Louis-Ferdinand Céline: hellsichtiges Künstlergenie und widerlicher Irrläufer

Der französische Schriftsteller Louis-Ferdinand Céline hat mit seinem 1932 erschienenen ersten und bekanntesten Roman Reise ans Ende der Nacht eines der innovativsten, radikalsten und größten Prosawerke der Literaturgeschichte verfasst. Inhaltlich zerreißt Céline hier auf rund 650 Seiten die gesamte westliche Zivilisation: den hoffnungslos einsamen egoistischen Einzelnen, die seelen- und herzlose Masse, den heuchlerischen Kleinbürger, den präpotenten Großbürger, Arme und Reiche, die Wissenschaft, die Religion, den Militarismus, den Kolonialismus, die Technik und den Fortschrittsglauben … In sprachlich-stilistischer Hinsicht müssen selbst Célines Gegner (mit der Ausnahme eines deutschen Feuilletonisten, siehe unten) eingestehen, dass er mit seinen vielen lexikalischen Neuschöpfungen und einer stilistisch ausgeklügelten Einbeziehung von sprechsprachlichen Elementen die Sprache der französischen Prosa ganz enorm erweitert, ja revolutioniert hat (hierzu unten mehr) und so einen adäquaten Code für seine schonungslose albtraumhaft-infernalische Abrechnung mit der Menschheit der Moderne schuf. Doch nicht diese erbarmungslose Anklage machte ihn zu dem wohl am meisten verachteten Schriftsteller der Literaturgeschichte, sondern sein extrem ausgeprägter Antisemitismus, der uns vor allem in seinen drei berüchtigten rassistischen Pamphleten entgegenschlägt (Bagatelles pour un massacre (1937), LʼÉcole des cadavres (1938, dt. „Die Schule der Leichen“) und Les beaux draps (1941, auf Deutsch etwa: „Eine schöne Bescherung“); lediglich von der erstgenannten Schrift existiert eine, das Original jedoch stark verstümmelnde deutsche Übersetzung, die 1938 in Dresden unter dem Titel Die Judenverschwörung in Frankreich erschienen ist. Als der renommierte französische Verlag Gallimard Ende 2017 ankündigte, man wolle diese Pamphlete zum ersten Mal seit Kriegsende – in kommentierter Form – neu herausbringen, löste dies in Frankreich eine vehemente Diskussion aus. Nach einer Intervention der französischen Kulturministerin Françoise Nyssen und heftigen Protesten, vor allem von Serge Klarsfeld, dem Mitgründer und Präsidenten der Organisation „Söhne und Töchter deportierter französischer Juden“, nahm Antoine Gallimard im Januar 2018 zunächst Abstand von seinem Vorhaben, doch nur wenige Wochen später erklärte der Verleger in einem Interview, dass er Célines Pamphlete nun doch neu auflegen werde. Letztlich wenig überraschend, denn der monatelange Medienskandal um diese Hetzschriften wird dem Verleger phantastische Verkaufszahlen bescheren.

Die in Frankreich tobende Debatte wurde auch vom deutschsprachigen Feuilleton aufgenommen, wobei durchweg eine Veröffentlichung der Pamphlete gutgeheißen wurde, was schließlich die einzig vernünftige Vorgehensweise ist, denn das Verbieten und Geheimhalten „gefährlicher“ beziehungsweise „skandalöser“ Bücher hat bekanntlich zu allen Zeiten genau das Gegenteil bewirkt: das Interesse an ihnen wurde befeuert und ihre rasche und weite Verbreitung befördert. Im Falle von Célines unsäglichen Pamphleten kommt als Argument hinzu, dass diese ohnehin antiquarisch erhältlich sind, im Internet kursieren und zudem aus Kanada bezogen werden können, wo sie vor einigen Jahren – ohne großen Wirbel zu verursachen – in einer kommentierten Neuauflage erschienen sind.

