Haydns Klaviersonaten

Die musikhistorische Bedeutung Joseph Haydns steht außer Frage: Die klassische Musik verdankt ihm einen maßgeblichen Beitrag sowohl zur Entwicklung der Symphonie als auch zur Herausbildung des Streichquartetts und der Klaviersonate. Was hingegen den Kunstwert, also die Beurteilung der musikalischen Qualität seiner Werke anbelangt, so stand der Begründer der Wiener Klassik von jeher im Schatten der beiden anderen Hauptfiguren dieses Goldenen Zeitalters der Musik: Mozart (mit dem er befreundet war) und Beethoven (der eine Zeitlang Haydns Schüler war). Im Unterschied zu diesen beiden war Haydn kein Klaviervirtuose, was sich auch in seinen Klaviersonaten niederschlägt, die nie auf effektvolle Virtuosität abzielende Bravourstücke sind (auch wenn virtuose Momente durchaus nicht fehlen), was mit ein Grund dafür sein mag, dass sie im Konzertrepertoire der großen Pianisten arg unterrepräsentiert sind oder sogar gänzlich fehlen. Dabei stellen Haydns Klaviersonaten alles andere als einfache Kost dar, sondern vielmehr verlangen sie vom Pianisten ein enormes spieltechnisches Können (vor allem in den Presto-Finalsätzen) und sind gleichzeitig aufgrund ihrer Individualität und ihres Reichtums an Stimmungslagen, die von heiter-humorigen über melodieselige oder dramatische bis hin zu düster-ernsten, tiefsinnigen Passagen reichen, auch in interpretatorischer Hinsicht anspruchsvoll. Da sie zudem vor Einfallsreichtum nur so übersprudeln, ist es einigermaßen überraschend, dass Haydns Klaviersonaten seitens des Publikums nur ein recht bescheidener Stellenwert zugesprochen wird und dass sie unter den besten Pianisten ein so unterschiedliches Echo hervorgerufen haben: Während einige Jahrhundertpianisten einen Bogen um diese Werke machten, wurden sie von anderen in allerhöchstem Maße geschätzt, so wie etwa von Glenn Gould, der einmal in einem Interview bekannte, dass er die Haydn-Sonaten über Mozarts Klaviersonaten stelle, und zwar unter anderem deshalb, weil sie kompositorisch viel abwechslungsreicher seien. Auch Swjatoslaw Richter mochte Haydn, der nach seiner Aussage Prokofjews Lieblingskomponist gewesen sei, lieber als Mozart. Eine Gesamtaufnahme der Haydn-Klaviersonaten hat jedoch weder der Kanadier noch der Russe oder irgendein anderer der ganz großen Pianisten vorgelegt. Dennoch bietet der Klassikmusikmarkt ein paar gelungene Gesamteinspielungen dieser wunderbaren Klavierwerke, so wie etwa die sehr schöne Aufnahme des österreichischen Pianisten Rudolf Buchbinder aus den Jahren 1974 und 1975, die neben den Sonaten auch noch mehrere Variationen enthält, wobei insbesondere die Variationen in f-Moll hervorzuheben sind, die von vielen Musikfreunden als Haydns bestes Klavierwerk überhaupt betrachtet werden. Buchbinder überzeugt mit seinem nuancenreichen Anschlag und seinem variablen Ton sowohl in den fröhlich-tänzelnden Partien der frühen, „barockhaften“ Sonaten als auch in den zart-lyrischen Momenten und den vollgriffigen Passagen – zweifellos ein Hörgenuss.

Auf der Suche nach herausragenden Aufnahmen der Haydn-Klaviersonaten stieß ich auf die englische Pianistin Julia Cload, die mir bis zu diesem Zeitpunkt gänzlich unbekannt war. Diese begnadete Pianistin hat zwar keine Gesamtaufnahme vorgelegt, doch immerhin hat sie eine ganze Reihe von Haydn-Sonaten eingespielt – und in welch himmlisch-inspirierter Manier! Ich kenne keine Interpretation, die mit einem so feinen Einfühlungsvermögen, einem so überragenden Sinn für Klangfarbennuancierungen und Tempogestaltung und solch einer großen Anschlagsvariabilität das enorm breite Ausdrucksspektrum dieser Kompositionen auf so frische, lebendige Art und Weise wiedergibt. Was für ein Unterschied zu Brendel, dessen Haydn-Klaviersonaten mir zu beschaulich sind, zu Richter, dessen Interpretationen zu getragen, zu beethovenhaft klingen, und auch zu Gould, der für meinen Geschmack insbesondere in den langsamen Sätzen ein zu rasches Tempo anschlägt, und der überhaupt den sechs späten Sonaten, die er eingespielt hat, allein schon aufgrund seines abgehackten Spiels nicht gerecht werden kann.

Abschließend sei noch angemerkt, dass die 1946 in London geborene und 2012 verstorbene Julia Cload trotz des großen, teilweise begeisterten Lobes, mit dem sie von der (britischen und amerikanischen) Musikkritik bedacht wurde (vor allem für ihre Aufnahmen von Haydns Klaviersonaten und für ihre Einspielung von Bachs Goldberg-Variationen), nach wie vor ziemlich unbekannt ist.

Rudolf Buchbinder: Haydn complete piano sonatas
Warner Classics, 2008 (Box-Set, 10 CDs)

Julia Cload: Haydn keyboard sonatas 39, 41, 44, 48 and 49
Meridian, 2004

Julia Cload: Haydn piano sonatas 38, 51 and 52
Meridian, 2004

Julia Cload: Joseph Haydn piano sonatas 50, 54, 55 and Adagio in F Major
Meridian, 2004

Julia Cload: Joseph Haydn keyboard sonatas vol. 4
Meridian, 2009