Léo Ferré

Léo Ferré (1916–1993), franko-monegassischer Sänger, Komponist, Poet und Anarchist, gehört neben dem Franzosen Georges Brassens und dem Belgier Jacques Brel zu den „trois grands“, den „drei Großen“, des Chansons, und nicht wenige halten ihn auch für den besten französischsprachigen Dichter des 20. Jahrhunderts. Obwohl er rund vierzig Studioalben und mehrere Live-Alben veröffentlichte und auch zahlreiche Hits hatte, ist er außerhalb des französischsprachigen Kulturraumes nur wenig bekannt, jedenfalls bei weitem nicht so berühmt wie Brel, Brassens oder auch Serge Gainsbourg – einigermaßen überraschend, wenn man bedenkt, dass Ferré weitaus schönere Musik und bewegendere Texte schrieb als die genannten Kollegen und zudem auch die sehr viel bessere, ausdrucksstärkere Stimme besaß. Ferrés Texte decken ein äußerst breites emotionales und gedankliches Spektrum ab, wir begegnen Zärtlichkeit, Liebe, Erotik, Melancholie, Humor und Lyrismus ebenso wie Zeit- und Gesellschaftskritik, Desillusion, Sarkasmus, rebellischen Ausbrüchen, Obszönität, Lüsternheit, Schreien, derber Umgangssprache und Prosamonologen (Le Chien).

Geboren wurde er 1916 in Monaco, sein Vater war Personalchef des Casinos von Monte-Carlo, seine italienischstämmige Mutter arbeitete als Näherin. Léo war schon in jungen Jahren der Musik zugetan und sang bereits als Siebenjähriger im Chor der Kathedrale von Monaco; sein Onkel nahm ihn häufig mit ins Opernhaus von Monte Carlo, wo er Musik von Beethoven und Ravel hörte, die ihn sehr beeindruckte; mit vierzehn komponierte er eine dreistimmige Messe und schrieb eine Melodie zu Verlaines Gedicht Soleils couchants („Abendsonnen“); er begeisterte sich für Poesie, vor allem für Frankreichs poètes maudits („verfemte Dichter“), insbesondere für Baudelaire, Verlaine und Rimbaud, die in dem klösterlichen Internat, das er acht Jahre lang besuchte, als subversive Skandalautoren galten (später wird er viele Gedichte dieser und einiger anderer Poeten vertonen). Nach dem Abitur untersagte ihm sein Vater, eine Ausbildung am Musikkonservatorium zu absolvieren, und so ging er 1935 nach Paris, um Jura zu studieren, doch zum Leidwesen seiner Eltern entschied sich Léo Ferré, der sein Klavierspiel als Autodidakt verbessert hatte, dafür, professioneller Musiker zu werden. Nach ersten Erfolgen und sich anschließenden Rückschlägen im Pariser Musikleben begann Anfang der 1960er Jahre seine „Goldene Zeit“ mit großartigen Auftritten im Olympia. Offizielle Ehrungen hingegen waren überhaupt nicht seine Sache: Als man in den 1980er Jahren sein künstlerisches Schaffen mit Musikpreisen und anderen Auszeichnungen würdigen wollte, lehnte er stets ab.

Léo Ferré war dreimal verheiratet. Mit seiner zweiten Frau Madeleine lebte er in den 1960er Jahren einige Zeit in einem großen abgelegenen Château in Südfrankreich – in künstlerischer Hinsicht Ferrés kreativste Zeit. Auf dem weiträumigen Grundstück versammelte das Paar derart viele Tiere um sich, dass man schon von einem kleinen Zoo sprechen kann. Eine Sonderstellung nahm die Schimpansin Pépée ein, zu welcher der enorm tierliebe Ferré eine besondere Beziehung aufbaute, obwohl sie sich, als sie dem „Kindesalter“ entwachsen war, als unerträgliches, cholerisches „Haustier“ erwies. Die belastende, sehr arbeitsintensive Pflege der vielen Tiere wuchs den beiden schließlich über den Kopf, Madeleine verfiel in eine anhaltende Depression und gab sich auch dem Alkohol hin. Als sich im März 1968 Pépée infolge eines Sprungs von einem Baum auf einen Holzpfahl schwer verletzt hatte, beauftragte Madeleine – die sich alleine auf dem Landgut befand und mit ihren Nerven völlig am Ende war – einen benachbarten Jäger, Pépée und zwei weitere Tiere (eine andere Schimpansin und ein Hausschwein) zu töten. Ferré, der zu dieser Zeit schon eine Beziehung zu Marie-Christine, seiner dritten und letzten Ehefrau (die er 1974 heiratete), unterhielt, geriet außer sich und hat Madeleine diese Tat nie verziehen – jahrelang überzog er die Frau, die er einst so leidenschaftlich geliebt hatte, mit einem gnadenlosen Hass, während er im Andenken an seine geliebte Schimpansin das Lied Pépée schrieb, eine seiner emotional am stärksten berührenden Kompositionen, ein eindrucksvolles Zeugnis seiner Liebe und seines Schmerzes – aber auch seines Humors:

