Louise Labé

Küss mich noch einmal, küss mich wieder, küsse
mich ohne Ende. Diesen will ich schmecken,
in dem will ich an deiner Glut erschrecken,
und vier für einen will ich, Überflüsse

will ich dir wiedergeben. Warte, zehn
noch glühendere; bist du nun zufrieden?
O dass wir also, kaum mehr unterschieden,
glückströmend ineinander übergehn.

In jedem wird das Leben doppelt sein.
Im Freunde und in sich ist einem jeden
jetzt Raum bereitet. Laß mich Unsinn reden:

Ich halt mich ja so mühsam in mir ein
und lebe nur und komme nur zu Freude,
wenn ich, aus mir ausbrechend, mich vergeude.

Und hier das Original:

Baise mʼencor, rebaise-moi et baise;
Donne mʼen un de tes plus savoureux,
Donne mʼen un de tes plus amoureux:
Je tʼen rendrai quatre plus chauds que braise.

Las! te pleins-tu? Çà, que ce mal jʼapaise,
En tʼen donnant dix autres doucereux.
Ainsi, mêlant nos baisers tant heureux,
Jouissons-nous lʼun de lʼautre à notre aise.

Lors double vie à chacun en suivra.
Chacun en soi et son ami vivra.
Permets mʼAmour penser quelque folie:

Toujours suis mal, vivant discrètement,
Et ne me puis donner contentement
Si hors de moi ne fais quelque saillie.

Diese Verse, die deutlich erkennbar von Catulls berühmten Kussgedichten beeinflusst sind, stammen aus der Feder der französischen Dichterin Louise Labé, die um das Jahr 1524 in Lyon geboren wurde (gest. 1566). Sie war die Tochter eines Seilers, und auch ihr Ehemann war als reicher Seilhändler in diesem Metier tätig, weshalb sie la belle cordière („die schöne Seilerin“) genannt wurde. Aufgrund des Wohlstandes ihres Gatten war es ihr möglich, sich intensiv ihren schöngeistigen, vor allem ihren literarischen Interessen zu widmen. Sie beherrschte mehrere Sprachen und besaß eine Bibliothek mit herausragenden Werken in griechischer, lateinischer, italienischer, spanischer und französischer Sprache. In ihrer ökonomisch und kulturell prosperierenden Heimatstadt Lyon gehörte sie einem Zirkel von Dichtern an (der Lyoneser Schule), die sich über literarische, philosophische und gesellschaftliche Themen austauschten. Das auf uns gekommene Werk der Louise Labé ist mit 662 Versen verhältnismäßig klein und besteht vor allem aus 24 Sonetten, die wegen ihrer unverblümten Erotik und authentischen Behandlung weiblicher Liebesleiden berühmt sind; einige dieser Sonette, die den Einfluss römischer Autoren (Catull, Ovid) sowie von Petrarca erkennen lassen, werden zu den schönsten Gedichten in französischer Sprache gerechnet. Der authentische Ton ihrer Sonette mag auf einen reichen Erfahrungsschatz auf dem Gebiet der Liebe zurückzuführen sein, denn bereits im 16. Jahrhundert kam die Vermutung auf, die Autorin sei eine Kurtisane; von einigen Zeitgenossen wurde sie als cortigiana onesta („ehrbare Dirne“), von anderen als plebeia meretrix („ordinäre Hure“) geschmäht. Da jedoch nur wenige gesicherte Fakten in Bezug auf den Lebenswandel unserer Dichterin existieren, wird über die Frage, ob Louise Labé für Liebesdienste zur Verfügung stand, bis heute unter den Gelehrten gestritten. Strittig ist inzwischen auch die Autorschaft der Louise Labé, denn ähnlich wie im Falle Shakespeares gibt es seit einiger Zeit die These, dass die ihr zugeschriebenen Gedichte gar nicht von ihr selbst, sondern von anderen Lyoneser Autoren verfasst worden seien; die von der französischen Romanistin Mireille Huchon zur Stützung dieser ihrer These vorgebrachten Argumente sind jedoch nicht zwingend, und die Mehrheit der Literaturwissenschaftler widerspricht ihr.

Original zitiert in: Ralph Dutli: Nichts als Wunder. Essays über Poesie, Zürich, Ammann, 2007, S. 10f.; Übersetzung: Rainer Maria Rilke: Übertragungen. Herausgegeben von Ernst Zinn und Karin Wais, Frankfurt am Main, Insel, 1975, S. 168.