Marcel Proust und Jan Vermeer

Eine zentrale Stelle in Marcel Prousts Jahrhundertwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (A la recherche du temps perdu) ist die im fünften Teil (Die Gefangene) enthaltene Beschreibung des Todes des Dichters Bergotte. Dieser besucht im Roman – obschon sein Arzt ihm Bettruhe verordnet hatte – eine Vermeer-Ausstellung, und zwar vornehmlich aus folgendem Grund: Ein Kritiker hatte über Vermeers Ansicht von Delft, die Bergotte besonders liebte und sehr genau zu kennen glaubte, geschrieben, dass sie ein kleines gelbes Mauerstück enthalte, an das sich Bergotte jedoch überhaupt nicht erinnern konnte, und dass dieses so gut gemalt sei, dass es einem kostbaren chinesischen Kunstwerk gleichkomme und von einer Schönheit sei, die sich selbst genüge. In der Ausstellung bemerkt Bergotte dank der Hinweise des Kritikers zum ersten Mal ein paar kleine, blau gemalte Figuren sowie die Rosafärbung des Sandes. Als er schließlich auch das kleine gelbe Mauerstück erblickt, nimmt sein Schwindel zu; seinen Blick fest auf dieses Detail gerichtet kommen ihm Zweifel am Wert seines eigenen Künstlertums: „So hätte ich schreiben sollen. Meine letzten Bücher sind zu dürr, ich hätte die Farbe in mehreren Schichten auftragen, hätte meine Sprache so kostbar machen sollen, wie dieses kleine gelbe Mauerstück es ist“.[1] Kurz darauf sank er zusammen und starb.

Für Marcel Proust
Für Marcel Proust „das schönste Bild der Welt“: Jan Vermeer, Ansicht von Delft (1660/61)

Dieses kleine gelbe Mauerstück hat sowohl Literaturwissenschaftler als auch Kunsthistoriker arg ins Schwitzen gebracht, doch eine Einigung darüber, wo diese in Prousts Werk erwähnte Mauerfläche auf Vermeers Gemälde nun zu verorten sei, hat man nicht erreichen können; keine der in Vorschlag gebrachten Lokalisierungen des kleinen gelben Mauerstücks ist plausibel, allein schon deshalb nicht, weil es auf dem ganzen Bild nur eine einzige wirklich gelb zu nennende Stelle gibt, nämlich das sonnenbeschienene Stück Dach mit Gaube links neben dem linken Turm des Wassertors, das jedoch – wie Dieter E. Zimmer aufzeigt[2] – aufgrund einer ganzen Reihe schwerwiegender Gegenargumente nicht das gesuchte kleine gelbe Mauerstück sein kann. Da ein solches auf Vermeers Gemälde also nicht vorhanden ist, sind nur die folgenden Erklärungen möglich: Entweder unterlief Proust ein Gedächtnisfehler, oder aber er hat dieses Bilddetail für seinen Roman frei erfunden, wofür Dieter E. Zimmer in seinem Artikel auch gleich eine plausible Erklärung anbietet: „Ich denke gern, er habe es erfunden. Ich stelle mir vor, wie er überlegte, welches Detail es in dem Bild gut geben könnte, aber nicht gibt, wie er an das Bild herantrat, um sich zu überzeugen, dass es tatsächlich keinerlei kleines gelbes Mauerstück mit einem Vordach enthält – und wie er nun wusste, was er zu tun hatte. Das kleine gelbe Mauerstück nämlich ist für Bergotte und dessen Autor nichts anderes als die Vollkommenheit selbst: jene Vollkommenheit in der Darstellung irgendeiner scheinbar belanglosen Einzelheit dieser Welt, neben der alles andere nichtig wird, auch das eigene Werk. Schon der Gedanke an all die Beckmesser, die sich auf jedes reale Detail stürzen und daran herumkritteln würden, denen sein Gelb nicht gelb genug oder viel zu gelb wäre, muss ihn gewarnt haben. Vollkommenes nämlich lässt sich nicht sichtbar machen, allenfalls für einen Augenblick herbeiwünschen. Man sieht es höchstens im eigenen Innern. Draußen lassen sich solche perfekten Stellen nur suchen, nicht finden“.

