Gustave Flaubert an Iwan Turgenjew

Heute ist der Geburtstag von Gustave Flaubert, was wir zum Anlass nehmen wollen, aus seinen Briefen an Iwan Turgenjew ein kleines Florilegium zu präsentieren:

„Mein edles Vaterland wird immer stupider. Die allgemeine Dummheit wirkt sich auf die Individuen aus. Jeder begibt sich nach und nach auf das Niveau von allen.“ (14. Februar 1870)

„Künstler (…) sind überflüssig in einer Gesellschaft, in der die Plebs herrscht.“ (30. Oktober 1872)

„Die allgemeine Dummheit ertränkt mich. (…) Ich fühle eine heillose Barbarei aus dem Boden aufsteigen. – Ich hoffe krepiert zu sein, bevor sie alles mit sich gerissen hat. Aber einstweilen ist es nicht lustig. Nie haben geistige Interessen weniger gezählt. Nie waren der Hass auf alles Große, die Geringschätzung des Schönen, der Abscheu vor der Literatur so offenkundig. Ich habe immer versucht, in einem Elfenbeinturm zu leben; aber ein Meer von Scheiße schlägt an seine Mauern, genug, ihn zum Einsturz zu bringen.“ (13. November 1872)

„Die Politik wird unverständlich vor Dummheit. (…) Apropos Politik – ich habe in Genf etwas Merkwürdiges gesehen: die Schenke des alten Gaillard, Schuster & Ex-General der Kommune … Ich werde sie Ihnen beschreiben. Es ist eine ganze Welt, die Welt, wie die Demokratie sie erträumt – & wie ich sie, Gott sei Dank, nie sehen werde. Was vielleicht die nächsten zwei oder drei Jahrhunderte im Vordergrund stehen wird, kann einen Menschen von Geschmack zum Kotzen bringen. Es ist Zeit zu verschwinden.“ (29. Juli 1874)

„Auch ich fühle mich manchmal sehr alt, sehr müde, erschöpft bis ins Mark. Gleichviel! – ich mache weiter, & ich möchte nicht krepieren, ohne meinen Mitmenschen noch ein paar Kübel Scheiße auf den Kopf geschüttet zu haben. Das allein hält mich aufrecht.“ (8. November 1879)

Gustave Flaubert/Ivan Turgenev: Briefwechsel 1863-1880, Zürich, Diogenes, 2008.