Jean Sibelius: 4. Symphonie

Es gibt wohl kaum einen anderen Tonkünstler, der die Gemeinde der Musikkritiker so tief gespalten hat wie der finnische Komponist Jean Sibelius (1865–1957). Während Ferruccio Busoni und Otto Klemperer Sibeliusʼ Musik mit Begeisterung rezipierten und er um 1930 in England und in den USA als größter lebender Komponist galt und der schottische Kritiker und Tonsetzer Cecil Gray den Finnen in seinem Sibelius-Buch (1931) gar für den größten Symphoniker seit Beethoven hält, wurde er von dem Dirigenten René Leibowitz zum „schlechtesten Komponisten der Welt“ herabgewürdigt, nachdem der mit Leibowitz befreundete Theodor W. Adorno bereits zuvor in seiner geradezu gehässigen Glosse über Sibelius (1938) diesem das Aufstellen von „völlig unplastischen und trivialen Tonfolgen“ sowie Amateurhaftigkeit, Unsicherheit und Stümperhaftigkeit bescheinigt hatte. Dabei ist zu betonen, dass hinter dem Degout des Großdenkers der Frankfurter Schule handfeste ideologische Motive stecken: Adorno wollte Fortschritt nicht nur in der Gesellschaft, sondern er ersehnte sich auch im Bereich der Musik eine materielle und qualitative Progression, welche er in der atonalen Musik, insbesondere in der Neuen Musik der Schönberg-Schule, verwirklicht sah. Da musste der an Tonalität und Tradition festhaltende, dezidiert antimodernistische finnische Nationalkomponist, der sich, anstatt sich gefälligst mit den großen Fragen der Zeit zu beschäftigen, lieber in seinen heimatlichen Wäldern einem mystischen Naturerleben hingab und daraus die Inspiration für seine Werke bezog, zwangsläufig zum Zielobjekt von Adornos Verunglimpfungen werden. Und Adornos Unmut wurde sicher noch dadurch verstärkt, dass es dem Finnen im Unterschied zu Schönberg in jener Zeit auch noch gelang, sich als einer der wenigen modernen Komponisten fest im Konzertleben in Europa und Übersee, vor allem in den angelsächsischen Ländern, zu etablieren: „Kommt man nach England oder gar nach Amerika, so beginnt der Name ins Ungemessene zu wachsen. […] Radio und Konzert hallen von den Tönen aus Finnland wider.“ Vor allem Adornos Schmähung hatte zur Folge, dass Sibelius nach dem Zweiten Weltkrieg im deutschsprachigen Raum weitgehend ignoriert wurde. Erfreulicherweise kam es in den 80er und 90er Jahren jedoch zu einem Gesinnungswandel, als bekannte Dirigenten, wie etwa Mariss Jansons und Simon Rattle, sich erfolgreich dem symphonischen Werk des Nordeuropäers zuwandten. Eine besondere Affinität zu Sibeliusʼ Musik besaß Herbert von Karajan, dessen Einspielungen der Symphonien vier bis sieben mit dem Londoner Philharmonia Orchestra aus den 50er Jahren und mit den Berliner Philharmonikern aus den 60er Jahren als herausragend gelten und der für Sibelius – nach Aussage von dessen Tochter – der Dirigent seiner Generation gewesen sei, der für seine Musik das größte Einfühlungsvermögen besessen habe.

Von so manchem Musikologen wird betont, dass Sibeliusʼ Werk eine enorme Qualitätsspanne aufweise, und dem kann man nur beipflichten: Vielen seiner musikalischen Schöpfungen kann ich nichts abgewinnen, aber seine vierte Symphonie, die modernste und introvertierteste unter seinen sieben, ist für mich ein atemberaubendes Meisterwerk und eine der größten Symphonien der Musikgeschichte, und offenbar hielt auch Sibelius sie für die beste Komposition innerhalb seines symphonischen Œuvres. Der finnische Pianist und Musikwissenschaftler Erik Tawaststjerna, einer der führenden Sibelius-Experten und Autor einer fünfbändigen Studie über den Komponisten, schrieb über dieses Werk: „Bildlich hängt diese Musik meiner Meinung nach mit Edvard Munchs Visionen vom Leben und Tod als Mysterium zusammen, mit Angst und Einsamkeit des Menschen.“ Dazu passt, dass Sibelius in Bezug auf seine vierte Symphonie einmal die folgende Aussage der Gottestochter Agnes aus August Strindbergs Theaterstück Ein Traumspiel zitierte: „Es ist schade um die Menschen“.

Von der hier präsentierten Einspielung seiner vierten Symphonie unter der Leitung von Herbert von Karajan aus dem Jahre 1953 war Sibelius sehr beeindruckt: „Karajan is a great master. His interpretation is superb, technically and musically“: