, 2014