Tʼavais les mains commʼ des raquettes Pépée
Et quand jʼ te fʼsais les ongles
Jʼ voyais des fleurs dans ta barbiche
Tʼavais les oreillʼs de Gainsbourg
Mais toi tʼavais pas besoin dʼ scotch
Pour les rʼplier la nuit

Du hattest Hände wie Tennisschläger Pépée
Und wenn ich Dir die Nägel schnitt
Sah ich Blumen in Deinem Kinnbart
Du hattest die Ohren von Gainsbourg
Aber Du brauchtest keinen Scotch
Um sie nachts zusammenzufalten

Während Ferrés Liebe zu Tieren und insbesondere zu seiner Schimpansin Pépée keinem Zweifel unterliegt, stellt sich sein Verhältnis zu Frauen als sehr komplex dar: Zwar konnte er auch für Frauen eine überschwängliche Liebe empfinden und sie über alle Maßen verehren, wie die folgende Aussage von ihm in Bezug auf seine zweite Ehefrau Madeleine zeigt: „Je suis né par erreur en 1916 et une seconde fois le 6 janvier 1950 quand j’ai connu Madeleine“ („Ich wurde irrtümlicherweise 1916 geboren und ein zweites Mal am 6. Januar 1950, als ich Madeleine kennenlernte“). Doch andererseits sind von ihm auch Äußerungen überliefert, die ihm den Vorwurf der Misogynie einbrachten. Ein Misanthrop war Ferré, der sich gerne Sartres Formel „Lʼenfer, cʼest les autres“ („Die Hölle, das sind die anderen“) zu eigen machte, aber ganz sicher, wofür er einmal in einem Interview eine überraschende Erklärung anführte, nämlich ein Übermaß an Menschenliebe: „Ich mag die Stadt nicht, aber die Leute, die liebe ich zu sehr, und deshalb will ich sie nicht sehen, weil mich das zu sehr aufzehrt“.[1] Ferrés starke Abneigung gegen das Stadtleben zeigt sich auch in der Wahl seiner Wohnorte: Nach seinen Jahren mit Madeleine in Südfrankreich kaufte er 1970 wieder ein Landgut, diesmal in der Toskana, bei Castellina-in-Chianti (ca. 30 km nördlich von Siena), wo er bis zu seinem Tod mit seiner dritten Frau Marie-Christine lebte. Seine Geringschätzung des Urbanen hat Ferré erst im Laufe der Jahre entwickelt, denn in seiner Jugendzeit und noch darüber hinaus besaß das Pariser Quartier Latin für ihn einen besonderen emotionalen Stellenwert. Hier studierte er in den 1930er Jahren Jura, allerdings nur mäßig zielstrebig, denn die Kinos des Viertels und die Prostituierten zogen ihn, der bei den Mädchen keinen Erfolg hatte, viel stärker an als der Hörsaal. Bei Besuchen des Quartier Latin viele Jahre später musste er jedoch feststellen, dass dieser Ort seinen Zauber in jeder Hinsicht verloren hat:

Je rʼtrouvʼ plus rien          Ich finde nichts mehr wieder
Tellement cʼest loin          So weit weg ist es
Lʼ Quartier latin                Das Quartier Latin

Während er in Quartier Latin einen wehmütigen Blick auf sein Studentenleben wirft, geht es in Vingt ans vor allem um die Macken der Adoleszenz, das Älterwerden und die Vergänglichkeit. Ferré bringt unter anderem seine Unzufriedenheit mit seinem damaligen Erscheinungsbild zum Ausdruck: In seiner Jugendzeit empfand er sein Gesicht als eckig, trug eine Brille und hatte schon viele Haare verloren, was zu Komplexen führte und ihn bei seinen Versuchen, sich dem anderen Geschlecht anzunähern, behinderte und ihn, wie in Quartier Latin beschrieben, schließlich in die Arme von Prostituierten trieb.