Weitaus interessanter als der jüngste Streit um die Publikation der besagten Pamphlete ist indes ein anderer Aspekt der Causa Céline, nämlich die Frage, die der Spiegel in einem Artikel über Céline vom 6. Juni 1994 wie folgt formulierte: „Kann einer, der als politischer Kopf dermaßen versagt, ein großer Künstler sein?“ Die Antwort lautet natürlich: Ja, selbstverständlich! Ein Künstlergenie kann in menschlicher Hinsicht ein durch und durch widerwärtiger Typ sein, an der Größe des Kunstwerks, das er geschaffen hat, ändert dies aber selbstredend absolut gar nichts. Dass im deutschsprachigen Feuilleton den literarischen Qualitäten des „Monster[s] Céline“ (Iris Radisch, Die Zeit, 27.01.2011), dieses „Abschaum[s] der Menschheit“ (Marc Zitzmann, Neue Zürcher Zeitung, 13.06.2017) zumeist nur (äußerst) wenig Raum eingeräumt wird und man stattdessen Célines antisemitische Raserei in den Fokus rückt, ist vor dem Hintergrund der nach dem Holocaust implementierten deutschen Kollektivschuld – und wer fühlte sich dieser Schuld mehr verpflichtet als das bundesrepublikanische Mainstream-Feuilleton (sofern keine preisgekrönten Rapper involviert sind)? – und angesichts der Hypermoral unserer Tage, nicht überraschend. Der Bogen wird jedoch ins Grotesk-Absurde überspannt, wenn ein deutscher Journalist sich mit besonderem Eifer darum bemüht, Célines Antisemitismus in einen Beleg für dessen literarische Minderwertigkeit zu verbiegen. So schrieb Tilman Krause am 31.12.2017 in der Welt in einem Artikel mit der Überschrift „Antisemitismus ist noch keine Literatur“: „Zeit, es endlich einmal auszusprechen: Céline war schon immer mittelmäßig. […] Vielleicht wird ja eine unbefangene (Re-)Lektüre auch seiner Romane ergeben, dass diese sich ebenfalls als das lesen lassen, was seine „écrits polémiques“ ohnehin darstellen: als Literatur gewordenes Ressentiment nämlich. […] Célines narrative Strategie des unter Auferbietung auch der gröbsten Kraftausdrücke ungeniert Vomlederziehens erweist sich bei näherem Hinsehen vielleicht als gar nicht so avantgardistisch, wie eine in Bilderstürmerei und anderen Zertrümmerungen schwelgende Moderne es wahrhaben wollte. Sondern als hochgradig regressiv. Wer beispielsweise schon immer von der redundanten Geschwätzigkeit in „Reise ans Ende der Nacht“ oder „Von einem Schloss zum anderen“ abgestoßen (oder auch nur gelangweilt) war, wird vielleicht im Rückgriff auf die Hetzschriften feststellen, dass es sich bei Célines Suada auch in den Romanen keineswegs um ein raffiniert eingesetztes Kunstmittel handelt. Sondern lediglich um ein in extenso betriebenes Aussetzen der Affektkontrolle sowie von sämtlichen Gesetzen des guten Geschmacks – auch wenn noch so viele sprachliche Neuerungen dabei herauskommen. […] Die Zeiten, da ausgestelltes sprachliches Berserkertum, antibürgerlicher Furor und angeblich authentisches Loslabern eo ipso als von ästhetischem Wert zeugend zu gelten hatten, darf man ja wohl getrost als abgelebt betrachten. Sogar Frankreich, das üblicherweise in Treue fest zu allen denen steht, die es jemals auf den Sockel stellte, wird vielleicht am Beispiel Céline auch einmal erleben, wie segensreich es sein kann, sich auch mal von einstigen Ikonen zu trennen. Jedenfalls dann, wenn diese Ikonen aus der Vergangenheit so lebendige Wiedergänger in den Hasssprechern von heute finden. Denn das ist die Gesellschaft, in die dieser Herr schlicht und ergreifend am besten passt.“ Aha, so ist das also. Céline, der seit dem Erscheinen seines ersten Romans im Jahre 1932 von vielen Literaturfreunden und Schriftstellern rund um den Globus neben Proust als begnadetster Romancier des 20. Jahrhunderts bewundert wird (so mancher namhafte Schriftsteller schätzt ihn sogar noch höher ein als Proust, siehe unten), der viele renommierte Autoren, wie etwa Günter Grass, Jean Genet, Charles Bukowski, Kurt Vonnegut, Allen Ginsberg, Thomas Bernhard, William S. Burroughs, António Lobo Antunes und Arno Schmidt, nachhaltig beeinflusst hat, dessen so ungemein sogstarke Prosa Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir zum Auswendiglernen ganzer Seiten verführte und über den es eine unüberschaubare, von Monat zu Monat immer weiter wachsende Flut von Sekundärliteratur gibt – dieser Céline, den Charles Bukowski für den größten Schriftsteller der vergangenen 2000 Jahre hält, ist also nach Tilman Krauses journalistischer Enthüllungspotenz und literarischer Expertise nur Mittelmaß, und zwar deshalb, weil seine Romane mit geschmacklosen, berserkerhaft-vulgären Schmähreden gespickt seien, was keineswegs etwas mit Ästhetik zu tun habe, sondern lediglich mangelnde Affektkontrolle widerspiegele und diesen Schriftsteller letztlich als regressiv und maßlos überschätzt entlarve (mein Buchtipp hierzu: Ulrich Horstmann: Schreibweise. Warum Schriftsteller mehr von der Literatur verstehen als ihre akademischen Bevormunder, Würzburg, Königshausen & Neumann, 2014). Sozusagen zur Abrundung sei dem Krauseschen Verdikt noch das Urteil zweier jüdischer Autoren entgegengestellt: Der jüdisch-amerikanische Schriftsteller Philip Roth, der als einer der bedeutendsten Autoren der Gegenwart gilt, schrieb über Céline: „Um die Wahrheit zu sagen: Mein „Proust“ in Frankreich, das ist Céline! Er ist wirklich ein großer Schriftsteller. Auch wenn sein Antisemitismus ihn zu einer widerwärtigen, unerträglichen Gestalt macht. Um ihn zu lesen, muss ich mein jüdisches Bewusstsein abschalten, aber das tue ich, denn der Antisemitismus ist nicht der Kern seiner Romane (…) Céline ist ein großer Befreier.“[1] Und der deutsche Theaterregisseur und Essayist Benjamin Korn, Sohn strenggläubiger polnischer Juden, schrieb: „Die Frage, ob ein Rassist ein großer Literat sein könne, wird vom Werk Célines mit Ja beantwortet.“[2] Man fragt sich, ob in Herrn Tilman Krauses Augen auch Martin Luther nur ein „mittelmäßiger“ Schreiber war, denn schließlich hat ja auch dieser eine Hetzschrift gegen die Juden verfasst (Von den Juden und ihren Lügen), besaß eine Vorliebe für alltagsnahe derbe Ausdrucksweisen und hat viele Neuerungen in seine Muttersprache eingeführt.

