Kulturrealismus oder Warum erschlaffen die Künste?

In der westlichen Kultur ist es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und insbesondere in den vergangenen Jahrzehnten zu einem erschreckenden Niveauabsturz gekommen, was sich besonders deutlich in den Künsten zeigt: „Selbst wenn man bestimmte Gebiete, wie etwa die Architektur, ganz preisgibt  und der Zuständigkeit der psychiatrischen Weltdeutung überlässt, steht man vor einem wenig eindrucksvollen Bild: kaum je noch Große Bücher; bei den Malern vorwiegend reminiszentes Gestümper, wo nicht Klamauk und Kinderei; in der Musik das schlechthin Reine Nichts.“[1] Fortschrittsoptimisten und vollkommen verblendete linke Ideologen, die auch imstande sind, das deutsche Regietheater zu feiern, werden diesem Befund freilich ganz entschieden widersprechen, worüber wir aber getrost hinwegsehen dürfen, denn: „Seit Mitte des letzten Jahrhunderts, seit Baudelaire, Flaubert, Kierkegaard, Dostojewski, Ruskin, Burckhardt, ist es eine bekannte Tatsache, dass der Glaube an den Fortschritt den Dummkopf kennzeichnet.“[2] Weitaus interessanter als diese Wahrnehmungsdivergenz ist freilich die Frage, wie sich das unumstößliche Faktum des Verfalls unserer Künste erklären lässt.

Bereits im Jahre 1933 hat der britische Schriftsteller Aldous Huxley aufgezeigt, dass wir es hier mit einem „einfachen arithmetischen Sachverhalt“ zu tun haben: „Die technischen Fortschritte haben … zur Vulgarität geführt … Die technische Reproduzierbarkeit und die Rotationspresse haben eine unabsehbare Vervielfältigung von Schriften und Bildern ermöglicht. Die allgemeine Schulbildung und die verhältnismäßig hohen Gehälter haben ein sehr großes Publikum geschaffen, das lesen kann und Lesestoff und Bildmaterial sich zu verschaffen vermag. Um diese bereitzustellen, hat sich eine bedeutende Industrie etabliert. Nun aber ist künstlerische Begabung etwas sehr Seltenes; daraus folgt …, dass zu jeder Zeit und an allen Orten der überwiegende Teil der künstlerischen Produktion minderwertig gewesen ist. Heute aber ist der Prozentsatz des Abhubs in der künstlerischen Gesamtproduktion größer als er es je vorher gewesen ist … Wir stehen hier vor einem einfachen arithmetischen Sachverhalt. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts hat sich die Bevölkerung Westeuropas etwas über das Doppelte vermehrt. Der Lese- und Bildstoff aber ist, wie ich schätzen möchte, mindestens im Verhältnis von 1 zu 20, vielleicht aber auch zu 50 oder gar zu 100 gewachsen. Wenn eine Bevölkerung von x Millionen n künstlerische Talente hat, so wird eine Bevölkerung von 2x Millionen wahrscheinlich 2n künstlerische Talente haben. Nun lässt sich die Situation folgendermaßen zusammenfassen. Wenn vor 100 Jahren eine Druckseite mit Lese- und Bildstoff veröffentlicht wurde, so veröffentlicht man dafür heute zwanzig, wenn nicht hundert Seiten. Wenn andererseits vor hundert Jahren ein künstlerisches Talent existierte, so existieren heute an dessen Stelle zwei. Ich gebe zu, dass infolge der allgemeinen Schulbildung heute eine große Anzahl virtueller Talente, die ehemals nicht zur Entfaltung ihrer Gaben gekommen wären, produktiv werden können. Setzen wir also …, dass heute drei oder selbst vier künstlerische Talente auf ein künstlerisches Talent von ehedem kommen. Es bleibt nichtsdestoweniger unzweifelhaft, dass der Konsum von Lese- und Bildstoff die natürliche Produktion an begabten Schriftstellern und begabten Zeichnern weit überholt hat. Mit dem Hörstoff steht es nicht anders. Prosperität, Grammophon und Radio haben ein Publikum ins Leben gerufen, dessen Konsum an Hörstoffen außer allem Verhältnis zum Anwachsen der Bevölkerung und demgemäß zum normalen Zuwachs an talentierten Musikern steht. Es ergibt sich also, dass in allen Künsten, sowohl absolut wie verhältnismäßig gesprochen, die Produktion von Abhub größer ist als sie es früher war; und so muss es bleiben, solange die Leute fortfahren so wie derzeit einen unverhältnismäßig großen Konsum an Lese-, Bild- und Hörstoff zu üben.“[3] Und da „die Massen Zerstreuung suchen“ (während „die Kunst […] vom Betrachter Sammlung verlangt“),[4] haben die Leute weiter konsumiert. Und wie! Im Vergleich zu Huxleys Zeiten hat heute der Konsum von „Lese-, Bild- und Hörstoff“ in der westlichen Welt in gigantischer Weise zugenommen, ja ist geradezu explodiert, denn zum einen hat sich die Bevölkerungszahl deutlich erhöht, und zum anderen sorgen die neuen Medien dafür, dass das besagte Konsummaterial quasi omnipräsent und mengenmäßig schier unbegrenzt ist. Huxleys Ausführungen bieten eine überzeugende Erklärung für den Kunstverfall, doch ein Faktum vermögen sie nicht zu erhellen: dass es heute zwar immer noch künstlerische Talente gibt, künstlerische Genies hingegen, die sich auf einer Rangstufe mit früheren Größen befinden, nicht mehr unter uns weilen und offensichtlich ein für alle Mal ausgestorben sind: „Noch überraschender als das bloße Erscheinen eines Genius ist die Häufung genialer Menschen in bestimmten Epochen und die völlige Abwesenheit in anderen. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ist ein gutes Beispiel für ersteres, die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts für das zweite.“[5] Neben Huxleys mathematischer Erklärung lassen sich im Hinblick auf unsere Gegenwart noch weitere den Kunstverfall erklärende Faktoren ausmachen, die es in früheren Epochen nicht beziehungsweise nicht in so stark ausgeprägter Form gab. Dem Zusammenspiel dieser Faktoren darf man auch im Hinblick auf das Fehlen künstlerischer Genies ein gewisses Erklärungspotenzial zuschreiben.

