Li Bai: Weinrausch im Mondschein

Es gibt in der Menschheitsgeschichte keine Hochkultur, die so stark von der Dichtkunst geprägt ist wie China. Das Reich der Mitte kann nicht nur auf eine rund dreitausendjährige ungebrochene Tradition des Dichtens und eine enorm hohe Zahl überlieferter Texte verweisen, sondern es kommt noch hinzu, dass das Gedicht im alten China sowohl im politischen als auch im sozialen Alltag eine wichtige Funktion besaß. Bereits Konfuzius (551–479 v. Chr.) sprach der Poesie einen vielfältigen Nutzen zu. So betonte er in Bezug auf die von ihm zusammengetragene Gedichtsammlung Buch der Lieder: „Die Lieder sind geeignet, um anzuregen, sind geeignet, um zu beobachten, sind geeignet, um miteinander umzugehen, und sind geeignet, um Groll zum Ausdruck zu bringen“.[1]

Als Blütezeit der chinesischen Dichtung gilt die Epoche der Tang-Dynastie (618–907 n. Chr.). Auf der Grundlage politischer Stärke und wirtschaftlichen Wohlergehens konnten auch die Künste, vor allem die Poesie, Malerei, Musik und Tanz, aufblühen. Was speziell die Lyrik anbelangt, so weist das alte China die Besonderheit auf, dass die Dichter in der Regel gleichzeitig auch Staatsbeamte waren; dies lag vor allem daran, dass der Staat die wenigen schriftkundigen Gelehrten, die es zu dieser Zeit gab, für seinen Verwaltungsapparat benötigte. In der Tang-Dynastie kam hinzu, dass das Abfassen von Gedichten, das anfänglich zu den freiwilligen Bestandteilen der Beamtenprüfungen zählte, schließlich obligatorisch wurde. Ähnlich wie im antiken Griechenland war Dichtung im alten China aber auch ein öffentliches Ereignis, denn bei Festveranstaltungen war es üblich, dass die anwesenden Dichter Verse vortrugen und zu einem lyrischen Wettkampf gegeneinander antraten.

Aus der Zeit der Tang-Dynastie liegen uns etwa 50.000 Gedichte von rund 2200 Verfassern vor. Als die beiden Genies der Tang-Lyrik sowie der chinesischen Lyrikgeschichte überhaupt gelten bis heute die beiden Poeten Li Bai (701–762 n. Chr.)[2] und Du Fu (712–770 n. Chr.).

Li Bai verließ im Alter von 24 Jahren seinen Heimatort in der südwestchinesischen Provinz Sichuan und begann ein unstetes Wanderleben, das er, obwohl er mindestens zweimal heiratete, mit einigen Unterbrechungen bis in seine späten Jahre fortsetzte. Nach mehreren erfolglosen Bemühungen, eine Beamtenstelle zu bekommen, wurde er 742 in den erlesenen Kreis der kaiserlichen Hofdichter und Gelehrten aufgenommen, doch schon zwei Jahre später begab er sich wieder auf Wanderschaft. Li Bai ist in Ostchina im Hause eines Verwandten gestorben, während eine verbreitete Legende seinen Tod im Zusammenhang mit seiner Trunksucht sieht: Der Dichter soll in einem Fluss ertrunken sein, als er vom Wein berauscht in einem Boot saß und versuchte, das Spiegelbild des Mondes zu umarmen. Der Mond spielt auch in zwei der drei hier vorgestellten Gedichte von Li Bai eine bedeutende Rolle, wobei zu betonen ist, dass dem Mond in der chinesischen Kultur eine besondere Symbolkraft zukommt. So steht etwa der Vollmond für Frieden und Wohlstand der ganzen Familie, und seine runde Form symbolisiert Ganzheit und Zusammengehörigkeit (schon während der Tang-Zeit wurde das Mondfest zu einem der wichtigsten Feste Chinas). Allgemein steht in China der Mond aber auch für Poesie und Träume, und so ist es nicht verwunderlich, dass der trinkfreudige Li Bai auf vielen Darstellungen sein Weinglas dem Mond entgegenstreckt, denn schließlich ist dieser Dichter vor allem für seine Gedichte, die die Trunkenheit feiern, berühmt. Zwar huldigten im alten China fast alle Poeten dem Wein, da das Betrunkensein nicht als etwas Verächtliches galt, sondern vielmehr als Königsweg zur Inspiration betrachtet wurde, doch Li Bai zeichnete ein extremer Weindurst aus und so gehörte er sicherlich zurecht zu den „acht Unsterblichen der Weinschale“, wie sein Dichterfreund Du Fu eine Gruppe von Poeten und Gelehrten nannte, die dem Weinkonsum in ungewöhnlich starkem Maße zugetan waren. Dabei ist zu betonen, dass hier unter Wein weniger unser Rebensaft zu verstehen ist, sondern vornehmlich ein aus Hirse, Gerste oder Reis gegorenes Getränk, das sich im alten China größter Beliebtheit erfreute, während Traubenwein aus Westasien importiert wurde und sogar dann noch als exotisches Getränk galt, als im 7. Jahrhundert n. Chr. unter den Tang-Kaisern im chinesischen Kernland Weinstöcke angepflanzt wurden.