Kehren wir zurück zu Céline, um einmal einen etwas genaueren Blick auf die Sprache, die „redundante Geschwätzigkeit“ der Romane dieses nur „mittelmäßigen“ Autors zu werfen. Céline hat in seinen Romanen nicht einfach die klassische französische Literatursprache durch eine gesprochene Sprache ersetzt, wie oftmals behauptet beziehungsweise insinuiert wird, sondern er übernimmt auf allen Ebenen (Grammatik, Syntax und Wortschatz) Elemente aus der Umgangssprache, schöpft mit beiden Händen aus den vollen Töpfen des Argots, der Gossen- und Kneipensprache, der Vulgärsprache, macht gleichzeitig aber auch häufig Gebrauch von korrekten (als gewählt geltenden) standardsprachlichen Formen, die selbst in stilistisch hohen Registern des gesprochenen Französisch nicht mehr existieren, und erzielt durch diese spannungsreiche, in dieser Form noch nie dagewesene Mélange von Sprech- und Schriftsprache eine sehr starke Emotionalisierung seiner Prosa. Verstärkt wird diese Emotionalisierung noch durch zahlreiche lexikalische Neuschöpfungen und eine feine „Musikalisierung“ der Sprache, die er durch das Spielen mit Rhythmen und Klängen erreicht (Céline spricht diesbezüglich von seiner „kleinen Musik“). Die Emotionalisierung der Sprache seiner Romane war für Céline deshalb von allergrößter Bedeutung, weil für ihn die Emotion das dem Menschen ursprünglich von der Natur Gegebene darstellt, während uns das Wort erst später aufgezwungen worden sei, um die Emotion zu ersetzen. Daher wird Céline immer wieder von der Angst gepeinigt, sein Verlag könne womöglich kleine Korrekturen an seinen Manuskriptseiten vornehmen ohne ihn davon in Kenntnis zu setzen. An seinen Verleger Robert Denoël schrieb er: „Bester Freund, ich bitte darum, fügen Sie dem Text keine einzige Silbe hinzu, ohne mich zu benachrichtigen! Sie würden den Rhythmus grundlos über Bord schmeißen – ich bin der Einzige, der ihn wiederfinden kann – Ich mache den Eindruck, als wäre ich nicht ganz beisammen, doch ich weiß ganz genau, was ich will – Keine einzige Silbe.“[3]