Die umfassende Ökonomisierung unseres Lebens hat zu einer Herrschaft des reinen Nutzdenkens, des „rechnenden Denkens“ geführt – was Martin Heidegger in seiner Meßkircher Rede von 1955 als die größte Gefahr für die Menschheit ausmachte[6] – und eine kunst- und geistfeindliche Kommerzdiktatur etabliert: „Der Preis für industriellen Wohlstand ist die geistige Misere.“[7] Michael Krüger, Schriftsteller, Dichter und langjähriger Lektor und Literaturchef des Hanser Verlags, räumte im Sommer 2014 in einem Gespräch mit Deutschlandradio Kultur ein, dass in der deutschen Verlagslandschaft, vor allem in den großen Konzernen, ein kommerzielles Denken dominiere, das mit Literatur gar nichts mehr zu tun habe. Im Hinblick auf das Veröffentlichen von Lyrik ergänzte er: „Wenn dort ein Lektor kommt und sagt, ich habe einen großartigen Gedichtband, fallen 80 Prozent der Aufsichtsräte tot vom Stuhl.“ Dieses geist- und seelenlose Geschäfts- und Funktionalitätsdenken betrifft aber nicht nur die Poesie: „Die zeitgenössische Architektur ist eine funktionale Architektur. Die sie betreffenden ästhetischen Fragen wurden längst von der Formel ʻWas funktional ist, ist zwangsläufig schönʼ aus der Welt geräumt.“[8] Es ist letztlich nur konsequent, wenn in einer Welt, die von einem Nutz- und Funktionalitätsdenken beherrscht wird, das Kunstwerk und die ästhetische Erfahrung, die sich grundsätzlich durch „Interesselosigkeit“ (Kant), mangelnde Brauchbarkeit und Selbstzweckhaftigkeit auszeichnen, erheblich an Bedeutung verlieren. Folgt man Hegels „Satz vom Ende der Kunst“, besteht generell die Möglichkeit, dass Kunst zu Ende geht, dass Kulturen sich so weiterentwickeln, dass Kunstwerken und ästhetischen Erfahrungen kein (großer) Wert mehr beigemessen wird. Diesbezügliche Einwände, die auf den blühenden Kunsthandel sowie auf die astronomischen Summen verweisen, die auf Auktionen für Gemälde bezahlt werden, verlaufen im Sande, da hier (vornehmlich) monetär gedacht wird und das Kunstwerk zur Geldanlage degradiert wird: „Die Entwicklung der Kunstwerke zu Kunstobjekten und der Kunstobjekte zu Investitionsgütern ist ein modernes Phänomen. Ein Prozess, der nicht eine Verbreitung des Ästhetischen bekundet, sondern den Höhepunkt des zeitgenössischen Ökonomismus.“[9]

Neben der Inthronisierung des ökonomisch-funktionalen Denkens dürfte auch die weitgehende Emigration unseres Lebens ins Internet eine Verflachung der Künste befördern: Das Erleben von Kunst bringt uns die (reale) Welt und unser Selbst näher, doch in Zeiten, in denen zunehmend die virtuelle Welt favorisiert wird, sind diese Erkenntnisse nicht mehr (so) gefragt.

