Hermann Kasack

Hermann Kasack (1896–1966): ähnlich wie Wilhelm Lehmann und so viele andere ein kaum bekannter begnadeter Lyriker:

Bestand

Ein Gott schuf in uns das Gedicht.
Der Schatten eigner Gegenwart
Vergeht vor diesem Licht.

Vergeht die Zeit im Augenblick –
Des Vogelfluges Fährte bleibt
Bestand der Luft. Am Rand
Verwehter Wolken treibt
Das eigene Geschick.

(Für Wilhelm Lehmann)

 

Jenseits

Wo bin ich und wo war ich nur –
Das Licht wird blind, es schweigt die Uhr.
Die Welt wird neu vermessen.

Sie hört nicht auf. Doch alle Spur,
Des Lebens Bildnis und Figur
Sind schon in uns vergessen.

 

Ohne Auftrag

Klage. Das Wort zerbricht.
Traumvermächtnis
Unwiederholbar
Im Gedächtnis.

Worte. Der Klang versagt
Vor den Bildern
Sonn und Mondes Untergang
Zu schildern.

 

Refrain

Die Schwermut neigt sich dem Tage,
Die Neige des Tages besteht.
Wenn ich die Stunden befrage:
Die Neige des Lebens besteht.

Die Stimmen verklungener Jahre
Sind da und sind es nicht.
Was hinsagend ich bewahre
Ist da und ist es nicht.

 

Fazit

Glück der Ungelegenheiten
Gibt den Augenblicken Recht.
Eben noch aus allen Zeiten,
Hilflos schon im Zeitgeflecht.

Was in Blau und Rot erblühte,
Färbt in schales Grau sich ein.
Mond vergilbt zu ferner Mythe.
Wer verlangt nach seinem Schein?

Sterngedanken, Nachtspiralen,
Die sich immer spitzer drehn,
Während unsere Bettlerschalen
Um das Brot der Geister flehn.

 

Hermann Kasack: Wasserzeichen. Neue Gedichte, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1964.