Lesefrüchte (2): Clarice Lispector, Anton Tschechow

„Jetzt hören Sie mir mal zu, Freund, der Mond steht hoch am Himmel. Haben Sie keine Angst? Das Gefühl der Verlassenheit, das von der Natur ausgeht. Dieser Mondschein, bedenken Sie, dieser Mondschein, der blasser ist als das Gesicht eines Toten, so weit entfernt und still, dieser Mondschein hat die ersten Schreie der ersten Ungetüme auf dieser Erde miterlebt, er hat die besänftigten Wasser nach einer jeden Sintflut und Überschwemmungskatastrophe bewacht, er hat über Jahrhunderte eine Nacht nach der anderen erleuchtet und ist jahrhundertelang in der Morgenröte erloschen … Denken Sie daran, dieser Mond wird denselben geisterhaften Schein ausstrahlen, wenn nicht einmal mehr die Spuren der Enkel Ihrer Urenkel existieren. Demütigen Sie sich vor ihm. Sie sind nur einen Augenblick da, und er ist immer. Leiden Sie nicht darunter, mein Freund? Ich … ich meinerseits kann es nicht ertragen. Hier, mitten in meinem Herzen, spüre ich den Schmerz, eines Tages sterben zu müssen, und Tausende von Jahrhunderten später, aufgelöst in Humus, ohne Augen für den Rest der Ewigkeit … und der Mond gleichgültig und triumphierend, blasse Hände erhebend über neue Menschen, neue Dinge, andere Wesen. Und ich TOT!“ Ich atmete tief durch. „Denken Sie daran, mein Freund. Genau in diesem Augenblick steht er auch über dem Friedhof. Über dem Friedhof, wo all die schlafen, die einst waren und nie mehr sein werden. Dort, wo das leiseste Raunen dem Lebenden vor Entsetzen die Haare zu Berge stehen lässt, wo die ruhige Gleichgültigkeit der Sterne unsere Schreie knebelt und unseren Blick erstarren lässt. Dort, wo man weder Tränen noch Gedanken hat, die das tiefe Elend, ein Ende zu haben, auszudrücken vermögen.“
Ich beugte mich über den Tisch, verbarg mein Gesicht in den Händen und weinte. Leise sagte ich: „Ich will nicht sterben! Ich will nicht sterben …“
Und diesem Mann fiel nichts Besseres ein, als weiterhin in seinen Zähnen herumzustochern.
„Aber Sie haben doch nichts gegessen“, wiederholte ich, während ich meine Tränen trocknete.
(Clarice Lispector, Noch zwei Betrunkene)

„Im Garten war es still und kühl; dunkle, ruhige Schatten lagen über der Erde. Und weit, sehr weit entfernt, wahrscheinlich außerhalb der Stadt, quakten die Frösche. Man spürte den Mai, den lieben Mai! Es atmete sich so tief, und es schien, als rege sich irgendwo unter dem Himmel, über den Bäumen, weit hinter der Stadt, in Feldern und Wäldern ein anderes Frühlingsleben, geheimnisvoll, herrlich, reich und heilig, ein Leben, dessen Erkenntnis dem schwachen, sündigen Menschen unzugänglich ist. Und man hätte weinen mögen.“
(Anton Tschechow, Die Braut)