Nun ist unsere triste Epoche nicht nur durch eine Quasi-Monopolisierung von Ökonomie und Nutzdenken sowie durch eine weitgehende Online-Synthetisierung gekennzeichnet, sie leidet auch unter den verheerenden Auswüchsen einer kulturmarxistischen Postmoderne. Das postmodern-progressive anything goes führte beispielsweise in unseren Musentempeln dazu, dass Regisseure sich auf einmal dazu berufen fühlen, sich über Shakespeare, Goethe oder Euripides zu stellen, zumal ja auch noch der Tod des Autors (Roland Barthes) verkündet worden war. „Inzwischen kann ja am Theater jeder machen was er will, aber in der ganzen Welt wird das deutsche Regietheater inzwischen verlacht“, so Peter Stein im Berliner Tagesspiegel (11.09.2007). Davon abgesehen habe das deutsche Theater in den vergangenen fünfzehn Jahren keine Schauspieler hervorgebracht, „die sich auch nur annähernd messen können mit denen, die es davor gegeben hat“, und heute hätten die Schauspieler auch „Angst, dass sie mit Scheiße beschmiert werden oder an der Rampe eine halbe Stunde lang wichsen müssen“. Die einst blühende deutsche Theaterkultur wurde von linken Ideologen zunichtegemacht und durch eine die erbärmliche Kreativitätslosigkeit der Regisseure widerspiegelnde pornographische Spielwiese ersetzt. Selbstredend sind auch Prosa und Lyrik Opfer der unter „Machthunger, Minderwertigkeitskomplexen und (Schöpfungs-)Neid“ leidenden postmodernen „akademischen Deutungsindustrie“ (Ulrich Horstmann), die den Autoren ihre vertheoretisierten und selbstzentrierten Glaubenssätze aufzwingt und in ihren Creative Writing-Seminaren für den Nachwuchs „eine Welt aus Lug und Trug [aufbaut], in der Kunst keine Rarität, kein seltener Glücksfall mehr ist, sondern jede Woche mit schöner Regelmäßigkeit in Manuskriptform aus der Tasche gezogen werden kann und Künstler von der Stange und als Dutzendware innerhalb der Regelstudienzeit ihren Abschluss machen“.[10] Da der egalitaristisch-progressive Zeitgeist seit vielen Jahren verkündet, jeder sei begabt, kann es nicht verwundern, dass dieses akademische Geschäft floriert und sehr viele junge Menschen vom künstlerischen Rampenlicht träumen: „Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen. Ihr Bezug sticht jedes andere Einkommen aus. Darum steht der Ruhm über der Macht, darum verblasst der Reichtum neben der Prominenz.“[11]

