Giacomo Leopardi: „die Welt ist Kot“

Der 1798 im mittelitalienischen Recanati als Sohn einer konservativen, adligen Familie geborene Leopardi (gest. 1837) war Dichter, Übersetzer und Philologe – und Pessimist. In seinem Hymnus Alla luna („An den Mond“) heißt es: „Denn qualvoll war mein Leben und ist es noch und wird so immer bleiben“. Sowohl seine Lyrik als auch seine Prosatexte sind durch die Leitmotive noia, tedio, fastidio, vanità („Langeweile, Überdruss, Lebensekel, Vergeblichkeit“) geprägt und variieren immer wieder den sein Leben und Werk dominierenden Gedanken: Es gibt kein lebenswertes Leben; Glück, Liebe und religiöse Verheißungen sind nichts als Täuschungen, und daher wäre es besser, nie geboren worden zu sein (ein Gedanke, der freilich schon lange vor dem italienischen Dichter, so beispielsweise von den alten Griechen und Buddha, formuliert wurde). Mitunter verteidigt Leopardi den Selbstmord und spricht von der gentilezza del morir, von der Liebenswürdigkeit des Sterbens, an anderen Stellen hingegen beschwört er das heroische Aushalten der Sinnlosigkeit des Daseins (wodurch sich eine Nähe zum Existenzialismus à la Camus ergibt). Größe im Leiden zeigte Leopardi auch im eigenen Leben: Von körperlichen Gebrechen, Krankheit, permanenten Geldnöten und Einsamkeit geplagt, setzte er einem sinnfreien Universum sein Schreiben als sinnstiftende Tätigkeit entgegen und bewahrte sich damit womöglich vor dem Selbstmord. – Der Literaturhistoriker Karl Vossler rühmte Leopardi als prophetischen Dichter, als „Dichter des Vorgefühls“, und es ist aus heutiger Perspektive in der Tat ganz erstaunlich zu sehen, dass sich die feste Überzeugung dieses hellsichtigen Dichters, dass die aufgeklärte Moderne zu Materialismus und zu einer Beschränkung auf zweckrationales Denken führen werde, ja tatsächlich bewahrheitet hat.

Obwohl zahlreiche Werke Leopardis ins Deutsche übersetzt wurden, gehört diese fortschrittsskeptische, luzide Stimme bei uns noch immer zu den am wenigsten bekannten Dichtern Italiens. – In dem hier präsentierten, von Leopardis Pessimismus durchtränkten Gedicht An mich selbst führt das lyrische Ich ein Selbstgespräch; es konstatiert das Elend des Lebens mit seiner Bitterkeit und Eintönigkeit und erkennt, dass ihm nach der endgültigen Aufgabe sämtlicher Illusionen jüngerer Jahre nur noch die einzige Bestimmung des menschlichen Schicksals bleibt: der Tod.[1]

A sé stesso

Or poserai per sempre,
Stanco mio cor. Perì l’inganno estremo,
Ch’eterno io mi credei. Perì. Ben sento,
In noi di cari inganni,
Non che la speme, il desiderio è spento.
Posa per sempre. Assai
Palpitasti. Non val cosa nessuna
I moti tuoi, né di sospiri è degna
La terra. Amaro e noia
La vita, altro mai nulla; e fango è il mondo.
T’acqueta omai. Dispera
L’ultima volta. Al gener nostro il fato
Non donò che il morire. Omai disprezza
Te, la natura, il brutto
Poter che, ascoso, a comun danno impera,
E l’infinita vanità del tutto.

 

An mich selbst

Nun wirst du ruhn für immer,
Mein müdes Herz. Es schwand der letzte Wahn,
Der ewig schien. Er schwand. Ich fühl’ es tief:
Die Hoffnung nicht allein
Auf holde Täuschung, auch der Wunsch entschlief.
So ruh für immer. Lange
Genug hast du geklopft. Nichts hier verdient
Dein reges Schlagen, keines Seufzers ist
Die Erde wert. Nur Schmerz und Langweil bietet
Das Leben, Andres nicht. Die Welt ist Kot.
Ergib dich denn! Verzweifle
Zum letzten Mal! Uns Menschen hat das Schicksal
Nur Eins geschenkt: den Tod. Verachte denn
Dich, die Natur, die schnöde
Macht, die verborgen herrscht zu unsrer Qual,
Und dieses Alls unendlich nicht’ge Öde!

 

[1] Original: http://www.classicitaliani.it/leopardi/canti/leopardi_Canti_03.htm (Zugriff vom 05.09.2016); Übersetzung: Giacomo Leopardi: Gesänge, CreateSpace Independent Publishing Platform, 2013, S. 76.