Dass man dem Menschen Céline mit Bezeichnungen wie „Monster“ beziehungsweise „Abschaum der Menschheit“ nicht ganz gerecht wird, das dürfte freilich auch den betreffenden Autoren bewusst sein, denn spätestens seit Knut Hamsuns Romanen wissen wir, dass Menschen nicht aus einem Guss sind, sondern ein höchst vielschichtiges Innenleben aufweisen, in dem sogar die eklatantesten Widersprüche Seite an Seite existieren können. Daher seien ein paar Anmerkungen zu dieser Frage erlaubt, die möglicherweise zu einem ausgewogeneren Bild beitragen werden. Zunächst einmal ist ein Faktum zu betonen, dass in den Medien und beim Lesepublikum, die die Formel Céline = Antisemitismus eingemeißelt (bekommen) haben, kaum jemals erwähnt wird: Nach 1945 sind in Célines Weltsicht nicht mehr die Juden das primäre Feindbild, sondern die Chinesen – natürlich „bessert“ dies rein gar nichts, trägt aber zur Vervollständigung beziehungsweise Präzisierung des Gesamtbildes bei. Ebenso ist bezeugt, dass der extrem zwiespältig strukturierte Céline sich in charakterlicher Hinsicht nicht auf das miese Arschloch, das er – vielfach und glaubhaft dokumentiert – auch war, reduzieren lässt: „Céline war eine seltsame Mischung ausgezeichneter, herausragender Eigenschaften, ein Adliger des Geistes, der die Bürgerlichen verachtete, die Philister oder Politikergestalten; und zugleich ein dahergelaufener dummer Lump, der nur an sich selbst dachte und die Rolle des Märtyrers feilbot, sobald seine Haut bedroht war.“[4] Zudem: Über Jahre hinweg hat der Arzt Céline Sprechstunden abgehalten, ohne von seinen (armen) Patienten irgendein Honorar zu fordern, und zeitlebens ist ihm eine enorme Tierliebe eigen. Und nicht zuletzt finden sich in seinen Romanen, vor allem in Reise ans Ende der Nacht und in Tod auf Kredit, Passagen, die für den unvoreingenommenen Leser von Menschlichkeit und Herzenswärme zeugen: „Der Zug fuhr ein. Als ich die Lokomotive sah, war ich mir meiner Sache nicht mehr so sicher. Ich küsste Molly und legte allen Mut hinein, den ich noch im Leib hatte. Es tat mir weh, wirklich weh, dies eine Mal, wegen der Welt, wegen mir, wegen ihr, wegen allen Menschen […] Die liebe, wunderbare Molly, falls sie dies hier lesen sollte, wo auch immer sie jetzt ist, dann soll sie wissen, dass meine Gefühle für sie sich nicht verändert haben, dass ich sie immer noch liebe und sie immer lieben werde, auf meine Art, dass sie herkommen kann, wenn sie mein Brot und mein bescheidenes Leben mit mir teilen will. Und wenn sie nicht mehr hübsch ist, ja was solls! Wir werden schon zurechtkommen! Ich hab so viel von ihrer Schönheit in mir bewahrt, so lebhaft, so warm, das reicht ganz sicher für uns beide, für die nächsten zwanzig Jahre mindestens, und dann ist sowieso alles vorbei. Sie zu verlassen, das war gewiss riesig dumm und außerdem kalt und gefühllos von mir. Trotzdem, ich habe bis heute um meine Seele gekämpft, und wenn morgen der Tod kommen und mich holen sollte, dann wäre ich, da bin ich sicher, auf keinen Fall so kalt, so gemein, so plump wie die anderen, so viel Liebe und Träume hat Molly mir in diesen kurzen Monaten in Amerika geschenkt“ (Reise ans Ende der Nacht); „[i]ch schob ihn ins Bett zurück und wollte ihm noch was Tröstendes erzählen, aber er glaubte mir kein Wort mehr. Er weinte. Jetzt war auch er am Ende. Man konnte ihm nichts mehr sagen. Es gibt einen Moment, an dem ist man ganz allein, wenn man ganz am Ende von dem angekommen ist, was einem passieren kann. Das ist das Ende der Welt. Sogar der Kummer, der eigene, antwortet nicht mehr, und man muss zurückgehen, zu den Menschen, zu egal wem. In solchen Momenten ist man nicht wählerisch, denn sogar zum Weinen muss man dahin zurück, wo alles anfängt, man muss zurück zu ihnen“ (Reise ans Ende der Nacht); „[i]ch hatte immer gefunden, dass Bézin ein guter Kerl war, nicht schlimmer als andere. Nichts gegen zu sagen. Liebenswürdig, unkompliziert. Ich wollte ihn nicht aus reiner Neugier wecken, wegen meiner kleinen Fragen … Also drehte ich seine Gaslampe aus und ging. Er hatte sicher so seine Mühe, sich mit seinem kleinen Lädchen durchzuschlagen. Aber wenigstens hatte er keine Mühe einzuschlafen. Trotzdem war ich traurig, als ich nach Vigny zurückwanderte und dachte, dass all diese Leute, diese Häuser, diese schmutzigen, öden Dinge nicht mehr zu mir sprachen, mir nicht mehr direkt ins Herz gingen wie früher, und dass ich zwar listig dreinschaute, schon möglich, aber wohl selber auch nicht mehr genug Kraft hatte, das spürte ich gut, um noch weit zu gehen, so ganz allein, wie ich war“ (Reise ans Ende der Nacht).

