Ingeborg Bachmann: An die Sonne

Ingeborg Bachmann, eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen und Prosaschriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts, wurde am 25. Juni 1926 in Klagenfurt als Tochter eines Lehrers und späteren Schuldirektors geboren. Schon in ihrer Jugendzeit begann sie Gedichte zu schreiben und Musik zu komponieren. Sie studierte Philosophie, Psychologie, Germanistik und Jura in Innsbruck, Graz und Wien und schrieb eine Doktorarbeit über Martin Heidegger. 1952 las sie zum ersten Mal vor der Gruppe 47, ein Jahr später erhielt sie den prestigeträchtigen Preis dieser einflussreichen literarischen Institution und wurde mit der Veröffentlichung ihres Gedichtbandes Die gestundete Zeit schlagartig berühmt; es folgten weitere Preise in Deutschland und Österreich, und 1964 wurde sie auch mit dem wichtigsten Literaturpreis im deutschen Sprachraum, dem Georg-Büchner-Preis, geehrt. Bachmann hatte einige Liebesverhältnisse mit anderen Literaten, so vor allem mit Paul Celan und Max Frisch. In besonderem Maße angezogen wurde sie von Italien, dem Land der südlichen Sonne und der Schönheit. Von 1953 bis 1957 lebte sie als freie Schriftstellerin auf Ischia, in Neapel und Rom und von 1958 bis 1962 hatte sie Zürich und Rom als Wohnsitz. 1965 zog sie schließlich ganz nach Rom, verfasste nur noch wenige Gedichte und wurde tabletten- und alkoholabhängig. Weil sie mit einer brennenden Zigarette eingeschlafen war, erlitt sie in der Nacht vom 25. auf den 26. September 1973 in ihrer römischen Wohnung schwere Brandverletzungen. Da die sie behandelnden italienischen Ärzte nichts von ihrer Abhängigkeit von Beruhigungsmitteln wussten, kam es bei ihr zu sehr heftigen krampfartigen Entzugserscheinungen, denen sie am 17. Oktober 1973 im Alter von 47 Jahren erlag.

Bachmanns Gedichte, die mal konkrete, anschauliche Bilder mit abstrakten Themen verbinden, mal aufgrund der Verwendung hermetischer Metaphern schwer zugänglich sind, zeichnen sich im Allgemeinen durch eine herbe Schönheit sowie durch Anknüpfungen an die lyrische Tradition aus. Ihre vorrangigen Themen sind: Abschied und Aufbruch, Liebe, Schicksal und Tod, Zeit und Vergänglichkeit. Das Gedicht An die Sonne, das zu ihren bekanntesten zählt, feiert die Sonne, die Schönheit und die Augen, ohne die es diese Schönheit unter der Sonne nicht gäbe. Dabei ist sich das lyrische Ich bewusst, dass seine Augen einmal ihr Licht verlieren werden, und so endet das Enkomion auf die Schönheit in den beiden Schlussversen mit einer Klage über den unausweichlichen Verlust des Sehens des Schönen.

An die Sonne

Schöner als der beachtliche Mond und sein geadeltes Licht,
Schöner als die Sterne, die berühmten Orden der Nacht,
Viel schöner als der feurige Auftritt eines Kometen
Und zu weit Schönerem berufen als jedes andre Gestirn,
Weil dein und mein Leben jeden Tag an ihr hängt, ist die Sonne.

Schöne Sonne, die aufgeht, ihr Werk nicht vergessen hat
Und beendet, am schönsten im Sommer, wenn ein Tag
An den Küsten verdampft und ohne Kraft gespiegelt die Segel
Über dein Aug ziehn, bis du müde wirst und das letzte verkürzt.

Ohne die Sonne nimmt auch die Kunst wieder den Schleier,
Du erscheinst mir nicht mehr, und die See und der Sand,
Von Schatten gepeitscht, fliehen unter mein Lid.

Schönes Licht, das uns warm hält, bewahrt und wunderbar sorgt,
Dass ich wieder sehe und dass ich dich wiederseh!

Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein …

Nichts Schönres als den Stab im Wasser zu sehn und den Vogel oben,
Der seinen Flug überlegt, und unten die Fische im Schwarm,
Gefärbt, geformt, in die Welt gekommen mit einer Sendung von Licht,
Und den Umkreis zu sehn, das Geviert eines Felds, das Tausendeck meines Lands
Und das Kleid, das du angetan hast. Und dein Kleid, glockig und blau!

Schönes Blau, in dem die Pfauen spazieren und sich verneigen,
Blau der Fernen, der Zonen des Glücks mit den Wettern für mein Gefühl,
Blauer Zufall am Horizont! Und meine begeisterten Augen
Weiten sich wieder und blinken und brennen sich wund.

Schöne Sonne, der vom Staub noch die größte Bewundrung gebührt,
Drum werde ich nicht wegen dem Mond und den Sternen und nicht,
Weil die Nacht mit Kometen prahlt und in mir einen Narren sucht,
Sondern deinetwegen und bald endlos und wie um nichts sonst
Klage führen über den unabwendbaren Verlust meiner Augen.

Ingeborg Bachmann: Sämtliche Gedichte, München, Piper, 8. Auflage 2011, S. 146f.