Jan Vermeer: Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge

Für Francis Hutcheson, einflussreicher Philosoph der schottischen Aufklärung, beruht die Schönheit eines Objekts in erster Linie auf dessen Fähigkeit, einen Betrachter auf besondere Weise zu berühren. In der Geschichte der abendländischen Malerei gibt es wohl nur wenige Gemälde, die den Betrachter so unmittelbar und so stark fesseln wie Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge (um 1665; im Niederländischen: Meisje met de parel), das gemeinhin als das bekannteste Werk des niederländischen Malers Jan Vermeer gilt, wozu nicht zuletzt auch der Roman von Tracy Chevalier (Das Mädchen mit dem Perlenohrring; Originaltitel: Girl with a pearl earring) beigetragen haben dürfte sowie insbesondere auch der auf dieser Vorlage basierende Film mit Scarlett Johansson in der Titelrolle.

Vor einem dunklen, gänzlich neutralen Hintergrund zeigt Vermeers Gemälde ein Mädchen, das mit einer Jacke und einem Turban bekleidet ist und einen Ohrring trägt. Weder die Identität der Porträtierten ist uns bekannt noch ihr Verhältnis zu Jan Vermeer, und es sind auch keinerlei Attribute, Gegenstände oder Handlungen dargestellt, die das Meisje in einen erzählerischen Kontext stellen würden. Seinen Kopf zum Betrachter gewendet, blickt es diesen mit leicht geöffnetem Mund direkt an – und schlägt ihn in seinen Bann, was nicht zuletzt auf den Umstand zurückzuführen ist, dass der Gesichtsausdruck des Mädchens nicht inszeniert wirkt, sondern dem Betrachter den Eindruck von Spontaneität vermittelt, ja das Gemälde wirkt geradezu wie eine Momentaufnahme, wie ein Schnappschuss. Zwar hat das Meisje eingewilligt, dem Maler als Modell zu dienen, doch war sie auf eben diesen Augenblick ihrer Leinwandfixierung, für den Vermeer sich (wie im Film) womöglich spontan entschieden hat, nicht vorbereitet. Dieser Moment der Überraschung (möglicherweise hat Vermeer das Mädchen durch Zuruf ihres Namens dazu gebracht, sich ihm zuzuwenden) nimmt dem Blick des Mädchens den für die Barockmalerei so typischen Ausdruck von Einverständnis, gleichzeitig fehlt ihm aber auch das für die Epoche gleichermaßen charakteristische „taxierende Abstandnehmen“ (Günter Busch). Der Blick von Vermeers Mädchen mit dem Perlenohrgehänge ist ein extremes Gegenstück zu dem für Manet so typischen Blick der Absenz, der Fremdheit, der durch den Betrachter hindurch in die Ferne geht (siehe etwa Manets Olympia oder den Léon Koella auf dem Frühstück im Atelier), denn unser Mädchen ist in höchstem Maße präsent, und sein Blick geht nicht in die Ferne, sondern ist voll und ganz auf den Betrachter konzentriert, der ihn jedoch nicht dechiffrieren kann – ihm bleiben „nur“: Faszination und Mysterium. „Jedes echte Kunstwerk ist ein geheimnisvolles, vieldeutiges, in gewissem Sinn unergründliches Symbol“ (Friedrich Hebbel, Tagebücher).