Joseph von Eichendorff: Mondnacht

Joseph Freiherr von Eichendorff (1788–1857), der populärste Dichter der deutschen Romantik, wurde 1788 auf Schloss Lubowitz in Oberschlesien als Sohn eines preußischen Offiziers und Landadligen geboren. Der spätere Dichter, Übersetzer, Literaturhistoriker und Publizist studierte in Halle, Heidelberg und Wien Jura und begeisterte sich bereits zu dieser Zeit für die Literatur. Nachdem er 1813 ins preußische Heer eingetreten war und an den Befreiungskriegen teilgenommen hatte, schlug er eine Beamtenlaufbahn ein und führte das für so viele Dichter der Romantik so typische „Doppelleben“ zwischen Brotberuf und künstlerischer Berufung.

Eichendorffs Lyrik ist berühmt für ihren eingängigen, volksliedhaften Charakter und eine Reihe bestimmter Bilder und Motive, die formelhaft wiederholt werden, wie etwa rauschende Wälder, Höhen und Täler, Bäche und Quellen, schallende Posthörner, Aufbruch und Fernweh, singende und wandernde Gesellen. Viele seiner Gedichte beschwören eine noch nicht durch Industrialisierung und Technisierung zerstörte Einheit von Mensch und Natur, wobei die Natur als Urheimat des Menschen Geborgenheit verspricht (in Eichendorffs Augen hat die Industrialisierung zur einer Entfremdung des Menschen von der Natur geführt, deren Schönheit durch Schornsteine und Fabriken vernichtet werden). Doch nicht immer ist bei Eichendorff die Natur das schöne ursprüngliche Zuhause des Menschen, in einigen Gedichten beziehungsweise Strophen wird das Düstere, Schreckliche, Fremde der Natur evoziert, so wie etwa in dem Gedicht Zwielicht: „Dämmrung will die Flügel spreiten, / Schaurig rühren sich die Bäume, / Wolken ziehn wie schwere Träume – / Was will dieses Grauʼn bedeuten?“.

In der Mondnacht, wohl Eichendorffs bekanntestes Gedicht, wird in der zweiten Strophe das im Titel angesprochene Naturbild beschrieben, dessen Deutung durch das lyrische Ich schon in der ersten Strophe gegeben wurde, und in der dritten Strophe wird mit dem Gefühl der Heimkehr die Wirkung benannt, die das Naturbild auf die Sprecherinstanz hat. – In zahlreichen Gedichten Eichendorffs begegnet uns ein mit dem konjunktivischen Irrealis verbundenes „Als ob“, welches ein Sehnen, Bangen, Hoffen, Wünschen zum Ausdruck bringt. In der Mondnacht haben wir gleich zweimal ein solches „Als ob“ (in der ersten und in der dritten Strophe), wodurch die Skepsis, der Zweifel des Sprechers, ob die ersehnte Einheit, das Aufgehen in der Natur, möglich ist, artikuliert wird.

Indem es die ursprüngliche Einheit von Mensch und Natur in Erinnerung ruft, wendet sich das Gedicht, das Thomas Mann „die Perle der Perlen“ nannte und Adorno so erschien, „als wäre es mit dem Bogenstrich gespielt“, gegen die Entfremdung des Menschen in der industrialisierten Moderne.

Mondnacht

Es war, als hättʼ der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blüten-Schimmer
Von ihm nun träumen müsstʼ.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.