Vingt ans

Pour tout bagage on a vingt ans
On a lʼexpériencʼ des parents
On se fout du tiers commʼ du quart
On prend lʼbonheur toujours en rʼtard
Quand on aimʼ cʼest pour toutʼ la vie
Cettʼ vie qui durʼ lʼespacʼ dʼun cri
Dʼunʼ permanentʼ ou dʼun blue jean
Et pour le reste on imagine

Pour tout bagage on a sa gueulʼ
Quand elle est bath ça va tout seul
Quand elle est moche on sʼhabitue
On sʼdit quʼon est pas mal foutu
On bat son destin commʼ les brêmes
On touche à tout on dit: „Je tʼaime“
Quʼon soit dʼla Balance ou du Lion
On sʼen balance on est des lions …

Pour tout bagage on a vingt ans
On a des réservʼs de printemps
Quʼon jettʼrait commʼ des miettʼs de pain
A des oiseaux sur le chemin
Quand on aimʼ cʼest jusquʼà la mort
On meurt souvent et puis lʼon sort
On va griller unʼ cigarette
Lʼamour ça sʼprend et puis ça sʼjette

Pour tout bagage on a sa gueulʼ
Qui causʼ des fois quand on est seul
Cʼest çʼquʼon appellʼ la voix du dʼdans
Ça fait parfois un dʼces boucans …
Pas moyen de tourner lʼ bouton
De cettʼ radio, on est marron
On passe à lʼexamen dʼminuit
Et quand on pleure on dit quʼon rit …

Pour tout bagage on a vingt ans
On a unʼ rose au bout des dents
Qui vit lʼespace dʼun soupir
Et qui vous pique avant dʼmourir
Quand on aimʼ cʼest pour tout ou rien
Cʼest jamais tout, cʼest jamais rien
Ce rien qui fait sonner la vie
Comme un réveil au coin du lit

Pour tout bagage on a sa gueulʼ
Devant la glacʼ quand on est seul
Quʼon ait été chouette ou tordu
Avec les ans tout est foutu
Alors on maquillʼ le problème
On sʼdit quʼy a pas dʼâgʼ pour qui sʼaime
Et en cherchant son cœur dʼenfant
On dit quʼon a toujours vingt ans …

Zwanzig Jahre

Man ist nur zwanzig Jahre alt
Man hat die Erfahrung der Eltern
Alles ist einem piepegal
Man verpasst immer das Glück
Liebt man, ist es für das ganze Leben
Dieses Leben, das so lange dauert wie ein Schrei
Wie eine Dauerwelle oder eine Blue Jeans
Und den Rest stellt man sich vor

Man hat nur seine Visage
Ist sie schön, läuft alles wie von selbst
Ist sie hässlich, so gewöhnt man sich dran
Man sagt sich, dass man sich nicht mies fühlt
Man kämpft gegen sein Schicksal wie eine Brasse
Man treibt alles Mögliche, man sagt: „Ich liebe dich“
Ob man nun Waage ist oder Löwe
Man pfeift drauf, man hat Mumm …

Man ist nur zwanzig Jahre alt
Man hat die Reserven des Frühlings
Die man wie Brotkrumen
Den Vögeln hinwerfen würde
Wenn man liebt, dann bis zum Tod
Man stirbt oft, und dann steht man wieder auf
Man raucht eine Zigarette
Die Liebe packt einen, und dann wirft man sie weg

Man hat nur seine Visage
Die spricht, wenn man alleine ist
Es ist das, was man die innere Stimme nennt
Manchmal ist es wie Lärm …
Man kann dieses Radio nicht abstellen
Man hat das Nachsehen
Man prüft sein Gewissen
Und wenn man weint, sagt man, dass man lacht …

Man ist nur zwanzig Jahre alt
Man hat eine Rose im Mund
Die einen Seufzer lang lebt
Und die Dich sticht bevor sie stirbt
Wenn man liebt, ist es alles oder nichts
Nie ist es alles, nie ist es nichts
Dieses Nichts, das das Leben weckt
Wie ein Aufwachen am Rand des Bettes.

Man hat nur seine Visage
Im Spiegel, wenn man allein ist
Egal, ob man ein prima Typ war oder eine Meise hatte
Mit den Jahren geht alles zunichte
Man redet sich die Dinge schön
Man sagt sich, dass es für den, der liebt, kein Alter gibt
Und während man sein Kinderherz sucht
Sagt man, man sei noch immer zwanzig …
(Übersetzung: Stefan Barme)

Das herausragende Kennzeichen von Ferrés Kunst ist zweifellos die göttliche Einheit von Melodie, Wort und Stimme; bei dem folgenden Chanson Cette blessure bekomme ich, ebenso wie bei den anderen hier präsentierten Chansons, ganz verlässlich immer wieder eine Gänsehaut, obwohl ich diese Musikstücke schon unzählige Male gehört habe.

