Johann Wolfgang von Goethe

Dem lebensfrohen und die Menschen (insbesondere die Frauen) liebenden Goethe (1749–1832) war ein langes und an Ereignissen, Begegnungen und Erfahrungen äußerst reiches Leben vergönnt: Er war zu seiner Zeit gleichsam eine gesellschaftliche und intellektuelle Institution, betrieb umfangreiche naturwissenschaftliche Studien, unternahm zahlreiche längere Wanderungen und Reisen und übte zudem auch noch verschiedene politische Ämter (u.a. das eines Ministers) aus. Vor allem aber ist Goethe die alles überragende Figur innerhalb der deutschsprachigen Literaturgeschichte, was sogar von dem sich selbst äußerst hoch einschätzenden Thomas Mann anerkannt wurde; aber dem Autor des Zauberberg blieb ja auch kaum etwas anderes übrig angesichts des außergewöhnlichen Umfangs, der alle Gattungen einbeziehenden Spannweite und der überragenden Qualität des Goetheschen literarischen Œuvres: Der heitere Vielschreiber aus Weimar hat nicht nur herausragende Prosatexte, wie etwa Die Leiden des jungen Werther und Die Wahlverwandtschaften, sowie einige der besten Dramen deutscher Sprache verfasst, wie etwa den Faust (der gemeinhin als das bedeutendste Werk der deutschsprachigen Literatur gilt), sondern er hinterließ darüber hinaus auch noch ein voluminöses poetisches Werk, das ihm den Ruf des größten deutschen Lyrikers einbrachte. Diesbezüglich sollte jedoch ruhig einmal angemerkt werden, dass selbst ein Dichtergenie, ein „Olympier“ wie unser Weimarer Klassiker neben grandiosen Schöpfungen auch zahlreiche mittelmäßige und schwache Gedichte niederschrieb. In seinem Vortrag Probleme der Lyrik (1951) urteilte Gottfried Benn: „[K]einer auch der großen Lyriker unserer Zeit hat mehr als sechs bis acht vollendete Gedichte hinterlassen, die übrigen mögen interessant sein unter dem Gesichtspunkt des Biographischen und Entwicklungsmäßigen des Autors, aber in sich ruhend, aus sich leuchtend, voll langer Faszination sind nur wenige – also um diese sechs Gedichte die dreißig bis fünfzig Jahre Askese, Leiden und Kampf.“[1] Ob es im Falle Goethes nicht doch etwas mehr als „sechs bis acht vollendete Gedichte“ sind, darüber sowie über die Frage, nach welchen Kriterien ein Gedicht als „vollendet“ einzustufen ist, ließe sich unter Lyrikfreunden sicherlich ein trefflicher Streit austragen – wie dem auch sei, fest steht jedenfalls, dass Goethes schönste Gedichte zu den größten poetischen Werken der Menschheitsgeschichte zählen.

Wandrers Nachtlied

Der du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest,
Ach ich bin des Treibens müde!
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!

Nach Goethes Vermerk unter seiner Handschrift von Wandrers Nachtlied hat er dieses Gedicht am 12. Februar 1776 am Hang des Ettersberges (bei Weimar) geschrieben. Den umtriebigen, rastlosen Goethe, der bekanntlich auch ein Vielwanderer war, verlangte es nach Ruhe.

Das folgende Gedicht, das mit den bekannten Zeilen „Über allen Gipfeln ist Ruh“ beginnt, gilt als eine der schönsten lyrischen Schöpfungen der Weltliteratur; bei einer Umfrage im Goethejahr 1982 wählten die Deutschen es zu ihrem Lieblingsgedicht des Weimarer Dichterfürsten. Goethe hat es – aller Wahrscheinlichkeit nach am 6. September 1780 – mit Bleistift an die Holzwand der Jagdhütte auf dem Kickelhahn (im Thüringer Wald bei Ilmenau) geschrieben. Dorthin hatte er sich begeben, „um dem Wuste des Städgens, den Klagen, den Verlangen, der Unverbesserlichen [sic] Verworrenheit der Menschen auszuweichen“,[2] wie er Charlotte von Stein in einem Brief, der das Datum eben jenes Septembertages trägt, wissen ließ. Goethe veröffentlichte das Gedicht 1815 in einer Ausgabe seiner Werke, gab ihm den Titel Ein gleiches und positionierte es unmittelbar hinter Wandrers Nachtlied, was zeigt, dass Goethe diese beiden Gedichte als zusammengehörig, als einander ergänzend betrachtete (heute werden diese beiden Gedichte oftmals auch als Wandrers Nachtlied I und Wandrers Nachtlied II bezeichnet). Am 27. August 1831, einen Tag vor seinem 82. Geburtstag und ein halbes Jahr vor seinem Tod, besuchte Goethe während seiner letzten Reise nach Ilmenau den Kickelhahn ein letztes Mal. Begleitet wurde er dabei von dem Berginspektor Johann Christian Mahr, der in seinen Aufzeichnungen darüber berichtet, wie Goethe sich seine 51 Jahre zuvor an die Bretterwand der Jagdhütte geschriebenen Verse noch einmal ansah: „Goethe überlas diese wenigen Verse, und Thränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock, trocknete sich die Thränen und sprach in sanftem, wehmüthigem Ton: ʽJa: warte nur, balde ruhest du auch!ʼ schwieg eine halbe Minute, sah nochmals durch das Fenster in den düstern Fichtenwald und wendete sich darauf zu mir mit den Worten: ʽNun wollen wir wieder gehen!ʼ.[3]

Ein gleiches

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Während in Wandrers Nachtlied I lediglich der Wunsch nach Ruhe und Frieden zum Ausdruck kommt, findet hier der Wanderer die ersehnte Ruhe im Wald. Über den Bergen herrscht Ruhe ebenso wie in der Pflanzen- und Tierwelt, und schließlich wird am Abend auch der müde Wanderer, der Mensch, der seine Arbeit getan hat, seine Ruhe finden und so eins werden mit der Natur.

[1] Gottfried Benn: „Probleme der Lyrik“, in: ders.: Probleme der Lyrik. Späte Reden und Vorträge, Stuttgart, Klett-Cotta, 2011, S. 46.

[2] Siehe: http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Briefe/1780 [Dokument 4/1012; Zugriff vom 14.09.2016].

[3] Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Wandrers_Nachtlied (Zugriff vom 14.09.2016).