Die andere Erklärung, ein Erinnerungsdefizit, muss eigentlich als ausgesprochen unwahrscheinlich betrachtet werden, denn erstens besaß Proust bekanntermaßen eine geradezu fanatische Detail- und Präzisionsliebe, zweitens haben wir es hier nicht mit einer eher peripheren, sondern ganz im Gegenteil mit einer recht bedeutenden Stelle im Roman zu tun, und drittens ist zu berücksichtigen, dass nicht nur die Romanfigur Bergotte ein Bewunderer Vermeers war, sondern eben vor allem auch Proust selber, der die Ansicht von Delft, die er sich 1902 in Den Haag im Mauritshuis und 1921 in einer Ausstellung in Paris angesehen hat, sogar als „das schönste Bild der Welt“ bewunderte.[3] Dennoch: Mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit liegt hier ein Gedächtnisfehler des so überaus erinnerungseingeübten Proust vor, denn von den Mauerstück-Fahndern wurde übersehen, was Prousts langjährige Haushälterin und guter Engel Céleste Albaret in ihren 1973 veröffentlichten Erinnerungen (Monsieur Proust) über dessen Besuch der Vermeer-Ausstellung im Jahre 1921 schreibt: „Während des ganzen Jahres 1921 war nur ein Anlass zum Ausgehen erinnernswert, und zwar, als er im Frühjahr in Begleitung von Jean-Louis Vaudoyer, den er sehr schätzte, die Ausstellung holländischer Gemälde im Museum Jeu de Paume besichtigte; und das tat er hauptsächlich, um dort die Bilder seines geliebten Vermeer wiederzusehen, und insbesondere die kleine gelbe Mauerecke“ (zit. in: Hayman 2002, S. 760). – Aus der Hirnforschung wissen wir, dass die Inhalte unseres Langzeitgedächtnisses während unseres gesamten Lebens modifiziert werden: „Unser Langzeitgedächtnis ist eben kein starrer Computerspeicher, sondern ein dynamisches Geschehen. Dies erklärt die Tatsache, dass Erinnerungen nie genaue Kopien früherer Ereignisse sind und trügerisch sein können, selbst wenn wir etwas scheinbar in allen Details zu erinnern meinen“.[4] Bei Nietzsche kommt unser Gedächtnis noch schlechter weg: „Die Gehirnfunktion, welche durch den Schlaf am meisten beeinträchtigt wird, ist das Gedächtnis: nicht dass es ganz pausierte – aber es ist auf einen Zustand der Unvollkommenheit zurückgebracht […] Willkürlich und verworren, wie es ist, verwechselt es fortwährend die Dinge auf Grund der flüchtigsten Ähnlichkeiten“ (Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches). Daher dürfte es so gewesen sein: Wie bereits erwähnt, hatte Proust 1902 und 1921 die Ansicht von Delft sowie weitere Gemälde Vermeers betrachtet, der ja nicht zuletzt auch für sein Blau und sein Gelb bekannt ist. In seiner Erinnerung hat Proust das oben erwähnte gelbe Dach der Ansicht von Delft mit anderen grandiosen Gelbstellen aus Werken Vermeers (wie etwa der hellgelbe Vorhang in dem Gemälde Frau mit Waage und die kleine gelbe Stelle im Kleid dieser Frau) und/oder mit sonnenbeschienenen Mauerflächen, die er in natura gesehen hatte, zu einem kleinen gelben Mauerstück verschmolzen. Nun könnte man es auf den ersten Blick mit dem Verweis bewenden lassen, dass das bekannte Diktum Errare humanum est eben auch für den Autor des monumentalsten Romanwerks des 20. Jahrhunderts, das auf der menschlichen Fähigkeit der Erinnerung beruht, gilt. Doch es ist zu betonen, dass es sich nicht zwangsläufig um einen lapsus memoriae handeln muss, denn der Akt des Verschmelzens dieser verschiedenen Fragmente beziehungsweise Erinnerungsbruchstücke könnte im Falle von Marcel Proust durchaus auch bewusster Art gewesen sein, da dieser in der Recherche eine Montage- und Collagetechnik anwendet, also beispielsweise „eine einzige Sonate, eine einzige Kathedrale, ein einziges junges Mädchen aus Eindrücken zusammensetzt, die an jeweils mehreren gewonnen wurden“.[5] Prousts Äußerung gegenüber seiner Haushälterin, er wolle in der Gemäldeausstellung vor allem Vermeers kleine gelbe Mauerecke wiedersehen, würde in diesem Falle bedeuten, dass er selbst sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr bewusst war, dass das besagte Mauerstück nur eines seiner vielen Collageprodukte ist – und insofern hätten wir es tatsächlich mit einer Gedächtnislücke des begnadeten Mnemosynefreundes zu tun.

[1] Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 5: Die Gefangene, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2000, S. 263.

[2] Dieter E. Zimmer: „Auf der Suche nach dem gelben Mauerstück. Wie Marcel Proust bei Vermeer etwas sah, das gar nicht da ist“, Süddeutsche Zeitung, 24. Dezember 1996.

[3] Vgl. Ronald Hayman: Marcel Proust. Die Geschichte seines Lebens, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002, S. 596.

[4] Gerhard Roth: Aus Sicht des Gehirns, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2009, S. 104.

[5] Claude Lévi-Strauss: Sehen, Hören, Lesen, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004, S. 10.