Giorgos Seferis

Giorgos Seferis wurde am 13. März 1900 in Vourla, dem heutigen türkischen Urla in der Nähe Izmirs, geboren. Sein Vater war Rechtsanwalt, Dichter und Übersetzer sowie Professor an der Universität von Athen. Dorthin floh die Familie 1914 bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs; Seferis besuchte hier das Gymnasium und studierte anschließend in Paris Jurisprudenz. Nach seiner Rückkehr nach Athen begann seine langjährige und erfolgreiche diplomatische Karriere, die ihn u.a. nach Großbritannien, Albanien und in den Libanon führte. Von 1941 bis 1944, als die Nazis Griechenland besetzt hatten, folgte er gemeinsam mit seiner Frau der griechischen Exilregierung nach Kreta, Ägypten, Südafrika und Italien. Seine Gedichtbände, der erste erschien 1931, wurden nur in minimalen Auflagen von 50 bis 400 Exemplaren gedruckt und lagen jahrelang unangetastet in den Buchhandlungen herum – bis er im Jahre 1963 als erster Grieche den Literaturnobelpreis erhielt, für seine Lyrik, die „von einem tiefen Gefühl für die griechische Kultur durchdrungen“ sei, wie es in der Laudatio hieß. Seferis gelang es, in seinen Gedichten ein Band zu Griechenlands großer Zeit, zur klassischen Antike, zu knüpfen – nach seinem Verständnis eine unabdingbare Voraussetzung für das Selbstvertrauen, die Identitätsfindung und das Wohlergehen des modernen Griechenland. Dabei verwendete Seferis in seinen Gedichten bezeichnenderweise nicht die künstlich geschaffene Bildungssprache (Katharevousa), sondern die Dimotiki, die in direkter Kontinuität aus dem Altgriechischen entstandene Volkssprache, die lange Zeit von den griechischen Lyrikern verschmäht worden war. Das lyrische Werk von Giorgos Seferis, der aus der griechischen Asia minor stammte und der auch bei seinen Besuchen auf Zypern auf griechische Landschaft und Kultur traf, wird von der Frage nach dem Griechentum bestimmt: Was ist das Griechische? Was heißt es, Grieche zu sein?

Das große Übel des 20. Jahrhunderts besteht für Seferis darin, dass im Bewusstsein der Menschen, im Gegensatz zu früheren Zeiten, insbesondere zur griechischen Antike, der Tod nicht mehr als Bestandteil des Lebens präsent ist und die Menschen nicht mehr zu sterben wissen. (Eine Diagnose, die schon Nietzsche (in Also sprach Zarathustra) und Martin Heidegger (in Sein und Zeit) dem modernen Menschen stellten und dabei die Bedeutung des Todes für ein sinnerfülltes, bewusstes Leben betonten.) Seferis hält die Menschheit aber deswegen nicht für verloren: Als „kompensatorische“ Trost- und Glücksquelle macht er, wie etwa im nachfolgenden Gedicht, die Natur, die mediterrane Landschaft, aus, die den Menschen, wenn er sich auf sie einlässt, zu einer erhöhten Sensibilität sowie einem gesteigerten Wahrnehmungsvermögen und somit zu einem bewussteren Leben führen könne. Die Natur als Hort der Geborgenheit, der dem Menschen Zuflucht und Balsam für seine Seele gewährt, ist freilich ein uralter Topos in der Lyrik, der keineswegs nur bei den Romantikern anzutreffen ist.

Λίγο ἀκόμα

Λίγο ἀκόμα
θὰ ἰδοῦμε τὶς ἀμυγδαλιὲς ν᾿ ἀνθίζουν
τὰ μάρμαρα νὰ λάμπουν στὸν ἥλιο
τὴ θάλασσα νὰ κυματίζει

λίγο ἀκόμα,
νὰ σηκωθοῦμε λίγο ψηλότερα.

Nur ein Weniges noch

Nur ein Weniges noch
und wir werden die Mandeln blühen sehen
den Marmor in der Sonne leuchten
und das Meer sich wiegen

nur ein Weniges noch,
um ein Weniges lasst uns höher hinauf.

Original und Übersetzung: Giorgos Seferis: Poesie. Griechisch und Deutsch. Übertragung und Nachwort von Christian Enzensberger, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1987, S. 56f.