Heinrich Heine

Heinrich Heine (1797–1856) wurde in Düsseldorf als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren. Nach vergeblichen Versuchen, im kaufmännischen Bereich Fuß zu fassen, studierte er an mehreren Universitäten Jura und wurde 1825 in Göttingen zum Doktor der Jurisprudenz promoviert. Nachdem er sich ohne Erfolg um eine Professur bemüht hatte, ging er 1831 nach Paris und war dort ab 1832 als Korrespondent für die Augsburger Allgemeine Zeitung, in jener Zeit die meistgelesene deutschsprachige Zeitung, tätig. 1833 wurden seine Schriften im Königreich Preußen verboten und zwei Jahre später auch in sämtlichen Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes – Paris wurde nun endgültig zu seinem Exil. 1848 erlitt Heine einen Zusammenbruch, der mit einer vollständigen Lähmung einherging, und blieb acht Jahre lang bis zu seinem Tod ans Bett, seine „Matratzengruft“, wie er sagte, gefesselt. Über die Ursachen seiner Krankheit ist sich die Heine-Forschung bis heute nicht einig, die „Diagnosen“ reichen von Syphilis (wovon Heine selbst überzeugt war) über eine tuberkulöse Erkrankung und eine multiple Sklerose bis hin zu einer chronischen Bleivergiftung. Während seiner letzten Lebensmonate wurde Heine von seiner Verehrerin Elise Krinitz gepflegt, die er in Anlehnung an das von ihr verwendete Briefsiegel „Mouche“ („Fliege“) nannte und mit der er zu seinem Bedauern aufgrund seines physischen Zustandes lediglich eine platonische Liebesbeziehung unterhalten konnte. An Heines jahrelangem Dahinsiechen, das europaweit große Aufmerksamkeit erfuhr, war besonders erstaunlich, dass ihn seine enormen Geisteskräfte nie verlassen haben und er buchstäblich bis zu seiner letzten Stunde schöpferisch tätig war.

Heines poetisches Werk stand zunächst ganz im Zeichen seiner Zeit, der Romantik, dennoch war der 1827 veröffentlichte, seinen Dichterruhm begründende Lyrikband Buch der Lieder mit seinen vielen in volksliedhaftem Ton gehaltenen Gedichten zunächst ein Ladenhüter, und es dauerte zehn Jahre bis die erste Auflage von 5000 Exemplaren verkauft war. Heute gilt diese Gedichtesammlung als das populärste Werk der europäischen Liebeslyrik des 19. Jahrhunderts, wofür nicht zuletzt auch die Zahl der Übersetzungen spricht: Es gibt keine deutschsprachige Poesie, die öfter übersetzt wurde, selbst Goethes Gedichte nicht, und die Zahl der Vertonungen übertrifft die der Übersetzungen sogar noch (die bekannteste Heine-Vertonung in Deutschland ist vermutlich Friedrich Silchers Lied Die Lorelei). Allein von dem Gedicht Du bist wie eine Blume (siehe unten) soll es 388 Vertonungen geben, und die Gesamtzahl der Kompositionen, die auf Gedichten aus dem Buch der Lieder basieren, soll an die Siebentausend heranreichen (mit Werken von Schumann, Schubert, Mendelssohn Bartholdy, Brahms, Wagner, Liszt, Bruckner u. a.).

Du bist wie eine Blume,
So hold und schön und rein;
Ich schau dich an, und Wehmut
Schleicht mir ins Herz hinein.

Mir ist, als ob ich die Hände
Aufs Haupt dir legen sollt,
Betend, dass Gott dich erhalte
So rein und schön und hold.

Den romantischen Ton, den wir in diesen Zeilen und in vielen anderen Gedichten antreffen, hat Heine später abgelegt, indem er ihn ironisierte – Heine nannte sich selber einmal einen „entlaufenen Romantiker“. Ein Beispiel für Heines Talent zur ironischen Brechung ist das nachfolgende Gedicht, in dem er sich über die emotionspralle Naturhingabe und Naturverherrlichung der Romantiker lustig macht.

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

Möglicherweise hatte Nietzsche Zeilen wie die der letzten Strophe dieses amüsanten Gedichts im Kopf als er Heine – dessen Lyrik er liebte – eine „göttliche Bosheit“ attestierte.