Neben Wein und Trunkenheit behandeln Li Bais Verse Themen wie Freundschaft, Natur, Einsamkeit und die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. Eines seiner schönsten Gedichte besingt das gemeinsame Trinken mit dem Mond und mit seinem eigenen Schatten:[3]

Einsamer Trunk unter dem Mond

Unter Blüten meine Kanne Wein –
Allein schenk ich mir ein, kein Freund hält mit.
Das Glas erhoben, lad den Mond ich ein,
Mein Schatten auch ist da, – wir sind zu dritt.
Gewiss versteht der Mond nicht viel von Wein,
Und was ich tue, tut der Schatten blind,
Doch sollen sie mir heut Kumpane sein
Und ausgelassen unterm Frühlingswind.
Ich singe und der Mond schwankt hin und her,
Ich tanze und mein Schatten hüpft noch mehr.
Wir sind uns Freunde, da wir nüchtern sind,
Ein jeder geht für sich, wenn erst der Rausch beginnt.
Nichts bleibt dem Herzen ewiglich verbunden,
Als was im hohen Sternenlicht gefunden.

Das folgende Gedicht Nachtgedanken gilt als eines der bekanntesten chinesischen Gedichte überhaupt:[4]

Nachtgedanken

Vor meinem Bett das Mondlicht ist so weiß,
Dass ich vermeinte, es sei Reif gefallen.
Das Haupt erhoben schau ich auf zum Monde,
Das Haupt geneigt denk ich des Heimatdorfs.

Die Übertragung chinesischer Lyrik ins Deutsche oder andere europäische Sprachen impliziert aufgrund der enorm großen sprachstrukturellen Divergenzen zwischen diesen Sprachen und dem Chinesischen immer eine Verfälschung beziehungsweise Verengung des Inhalts des Originals. Das Chinesische kennt viele grammatische Kategorien, die es im Deutschen gibt, nicht (wie beispielsweise Tempora, Modi (Indikativ, Konjunktiv usw.) und die Unterscheidung zwischen Einzahl und Mehrzahl). Da der Übersetzer aber gar nicht umhin kommt, diese Grammatik zu ergänzen, weil das Deutsche ohne diese Kategorien nicht auskommt, zerstört er zwangsläufig die semantische Offenheit und Unverbindlichkeit des chinesischen Originals. Diese Gegebenheiten legen es freilich nahe, von möglichst wortgetreuen Übersetzungen zu freieren Nachdichtungen überzugehen, bei denen die Vermittlung der Expressivität, der Stimmungen und Bilder des chinesischen Originals im Vordergrund stehen. Für solche Nachdichtungen altchinesischer Lyrik ist vor allem Hans Bethge berühmt. Das nachfolgende Gedicht Der Trinker im Frühling stammt aus Bethges Gedichtsammlung Die chinesische Flöte aus dem Jahre 1907, die nicht zuletzt auch deshalb besonders bekannt ist, weil sieben der darin enthaltenen Nachdichtungen Gustav Mahler als Grundlage für seinen Liederzyklus Das Lied von der Erde dienten (aus Bethges Der Trinker im Frühling wird bei Mahler Der Trunkene im Frühling).

Der Trinker im Frühling

Wenn nur ein Traum das Dasein ist,
Warum denn Müh und Plag?
Ich trinke, bis ich nicht mehr kann,
Den ganzen, lieben Tag!

Und wenn ich nicht mehr trinken kann,
Weil Leib und Kehle voll,
So taumlʼ ich hin vor meiner Tür
Und schlafe wundervoll!

Was hör ich beim Erwachen? Horch!
Ein Vogel singt im Baum.
Ich frag ihn, ob schon Frühling sei,
Mir ist als wie im Traum.

Der Vogel zwitschert: „Ja, der Lenz
sei kommen über Nacht!“
Ich seufze tief ergriffen auf
Der Vogel singt und lacht!

Ich fülle mir den Becher neu
Und leer ihn bis zum Grund
Und singe, bis der Mond erglänzt
Am schwarzen Firmament!

Und wenn ich nicht mehr singen kann,
So schlaf ich wieder ein,
Was geht denn mich der Frühling an!
Lasst mich betrunken sein!
(Übersetzung: Hans Bethge)

 

[1] Zitiert in: Der seidene Fächer. Klassische Gedichte aus China. Aus dem Chinesischen übertragen und herausgegeben von Volker Klöpsch, München, DTV, 2009, S. 245.

[2] Li Bai (die heute neben Li Tai Bai übliche Umschrift seines Namens) ist auch unter den Namen Li Bo, Li Po, Li Tai-Po und Li Tai-Pe bekannt.

[3] Übersetzung von Günther Eich, zitiert in: Lyrik des Ostens, München, Hanser, 1982, S. 303.

[4] Übersetzung von Günther Eich, zitiert in: Lyrik des Ostens, München, Hanser, 1982, S. 296.