Die Vergänglichkeit des Lebens und der Liebe und die Nichtigkeit und das Leid des menschlichen Lebens gehören zu den Themen, die Léo Ferré besonders beschäftigten, und sie inspirierten ihn auch zu einer seiner grandiosesten Kompositionen: dem Jahrhundert-Chanson Avec le temps. Ab 1990 beendete Ferré alle seine Konzerte mit diesem Lied, und er bat das Publikum darum, anschließend nicht zu applaudieren. Als er den Deckel seines Flügels zuklappte und langsamen Schrittes von der Bühne trat, hielten die Zuhörer den Atem an, und manche konnten ihre Tränen nicht unterdrücken.

Avec le temps

Avec le temps …
Avec le temps, va, tout s’en va
On oublie le visage et l’on oublie la voix
Le coeur, quand ça bat plus, c’est pas la peine d’aller
Chercher plus loin, faut laisser faire et c’est très bien

Avec le temps …
Avec le temps, va, tout s’en va
L’autre qu’on adorait, qu’on cherchait sous la pluie
L’autre qu’on devinait au détour d’un regard
Entre les mots, entre les lignes et sous le fard
D’un serment maquillé qui s’en va faire sa nuit
Avec le temps tout s’évanouit

Avec le temps …
Avec le temps, va, tout s’en va
Même les plus chouettes souvenirs ça t’as une de ces gueules
À la galerie j’farfouille dans les rayons d’la mort
Le samedi soir quand la tendresse s’en va toute seule

Avec le temps …
Avec le temps, va, tout s’en va
L’autre à qui l’on croyait pour un rhume, pour un rien
L’autre à qui l’on donnait du vent et des bijoux
Pour qui l’on eût vendu son âme pour quelques sous
Devant quoi l’on s’traînait comme traînent les chiens
Avec le temps, va, tout va bien

Avec le temps …
Avec le temps, va, tout s’en va
On oublie les passions et l’on oublie les voix
Qui vous disaient tout bas les mots des pauvres gens
Ne rentre pas trop tard, surtout ne prends pas froid

Avec le temps …
Avec le temps, va, tout s’en va
Et l’on se sent blanchi comme un cheval fourbu
Et l’on se sent glacé dans un lit de hasard
Et l’on se sent tout seul peut-être mais peinard
Et l’on se sent floué par les années perdues

Alors vraiment
Avec le temps on n’aime plus

So mit der Zeit

So mit der Zeit …
So mit der Zeit, geht alles hin.
Man vergisst das Gesicht, man vergisst die Stimme.
Wenn das Herz schweigt, braucht man nicht
In der Ferne zu suchen, man lässt es geschehen und es ist gut so.

So mit der Zeit …
So mit der Zeit, geht alles hin.
Der, den man verehrte, den man im Regen suchte,
Der Andere, den man in einem Blick erahnte,
Zwischen den Worten, zwischen den Zeilen und unter der Schminke
Eines falschen Schwurs, der sich in der Nacht davonmacht.
So mit der Zeit verfliegt alles.

So mit der Zeit …
So mit der Zeit, geht alles hin.
Selbst die schönste Erinnerung kommt als Fratze daher.
In der Gallerie stöbere ich in der Abteilung des Todes,
Am Samstagabend, wenn die Zärtlichkeit ganz von selbst versiegt.

So mit der Zeit …
So mit der Zeit, geht alles hin.
Der, an den man glaubte, umsonst, als Lohn nur ein Schnupfen,
Der, dem man Flügel verlieh und Juwelen schenkte,
Für den man seine Seele verkauft hätte für wenig Geld,
Vor dem man gekrochen ist wie ein Hund,
So mit der Zeit, wird alles gut.

So mit der Zeit …
So mit der Zeit, geht alles hin.
Man vergisst seine Leidenschaften und man vergisst die Stimmen
Die Dir ganz leise die Sprüche der einfachen Leute sagen:
Komm nicht zu spät nach Hause, und erkälte Dich vor allem nicht.

So mit der Zeit …
So mit der Zeit, geht alles hin.
Man fühlt sich ausgelaugt wie ein müder Gaul.
Man fühlt sich wie zu Eis gefroren in irgendeinem Bett.
Man fühlt sich vielleicht einsam, hat aber seine Ruhe,
Man fühlt sich reingelegt von all den verlorenen Jahren

Und fürwahr
So mit der Zeit liebt man nicht mehr.
(Übersetzung: Stefan Barme)

Meine CD-Empfehlungen:

Léo chante Ferré, Barclay, 1990 (Doppel-CD)

Avec le temps, Barclay, 1998

[1] Ferré ist keineswegs der Erste, der Menschenhass durch Menschenliebe erklärt, denn schon der französische Schriftsteller Nicolas Chamfort (1741–1794) meinte: „Quiconque nʼest pas misanthrope à quarante ans nʼa jamais aimé les hommes“ („Wer mit vierzig noch kein Misanthrop ist, hat die Menschen nie geliebt“).