Der kulturzerstörende Impetus des Kulturmarxismus zeigt sich freilich nicht nur in akademischen Seminaren, in denen den Teilnehmern kreatives Schreiben beigebracht werden soll. Vielmehr hat dieser generell in den Schulen und Universitäten zu einer erschreckenden, Unheil versprechenden Kombination aus Verdummung und Bildungsfeindlichkeit geführt. Doch wer seine Wurzeln verliert, fällt recht bald um und stirbt, was indes von den allermeisten Menschen nicht mehr verstanden wird, oder es ist ihnen schlichtweg egal, nicht zuletzt auch deshalb, weil ambitionierte Sozialingenieure seit vielen Jahren an der Diskreditierung und Auflösung von Bildung arbeiten. Der Verfall der Bildung wird aber ohnehin allein schon durch die sozio-kulturelle Entwicklung des prole drift herbeigeführt: Als die aristokratisch-großbürgerliche Kultur im 20. Jahrhundert unterging beziehungsweise „musealisiert“ (Rolf Peter Sieferle) wurde, übernahm an ihrer Stelle die neue „moderne“ Kultur die Bühne, die jedoch ein ganz anderes Erscheinungsbild zeigt: Sie ist nicht vornehm, sondern wild, sie betont nicht den Geist, sondern den Körper, und sie übernimmt zahlreiche Elemente der Unterschichtenkultur (siehe etwa die enorme Popularität von Tätowierungen).[12] Während man sich früher im Bereich der Kultur und des Stils nach oben orientierte, also der Aristokratie und dem Großbürgertum nacheiferte, orientiert sich unsere heutige Kultur nach unten, weshalb dieses Phänomen von dem amerikanischen Literatur- und Kulturwissenschaftler Paul Fussell als prole drift bezeichnet wurde. „Ein wichtiges Element des prole drift ist die Allgegenwart und hohe Wertschätzung des Lärms, sei er künstlich verursacht („Musik“) oder handle es sich um bloßes Geschrei, etwa von Kindern, das unter besonderem Schutz des Staates steht. Hier wird eine wichtige Differenz zur älteren Kultur der Vornehmheit erkennbar. Diese schätzte die Stille, die Konzentration, die Selbstbeherrschung, während das Lärmen zum Merkmal des Pöbels gehörte. […] Die Allgegenwart des Lärms, die Vernichtung der Stille, schneidet die Menschen gezielt von einer reflexiven Kultur ab, trennt sie von der Tradition und ihren „Texten“ und liefert sie vollständig der vulgären Gegenwart aus. Viele Menschen bedürfen dann des Mediums Lärm, um überhaupt leben zu können. Sie füllen freiwillig ihre Umgebung mit Radio- und Fernsehgeschwätz oder mit „Musik“, um sich in ein Leben einzuschwingen, das keine Selbstdistanz mehr kennt.“[13]

Die Geistlosigkeit und Geistverachtung der Publikumsmasse und die Banalisierung des Geschmacks führen unausweichlich auch zum Verlust des Künstlertums, denn da der „gewöhnlichen Seele“ (Ortega y Gasset), die unsere moderne Massengesellschaft ausmacht, jedwede Distinktion und Hierarchie ein Graus ist, zielt sie auf deren Eliminierung ab, und dazu gehört auch die „Liquidierung des Natur- oder Talentadels“.[14] Diese Auslöschung wird vor allem vom sogenannten Kulturbetrieb in großem Format und äußerst effektiv vorangetrieben, der, anstatt sich an Niveau und Talent zu orientieren, eindeutig ideologisch selektiert und sehr darum bemüht ist, nur solchen Autoren Anerkennung und Förderung zu gewähren, die mainstreamkonform gestrickt sind. Nach Frank Lisson hat die Kulturindustrie „in den letzten Jahrzehnten mittels rigider Ausgrenzungspolitik einen Staatsautorenklüngel herangezüchtet“,[15] weshalb dieser Kulturbetrieb gegenwärtig keine lebendige Kultur zulasse, ja das Gegenteil von Kultur darstelle.

An dieser Stelle kommen wir auf Aldous Huxleys eingangs zitierte mathematische Erklärung zurück. Der mengenmäßige Anteil der minderwertigen Hervorbringungen an der künstlerischen Gesamtproduktion hat sich in der kulturmarxistisch-egalitaristisch geprägten Postmoderne auch deshalb enorm vergrößert, weil diese darauf fokussiert ist, die Werke von Frauen sowie von Menschen aus Kulturräumen jenseits des Abendlandes zu bejubeln und zu fördern, und zugleich dazu tendiert, die kreativen Schöpfungen des weißen Mannes zu ignorieren beziehungsweise im Sinne von Genderismus, Diversity und Kulturrelativismus zu nivellieren – was nun aber ganz und gar nicht zu dem Umstand passen will, dass unsere Schönen Künste so gut wie ausschließlich Manifestationen des künstlerisch-kreativen Genies von Männern, und zwar von weißen Männern, sind. Es gibt nun einmal keine einzige wirklich große Komponistin, keine einzige bedeutende bildende Künstlerin und keine einzige mit der Genialität eines Raffael oder Vermeer gesegnete Malerin, und die Zahl bedeutender Dichterinnen und Schriftstellerinnen, die sich hinsichtlich ihrer künstlerischen Qualität mit den großen männlichen Literaten vergleichen lassen (wie etwa Virginia Woolf und Ingeborg Bachmann), ist nicht mehr als eine quantité négligeable. Fassen wir zusammen: In den Künsten bitte deutlich mehr Männer- als Frauenförderung!

