Lesefrüchte (1): Friedrich Nietzsche, Botho Strauß

„Der Mensch kommt erst ganz langsam dahinter, wie unendlich complicirt die Welt ist. Zuerst denkt er sie sich ganz einfach, d. h. so oberflächlich als er selbst ist.“
(Nietzsche, Nachgelassene Fragmente)

„Die Weisheit ist um keinen Schritt über Epikur hinausgekommen — und oftmals viele tausend Schritt hinter ihn zurück.“
(Nietzsche, Nachgelassene Fragmente)

„Ich las „Väter und Söhne“ von Turgenjew. […] Natürlich geht es darin um vergebliche Liebe, wechselnde Beziehungen, Pessimismus und Fortschritt, Intelligenz und Gleichgültigkeit, alles Dinge, die mich jetzt besonders stark berühren und die ich mit beispielloser Naivität auf meine mehr als hundert Jahre älteren Verhältnisse übertrug. Aber ich wollte etwas Allgemeineres festhalten. Wir haben vielleicht, in einem solchen Buch, uns selbst auf einer Höhe der Empfindungen kennengelernt, auf der wir irgendwie weiterbeschäftigt werden wollen, nun außerhalb des Buchs. Wir haben zwar auf imaginärem Wege (des Romans) die vergessene Leidenschaft wieder aufgefunden, aber das, was sie in uns auslöst, ihr Affekt, ist keineswegs imaginär, er ist ganz wirklich, wie Tränen oder Zittern eben wirklich sind; ein Gefühl, das gebraucht werden will, es verlangt nach persönlicher Erfahrung. Aber in unserer alltäglichen Gegenwart entspricht ihm nichts. Dort ist alles auf magere Gemütskost abgestellt. Das wirkliche Leben bietet keine Gelegenheiten, an denen man sich satt erleben könnte. So hockt sie in uns, nach dem Buch, die startbereite Leidenschaft, doch niemand ruft sie ab. Und auf die Dauer schmerzt dies Hocken in der angespannten Krümmung. Wir empfinden mehr als wir verausgaben dürfen. Das Mehr an Wirklichkeit, das sich der Triebleser erwarb, muss er bei sich behalten.“
(Botho Strauß, Allein mit allen)