Sehr menschlich, fürsorglich und empathiefähig zeigt sich Céline auch in zahlreichen Briefen an seine Freundinnen,[5] denen er nicht nur mit Ratschlägen, sondern auch mit Taten zur Seite stand, wobei jedoch nicht verschwiegen werden soll, dass diese Briefe von so manchem Céline-Exegeten im Brustton unerschütterlicher Gewissheit in summa als reine Selbstinszenierung etikettiert werden. Es fragt sich allerdings, ob dieses Urteil nicht doch zu pauschal ausfällt, insbesondere wenn man die sehr direkten, seine Liebe und Verletzbarkeit aussprechenden Briefe an die dänische Tänzerin Karen Marie Jensen berücksichtigt.

Halten wir fest: Louis-Ferdinand Céline war ein rasender Rassist und ein rabiater Antisemit, gleichzeitig ist er aber auch einer der größten, originellsten, hellsichtigsten und sprachlich-stilistisch brillantesten Romanciers der Literaturgeschichte; der ein Meer von Hass in sich tragende Céline war einerseits in der Tat ein ekelerregendes Monster, besaß andererseits aber auch eine tiefe Menschlichkeit und war auch zu einer herzenswarmen, hinreißend schönen und einfühlsam-zärtlichen Prosa fähig. Die enorme Widersprüchlichkeit Célines ist aber keineswegs auf seinen Charakter und sein Weltbild beschränkt: Der hochintelligente und klarsichtige Schriftsteller fällte mitunter Urteile, deren Stupidität einen fassungslos lässt. So äußerte er beispielsweise einmal, dass weder Engländer (mit der Ausnahme von Shakespeare) noch Amerikaner oder Deutsche (Heine repräsentiere teilweise eine Ausnahme) über ein emotionales Einfühlungsvermögen verfügten und dass nur die Franzosen es besäßen, woraus sich ergäbe, dass die französische alle anderen Literaturen überrage. Und außerdem „ist die französische die einzige und kunstwirkliche Sprache der Welt: Es gibt nur eine einzige Sprache […] in dieser Parapfuschwelt! eine einzige brauchbare, ehrbare Sprache! die alles beherrschende Sprache der Erde: unsre!“[6]

