Hafis

Zunächst ein Hinweis: Da ich meine Freizeit mehreren Buchprojekten widmen möchte, werden die Einträge auf dieser Seite voraussichtlich bis Ende des nächsten Jahres nicht mehr so häufig sein und zudem auch kürzer ausfallen.

Und nun zur persischen Dichtkunst!

Ebenso wie im Falle von Omar Chajjam gilt auch für den größten persischen Dichter Hafis (geb. zwischen 1317 und 1326, gest. 1389/90), dass über sein Leben nur sehr wenige verbürgte Angaben existieren, dafür jedoch umso mehr Legenden und Mutmaßungen. Er wurde zwischen 1317 und 1326 als Sohn einer reichen Handwerkerfamilie geboren; sein Vater starb noch bevor er erwachsen wurde, und so lernte Hafis auch die Armut kennen. Dennoch kam er anscheinend in den Genuss einer soliden akademischen Ausbildung. Er verfügte über detaillierte Kenntnisse des Korans, beherrschte Arabisch und arbeitete als Lehrer in einer Koran-Schule. Er soll verheiratet gewesen sein, und der Überlieferung zufolge habe ein Tuchmacher ihn zum Dichten angeregt. In seinen Versen werden neben Zeit- und Gesellschaftskritik vor allem die erotischen Freuden und der Weingenuss gepriesen. Hafis war dem Wein mindestens ebenso zugetan wie der trinkfreudige Chajjam: In unzähligen seiner Gedichte werden der Rebensaft und die Trunkenheit gefeiert, und Hafis geht sogar so weit zu behaupten, dass nur derjenige Mensch sei, der Wein trinke:

O lerne Zechen und sei barmherzig,
denn unvollkommen ist die Kreatur,
die nicht Wein trinkt,
um sich zum Menschen zu vollenden!

Hafisʼ Gedichte stellen den Höhepunkt der Lyrik in persischer Sprache dar und begeisterten Goethe dermaßen, dass er sogar ausrief: „Gestehtʼs! die Dichter des Orients sind größer als wir des Okzidents“.[1] Die deutsche Übersetzung von Hafisʼ bekanntestem Werk Diwan inspirierte den Weimarer Dichterfürsten zu seinem umfangreichsten Gedichtzyklus West-östlicher Divan (1819), in dem es heißt:[2]

Und mag die ganze Welt versinken,
Hafis, mit dir, mit dir allein
Will ich wetteifern! Lust und Pein
Sei uns, den Zwillingen, gemein!
Wie du zu lieben und zu trinken,
Das soll mein Stolz, mein Leben sein.

In dem folgenden Gedicht aus dem Diwan des Hafis sind mit dem „Wüstenwind“ die politischen Zeitläufte gemeint:

Zwei kluge Freunde

Zwei kluge Freunde, alten Weines zwei, drei Scheffel,
Beschaulichkeit, ein Buch, ein kleines Wiesenstück:
ich gebe solchen Platz nicht her für diese und jene Welt,
auch wenn das Volk mir nachläuft jeden Augenblick!
Ein jeder, der den Winkel der Genügsamkeit
gegen den Prunk der Welt vertauscht,
hat Joseph von Ägypten für ein Nichts verkauft.
Komm, denn der Glanz des Weltgebäudes nimmt nicht ab,
weder durch deine Frömmigkeit, noch durch mein Laster!
Im Auf und Ab der Zeit ist nicht zu sehen,
ob hier Narzissen auf der Wiese blühten, ob Jasmin.
Sieh in des Bechers Spiegel die verworrenen Muster,
denn keiner kann sich solcher Zeit erinnern!
Man staunt, dass noch die Rose leuchtet, Blumenduft verblieb
in diesem Wüstenwind, der über den Garten strich.
Sei du geduldig, Herz, denn Gott wird es nicht dulden,
dass Salomonis Ring der Dämon trägt!
Hafis, das Weltgebäude kam ins Schwanken in dieser Not.
Wo ist des Weisen Denken, des Brahmanen Weg?

 

Was könntʼ uns mehr erfreuen

Was könntʼ uns mehr erfreuen
als der Gedanke an Pokal und Wein,
damit wir erkennen,
was zu guter Letzt uns bleibt.
Wie lange sollen wir
den Gram des Herzens dulden,
lass alles fahren, nimm die Armut hin,
die dir dann bleibt.
Sagʼ dem unsteten Vogel,
er soll sich bescheiden
und seines Weges ziehen:
jener, der die Schlinge legte,
hält nichts als Grausamkeit bereit.
Trink Wein, sei heiter, höre nicht
auf den Rat der Schönfärber,
denn die Meinung der Leute
hat nicht viel wert.
Was du erwirbst durch deine Mühe,
stelle in den Dienst des Glücks,
du weißt, dass dem nichts bleibt,
der das Glück verfehlte.
Der Alte aus der Schenke
bekräftigte gestern Nacht ein Rätsel:
auch wer die mystischen Stufen kennt,
findet die Lösung nicht.
Entführt habʼ ich Hafis Herz
mit Tamburin, Saitenspiel und Versen,
dies ist angemessener Lohn für mich,
der ich keinen Leumund habe.

 

Hafis: Liebesgedichte. Ausgewählt und übertragen von Cyrus Atabay, Berlin, Insel, 2011, 10, 66f.

[1] Zitiert in: Hafis, Rumi, Omar Chajjam. Die schönsten Gedichte aus dem klassischen Persien. Übertragen von Cyrus Atabay. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Kurt Scharf, München, Beck, 4. Auflage 2015, 203.

[2] Der Diwan des Hafis ist in Iran in beinahe jedem Haushalt zu finden und wird von vielen Familien in den unterschiedlichsten Lebenssituationen als eine Art Orakel konsultiert. Das Werk erschien erst nach Hafisʼ Tod, nachdem seine Gedichte von seinen Schülern gesammelt und zu einem „Diwan“ (persisch für „Sammlung, Versammlung“) zusammengestellt worden waren (vgl. Hafis, Rumi, Omar Chajjam. Die schönsten Gedichte aus dem klassischen Persien. Übertragen von Cyrus Atabay. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Kurt Scharf, München, Beck, 4. Auflage 2015, 203, 207).