Ein weiterer Faktor, von dem man annehmen darf, dass er in signifikantem Maße zum Niveauverfall in den Künsten beigetragen hat und dies fürderhin aller Wahrscheinlichkeit nach sogar in noch größerem Umfang als bisher tun wird, ist eine Folge der Vertechnisierung und der rasanten Beschleunigung unseres Daseins. Gemeint ist das Verschwinden von Muße und Langeweile. Hirnforscher und Psychologen haben herausgefunden, dass Langeweile unseren Ideenreichtum steigert, ja sogar als Voraussetzung für Kreativität zu betrachten ist. Der heutige Mensch hat die Langeweile jedoch weitestgehend ausgemerzt. Vor allem mit Hilfe des Smartphones macht er aus der Langeweile, die Zeit zum Nachdenken und für Kreativität bieten würde, eine stupide mechanische Kurzweil und wird dabei selbst immer automatenhafter, wobei der weithin offene Horizont des Denkens zu äußerst engen und kurzen und eilig bis gehetzt zurückgelegten mentalen Loipen eines reinen Funktionalismus und Infantilismus verkümmert. Die Segnungen der kontemplativen Ruhe, des „besinnlichen Denkens“ (Heidegger), werden von den Ahasvers, Smombies und Handyoten von heute als gewinn- und somit sinnlos verlacht oder überhaupt nicht als Option wahrgenommen. Demgegenüber herrschte sowohl in der Antike (Aristoteles, Cicero) als auch im Mittelalter (Thomas von Aquin) die Überzeugung vor, dass nicht die vita activa, sondern die vita contemplativa die höchste und den Menschen auszeichnende Form des Daseins darstelle.[16] Gewiss, der Mensch kann nicht rein kontemplativ durchs Leben gehen, doch die Beschränkung auf eine vita activa, deren Pausen mit dem Smartphone ausgefüllt werden (arbeiten-daddeln-twittern), ist auch nicht der Königsweg, da eine solche Lebensweise nicht nur das Musische, das die Muße braucht, abtötet, sondern auch zur Verblödung und Mechanisierung des Menschen führt. Daher wäre es entschieden zu seinem Wohle, wenn der moderne Mensch versuchte, die Kontemplation wieder zu einem festen Bestandteil seines Daseins zu machen: „Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Civilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Thätigen, das heisst die Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört desshalb zu den nothwendigen Correcturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muss, das beschauliche Element in grossem Maasse zu verstärken.“[17] Indes, wer „im Buch des Menschen gelesen [hat]“ (E. M. Cioran), wird sich dieses Gedankens sogleich entschlagen; der Mensch wird nicht zu Kontemplation, Ruhe und Herzenswärme zurückfinden, sondern immer entseelter, immer funktionaler und immer mechanischer werden.

Der Verlust von Seele und Herzenswärme, der zwangsläufig den Verfall der Künste impliziert, lässt sich auf philosophischer Ebene im Rahmen der universalen Metaphysik des Lebens des deutschen Lebensphilosophen und Psychologen Ludwig Klages erklären. Klages geht in seinem Hauptwerk Der Geist als Widersacher der Seele (1929–1932) davon aus, dass in vorgeschichtlicher Zeit in die lebensfreundliche, Leben fördernde Einheit von Leib und Seele der lebensferne, lebensfeindliche und letztlich Leben tötende Geist eingebrochen ist, wobei Klages unter Geist primär das rationalistische, technisch-instrumentale Denken, den auf eine Beherrschung der Natur zielenden Willen des Menschen versteht. Dieser maßlose Wille des Menschen betreibe die „Vernichtung des Lebens“ und sei für eine „Verwüstungsorgie ohnegleichen“ verantwortlich. Des Menschen „Erwerbssinn, Ehrgeiz, Machtgelüste“ würden dabei nicht nur den Planeten zerstören, sondern auch die Seele des Menschen, die einst mit der Natur verbunden war – und diese Entseelung der Menschheit führe unweigerlich auch zum „Hinschwinden von Dichtung und Kunst“. Auch die folgenden Auszüge aus Klagesʼ bekanntestem Werk, Mensch und Erde (1913), müssen aus heutiger Sicht wie Hellseherei anmuten: „Unter den Vorwänden von ʻNutzenʼ, ʻwirtschaftlicher Entwicklungʼ, ʻKulturʼ geht er [der Fortschritt; St. B.] in Wahrheit auf Vernichtung des Lebens aus. […] Wie ein fressendes Feuer fegte er über die Erde hin, und wo er die Stätte einmal gründlich kahl gebrannt, da gedeiht nichts mehr, solange es noch Menschen gibt. Vertilgte Tier- und Pflanzenarten erneuern sich nicht, die heimliche Herzenswärme der Menschheit ist aufgetrunken […] Kein Zweifel, wir stehen im Zeitalter des Untergangs der Seele.“[18] „[S]chon ist der Tag in beklemmender Nähe, wo, als beraubt des nährenden Seelenstoffes, auch das Zwischenspiel der ʻdenkenden Vernunftʼ erlahmt und mit dem Weltalter des posthistorischen (nicht mehr Menschen, sondern) Automaten der Schlussakt, der des Verendens beginnt.“[19] Hoffnung bleibe der Menschheit nicht, denn: „Keine Lehre bringt uns zurück, was einmal verloren wurde. Zur Umkehr hülfe allein die innere Lebenswende, die zu bewirken nicht im Vermögen von Menschen liegt.“[20]