„Wer Augen hat zu sehen, wer Ohren hat zu hören, der muss unsere Welt verloren geben“ (Ulrich Horstmann). Céline hat sehr viel gesehen, gehört und erlebt, unter anderem den Ersten Weltkrieg, und ist viel herumgekommen, verkehrte in gehobenen bürgerlichen Kreisen, in Künstlerzirkeln und in schmutzigen Hafenkneipen, hat fremde Länder bereits … und hat schließlich mit der Hellsicht, Intelligenz und Sensibilität, die ihm nicht abgesprochen werden können, das wahre Gesicht des 20. Jahrhunderts wie kein anderer erkannt und ist – wie die allermeisten großen Dichter und Denker und auch so mancher überragende Naturwissenschaftler, wie etwa Alexander von Humboldt („Ich verachte die Menschheit in allen ihren Schichten; ich sehe es voraus, dass unsere Nachkommen noch weit unglücklicher sein werden, als wir“) – zu der bitteren Erkenntnis gelangt, dass die Menschheit nichts taugt, dass ihre Agenda vom Töten und Zerstören bestimmt wird: „Ich sag es Ihnen, die Welt ist nichts als eine Riesenunternehmung zum Bescheißen der Leute!“ (Reise ans Ende der Nacht); „Myriaden von Massakern, alle Kriege seit der Sintflut hatten den Optimismus als Musik … Alle Mörder sehen die Zukunft in rosigen Farben, von Berufs wegen“;[7] „die neue Welt […] hat nur zwei Sorgen: „Koitus und Konto“, auf alles Übrige pfeift sie“ (Norden). Célines Verleger Robert Denoël beschrieb die erste persönliche Begegnung mit seinem neurotischen Autor so: „Annähernd zwei Stunden lang sprach er zu mir als Kliniker, der das Leben durch und durch kennt, als ein Mensch von äußerster Klarsicht, voll kalter Hoffnungslosigkeit, und dennoch leidenschaftlich, zynisch, aber barmherzig […] Er sprach zu mir vom Krieg, vom Tod, von seinem Buch; bald sprach er in aufbrausendem Ton, bald blasiert, wie einer, der von allen Komödien, allen Illusionen losgekommen ist. Seine Ausdrucksweise war immer stark, bildhaft, bisweilen halluzinierend. Die Vorstellung des Todes, seines eigenen wie des Todes der Welt, kehrte in seiner Rede wie ein Leitmotiv wieder. Er beschrieb mir eine Menschheit, die nach Katastrophen hungert, auf Gemetzel erpicht ist. Schweiß lief ihm übers Gesicht, sein Blick schien zu glühen.“[8] Céline war in der Tat vollkommen illusionslos, bei ihm gibt es nicht das kleinste Fünkchen Hoffnung, dafür umso mehr Angst und vor allem Hass: „Für alle, die in dieser Welt keine Poeten sind, hege ich eine grässliche Verachtung, für mich sind sie ein Drittel Schwein, ein Drittel Gorilla, ein Drittel Schakal, sonst nichts.“[9] Nun wird jedoch niemand als Menschenfeind und tiefschwarzer Pessimist geboren, vielmehr gilt, was der französische Schriftsteller Nicolas Chamfort (1741–1794) mit diesen weisen Worten zum Ausdruck brachte: „Wer mit vierzig noch kein Misanthrop ist, hat die Menschen nie geliebt“ – Céline war 38 Jahre alt, als Reise ans Ende der Nacht erschien, dieses „Bombenattentat […] gerichtet […] gegen den ganzen Bau unserer Menschenwelt.“[10]

