Lassen sich Gedichte übersetzen?

Diese Frage lässt sich kurioserweise sowohl mit einem klaren Ja als auch mit einem ebenso klaren Nein beantworten. Zwar werden tagtäglich rund um den Globus zahlreiche Lyrik-Übersetzungen ins Deutsche, Englische, Spanische, Russische, Japanische usw. angefertigt, weshalb vielen Lyrikfreunden unsere Frage als reichlich unsinnig erscheinen dürfte, doch andererseits gibt es auch gewichtige Gründe dafür, die Möglichkeit von Gedichtübersetzungen zu verneinen. Hermann Hesse hat das Problemfeld in einer kurzen Betrachtung des französischen Dichters Paul Verlaine treffend und prägnant auf den Punkt gebracht: „Und es ist mehr als nur interessant, zu sehen, wie verschieden alle die deutschen Übersetzer diese Gedichte aufgefasst und wiedergegeben haben und wie sie trotz der Vielzahl der Übersetzer kaum etwas von ihrer inneren Einheit verloren haben. Verloren haben sie freilich – das ist das Los aller Übersetzungen – eine Menge von Unersetzlichem, von holden Klängen, von zartesten Schatten, von geheimster Melodik, bei manchen Übersetzungen darf man an das Original nicht denken, obwohl die Übersetzung ebenfalls sehr schön ist. Nur ist sie etwas andres geworden, so wie ein paar Takte Musik durch ein Transponieren, durch einen kleinen Tempowechsel fremd und bis zur Unkenntlichkeit entstellt werden können. Denn Gedichte sind Musik, und sie sind, in ihren eigentlichsten Werten, unübersetzbar, vollkommen unübersetzbar. Dass man trotzdem immer wieder versucht, sie zu übersetzen, ist ebenso unsinnig und ebenso wundervoll, wie jedes Dichten, das ja auch, von allem Anfang an, stets ein Versuch ist, Unmögliches zu tun. Unausdrückbares auszudrücken.“[1]

Die Wahrscheinlichkeit, dass bei einer Übersetzung eines Gedichtes etwas vom Originaltext verlorengeht, ist vor allem dann besonders hoch, wenn die beiden betreffenden Sprachen unterschiedlichen Sprachfamilien und sich deutlich voneinander unterscheidenden Kulturräumen angehören, wie etwa im Falle von Übersetzungen aus dem Chinesischen oder Japanischen ins Deutsche. So kennt das Chinesische beispielsweise keine Tempora, was bedeutet, dass völlig offen ist, auf welche Zeitstufe sich ein Geschehen bezieht;[2] diese Offenheit kann im Deutschen nicht nachgeahmt werden, da hier das Verb grundsätzlich in einem bestimmten Verbaltempus erscheint. Auch einen Modus gibt es im Chinesischen nicht, so dass im Unterschied zum Deutschen durch die Verbform nicht ausgedrückt werden kann, ob etwas Tatsächliches, etwas Mögliches oder etwas Erwünschtes dargestellt wird. Ferner wird im Chinesischen nicht zwischen Singular und Plural differenziert, das Geschlecht der Person ist oftmals unbestimmt und auch das Personalpronomen wird häufig ausgelassen. Da all diese grammatischen Markierungen jedoch im Deutschen obligatorisch sind, kommt der deutsche Übersetzer gar nicht umhin, sie vorzunehmen, d.h. eine Auswahl zu treffen, wodurch freilich die Offenheit und Unverbindlichkeit des chinesischen Ausgangstextes zerstört wird. Ebenso große, wenn nicht gar noch größere Schwierigkeiten ergeben sich bei der Übersetzung der traditionellen japanischen Kurzgedichte (Haiku) ins Deutsche.[3] Doch auch im Falle von Sprachen, die sich sowohl sprachstrukturell als auch kulturell sehr nahe stehen, wie etwa die beiden germanischen Sprachen Englisch und Deutsch, begegnen immer wieder Elemente, die in der jeweils anderen Sprachen nicht entsprechend ausgedrückt werden können, so dass eine getreue, d.h. eine wirkungsäquivalente Übersetzung nicht möglich ist. Dies gilt beispielsweise für die beiden Shakespeare-Sonette Nr. 135 und Nr. 136, in denen mit den unterschiedlichen Bedeutungen des Wortes will im Englischen gespielt wird: a) Wille, b) sinnliche Lust, c) (männliches oder weibliches) Geschlechtsteil, d) Kurzform des Personennamens William. Das komplexe Spiel mit diesen Mehrdeutigkeiten kann die deutsche Übersetzung nicht leisten:[4]

Wilt thou, whose will is large and spacious,
Not once vouchsafe to hide my will in thine?
(Sonett Nr. 135)

Willst du nicht, deren Willen weit und groß ist,
Einst gnädig hülln in deinen meinen Willn?

Will will fulfil the treasure of thy love,
Ay, fill it full with wills, and my will one.
(Sonett Nr. 136)

Will will vollfülln das Kleinod deiner Lieb,
Ei, füll es voll mit Wills, und meins sei eins.

Ebenso wie die Übersetzungen aus dem Chinesischen und Japanischen, die ja trotz der enormen Unterschiede zwischen diesen beiden ostasiatischen Sprachen und dem Deutschen in Bezug auf die grammatische Struktur und die Kultur sehr wohl existieren, zeigen auch diese Beispiele, dass Übersetzungen von Lyrik immer nur mehr oder weniger gelungene Annäherungen an das Original darstellen können: „Das Wort ist der Phallus des Geistes, zentral verwurzelt. Dabei national verwurzelt. Bilder, Statuen, Sonaten, Symphonien sind international – Gedichte nie. Man kann das Gedicht als das Unübersetzbare definieren.“[5]

 

[1] Hermann Hesse: „Paul Verlaine“, in: ders.: Eine Literaturgeschichte in Rezensionen und Aufsätzen, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1975, S. 358f.

[2] Vgl. hierzu: Günther Debon: Mein Haus liegt menschenfern. Dreitausend Jahre chinesischer Poesie, München, Diederichs, 1988, S. 8f.

[3] Vgl. hierzu Haiku: japanische Gedichte. Ausgewählt, übersetzt und mit einem Essay herausgegeben von Dietrich Krusche, München, DTV, 2014, S. 129–133.

[4] Siehe hierzu William Shakespeare: The Sonnets/Die Sonette (Englisch/Deutsch). Englisch und in ausgewählten deutschen Versübersetzungen. Mit Anmerkungen und einem Nachwort herausgegeben von Raimund Borgmeier, Stuttgart, Reclam, 2003, S. 138f., 194f.; Frank Günther: Unser Shakespeare. Einblicke in Shakespeares fremd-verwandte Zeiten, München, DTV, 4. Auflage 2015, S. 177.

[5] Gottfried Benn: „Probleme der Lyrik“, in: ders.: Probleme der Lyrik. Späte Reden und Vorträge, Stuttgart, Klett-Cotta, 2011, S. 51.