Wenn man mit George Steiner Kultur definiert „durch das Ausmaß, in dem ein Denken auf höchstem Niveau aufgenommen und in gemeinsame Werte und Praxis umgesetzt und verbreitet wird“,[21] dann müssen wir in Bezug auf die deutsche, die abendländische Gegenwart konstatieren, dass unsere Kultur bereits in Tiefstregionen angelangt ist. Aber niemand kann sagen, dass es keine Warnungen gegeben hätte, denn das präapokalyptische Szenario, dass sich in Europa ein vollkommen seelenloser, rein ökonomie- und konsumfixierter Geist  ausbreiten werde, wurde schon vor hundert Jahren von Autoren wie Oswald Spengler und Stefan Zweig prognostiziert. Doch wer hört im Land der Dichter und Denker schon auf Dichter und Denker?

Dieser Text ist erschienen in: TUMULT – Vierteljahresschrift für Konsensstörung (Herbst 2018, S. 86-90).

[1] Hans Wollschläger: In diesen geistfernen Zeiten. Konzertante Noten zur Lage der Dichter und Denker für deren Volk. Zürich 1986, S. 30.

[2] Nicolás Gómez Dávila: Auf verlorenem Posten. 2. Aufl. Wien 2006, S. 181.

[3] Aldous Huxley, zitiert in: Walter Benjamin: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, in: ders.: Illuminationen. Ausgewählte Schriften 1. Frankfurt/Main 1977, S. 156.

[4] Benjamin, a.a.O., S. 166.

[5] Gómez Dávila, a.a.O., S. 247 f.

[6] Martin Heidegger: Gelassenheit. Heideggers Meßkircher Rede von 1955. 2. Aufl. Freiburg/München 2015, S. 24 f.

[7] Gómez Dávila, a.a.O., S. 9.

[8] Michel Houellebecq: Die Welt als Supermarkt. 6. Aufl. Reinbek bei Hamburg 2010, S. 56.

[9] Gómez Dávila, a.a.O., S. 219.

[10] Ulrich Horstmann: Schreibweise. Warum Schriftsteller mehr von der Literatur verstehen als ihre akademischen Bevormunder. Würzburg 2014, S. 133.

[11] Georg Franck: Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf. München 2007, S. 7.

[12] Vgl. Rolf Peter Sieferle: Das Migrationsproblem. Über die Unvereinbarkeit von Sozialstaat und Masseneinwanderung. Waltrop/Berlin 2017, S. 61 f.

[13] Ebenda, S. 63.

[14] Peter Sloterdijk: Die Verachtung der Massen. Versuch über Kulturkämpfe in der modernen Gesellschaft. Frankfurt/Main 2000, S. 83.

[15] Frank Lisson: „Kulturindustrie und Lebenstechnik“, in: Sezession 73 (August 2016), S. 19.

[16] Byung-Chul Han: Duft der Zeit. Ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens. 12. Aufl. Bielefeld 2015, S. 89, 96, 105.

[17] Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches. 7. Aufl. München 2016, S. 232.

[18] Ludwig Klages, zitiert in: Reinhard Falter: Ludwig Klages. Lebensphilosophie als Zivilisationskritik. 2. Aufl. Neustadt an der Orla 2015, S. 10 [Hervorhebung St. B.].

[19] Ludwig Klages, zitiert in: Gerd-Klaus Kaltenbrunner: Europa. Seine geistigen Quellen in Porträts aus zwei Jahrtausenden. Zweiter Band. Heroldsberg 1982, S. 319.

[20] Ebenda, S. 320.

[21] George Steiner: Warum Denken traurig macht. 9. Aufl. Frankfurt/Main 2016, S. 89.