Arno Holz, dieser begnadete und dennoch unterschätzte und weitgehend unbekannte deutsche Dichter, wies einmal auf einen gravierenden Unterschied zwischen künstlerischen und nichtkünstlerischen Menschen hin: „Die Nichtkünstler sehn in der Natur überhaupt nichts. Wenigstens nicht schon durch sich von vorneherein. Für jede Kleinigkeit, und sei es auch nur die besondere Biegung eines Grashälmchens, oder die „verlorene Schönheit“ von einem Paar Klotzkorken, das im Sonnenschein auf einer roten Diele steht, müssen immer erst die Künstler kommen und ihnen die balkendicken Hornhäute von neuem operieren.“[11] Freilich, in Bezug auf die Natur und ihre Schönheiten ist der Menschheit eine Augen- beziehungsweise Sinnesöffnung seitens der Künstler willkommen, doch wehe, wenn Dichter und Denker an ihrer seit Jahrtausenden tradierten dümmlich-naiven Anthropo-Apotheose herummäkeln beziehungsweise diese als verheerendes Hirngespinst entschleiern – dann fällt die Herde der optimistisch-fortschrittsgläubigen Seichtgemüter ohne das geringste Erbarmen über diese Querulanten und Schwarzseher her, was Céline natürlich bewusst war: „Alles ist erlaubt, außer am Menschen zu zweifeln.“[12] Den rosarotbebrillten „Realisten“ mangelt es jedoch nicht nur an Klarsicht, die sie erkennen ließe, dass das Nachwachsen des Grases auf den Schlachtfeldern und der Wiederaufbau zerbombter Städte keineswegs Etappen auf dem Weg zu einer „Reparadisierung“ (Ulrich Horstmann) der Welt darstellen, sondern nichts weiter als Selbstbetrug sind, Camouflagen der gattungsimmanenten Zerstörungswut und Selbstauslöschung des Menschen. Es mangelt ihnen darüber hinaus auch an der Fähigkeit, ohne Illusionen leben zu können. Mutatis mutandis lässt sich auf Heidegger zurückgreifend sagen, dass sie der „Uneigentlichkeit“ verfallen sind und das Menschenschicksal verharmlosend, sich zerstreuend und Banalitäten schwätzend so vor sich hin leben, also nicht über das „Dasein“ hinaus zur „Existenz“ gelangen, der Seinsweise der „Eigentlichkeit“, die sich nach Heidegger durch die entschlossene radikale Annahme des uns bestimmten Schicksals auszeichnet. Der Autor von Reise ans Ende der Nacht und Tod auf Kredit war dazu in der Lage und auch insofern ein außergewöhnlicher Mensch: „Die Dinge tatsächlich und unwiderruflich tragisch zu nehmen ist die größte Leistung, die man von einem Menschen verlangen kann.“[13] Céline „hat deshalb seine Zeitgenossen so streng und die anderen Schriftsteller so verächtlich behandelt, weil er sie mit ihrem Geschwätz ständig bei dem Versuch erwischte, der Unterhaltung eine andere Richtung zu geben. Und alles deutet darauf hin, dass dieser Prozess sich ewig fortsetzen wird. Je mehr Urgeschichte es gibt, desto mehr belanglose und lächerliche Geschichten wird es geben, um den lärmenden Schleifstein des Grauens zu übertönen. Angesichts solcher apokalyptischer Endzeitvisionen versucht die Spezies Mensch […] das Thema zu wechseln, plaudert über das Wetter“;[14] „vor sich hat man nur noch eine Horde von Idioten, stammelnden Geistesgestörten, die von den letzten Ferien abgestumpft und jetzt schon vom Tagezählen bis zu den nächsten völlig gelähmt sind.“[15] Céline hingegen konnte nicht ausweichen, konnte nicht „uneigentlich“ leben, er konnte die in der „Uneigentlichkeit“ herumdümpelnde Menschheit aber auch nicht in Ruhe lassen und hielt ihr – während er selbst „[i]m Laufe dieses endlosen Massakers des 20. Jahrhunderts, im Laufe seines Lebens aus Angst, Hass und Hellsicht Tag für Tag ein Stückchen mehr [starb]“[16] – seine grandiosen schonungslosen Romankunstwerke vor die blasierte Fratze. „Alles Große in dieser Welt stammt von Neurotikern. Sie allein haben unsere Religionen begründet und unsere Meisterwerke geschaffen“ (Marcel Proust).

[1] Philip Roth zitiert in: Ulf Geyersbach: Louis-Ferdinand Céline, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt, 2008, S. 146.

[2] Zitiert bei Geyersbach, a.a.O., S. 139.

[3] Zitiert bei Geyersbach, a.a.O., S. 55 f.

[4] Thorwald Mikkelsen, Célines Anwalt im dänischen Exil, zitiert bei Geyersbach, a.a.O., S. 113.

[5] Louis-Ferdinand Céline: Briefe an Freundinnen. 1932–1948, Gifkendorf, Merlin, 2007.

[6] Céline zitiert bei Geyersbach, a.a.O., S. 24.

[7] Céline zitiert in: Philippe Muray: Céline, Berlin, Matthes & Seitz, 2012, S. 136.

[8] Zitiert bei Geyersbach, a.a.O., S. 55.

[9] Céline zitiert bei Muray, a.a.O., S. 26.

[10] Isaak Grünberg, Céline-Übersetzer, zitiert bei Geyersbach, a.a.O., S. 50.

[11] Zitiert in: ders.: Phantasus. Herausgegeben von Gerhard Schulz, Stuttgart, Reclam, 1984, S. 155.

[12] Céline zitiert bei Muray, a.a.O., S. 87.

[13] Philippe Muray, a.a.O., S. 64.

[14] Philippe Muray, a.a.O., S. 50.

[15] Céline zitiert bei Muray, a.a.O., S. 216.

[16] Philippe Muray, a.a.O., S. 28.