Marcelle Meyer

Obwohl die französische Pianistin Marcelle Meyer (1897–1958) zu den größten Pianisten des 20. Jahrhunderts zählt, ist sie noch immer ein Geheimtipp. Mit gerade einmal 20 Jahren war sie die bevorzugte Pianistin von Erik Satie und der Groupe des Six (kurz: Les Six), eines lockeren Zusammenschlusses von sechs französischen Komponisten (dem als einzige Frau auch Germaine Tailleferre angehörte), sie war Schülerin von Marguerite Long, Alfred Cortot und dem katalanischen Pianisten Ricardo Viñes, dem Lieblingspianisten von Debussy, Ravel, Albéniz und de Falla, sie war eine enge Freundin von Ravel und Strawinsky und vielen anderen Mitgliedern der Pariser Künstlerszene, sie übte gemeinsam mit Debussy dessen Préludes ein, die sie kurz vor dessen Tod im Rahmen eines ausschließlich ihm gewidmeten Recitals zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorstellte … Das nachfolgende Gemälde des französischen Malers Jacques-Émile Blanche mit dem Titel Le groupe des Six aus dem Jahre 1921 zeigt Marcelle Meyer umringt von fünf Mitgliedern der Six (Louis Durey fehlt), zudem sind der Pianist und Komponist Jean Wiener sowie Jean Cocteau zu sehen.

Le groupe des Six

Jacques-Émile Blanche: Le groupe des Six (1921)

Erstaunlicherweise ist Marcelle Meyer hierzulande noch immer weitgehend unbekannt, und ihr Name fehlt sogar in so manchem Standardwerk der Klaviermusik, wie etwa in Joachim Kaisers Große Pianisten in unserer Zeit (1974, 2. Auflage). Dabei gehört das Klavierspiel der Französin zum Zauberhaftesten, das diesem Instrument je entlockt wurde; es ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass es die Klarheit und Eleganz der französischen Pianistenschule mit Virtuosität und einer mit filigraner Raffinesse dargebotenen seelenvollen (jedoch nie überzogenen) Sinnlichkeit auf bezaubernd leichte Weise vereint, was sie insbesondere für die Werke der französischen und spanischen Klaviermusik prädestiniert, und in der Tat sind diese kaum jemals so berückend schön interpretiert worden, was auch von der folgenden Live-Aufnahme aus dem Jahre 1958 von Manuel de Fallas Noches en los jardines de España eindrucksvoll unterstrichen wird.

Zwar fehlt diese herausragende Interpretation auf der seit 2015 erhältlichen 17 CDs umfassenden Box: Marcelle Meyer: Komplette Studioaufnahmen 1925–1957 (Documents), dennoch sollte jeder Klaviermusikfreund dieses Zauberpaket schnellstens, so lange es noch im Handel zu haben ist, seiner CD-Sammlung hinzufügen, denn Marcelle Meyer brilliert hier nicht nur mit einfach himmlischen (Referenz-)Aufnahmen im üppig vertretenen, breiten französischen Repertoire, sondern glänzt mit ihrem göttlichen jeu perlé auch in anderen Gefilden, man höre sich nur einmal ihre Scarlatti- und Bach-Einspielungen an. Bei so viel Überwältigendem lässt sich auch der zu vermeldende Wermutstropfen bestens verkraften: Nach Stücken von Erik Satie hält man auf den CDs leider vergeblich Ausschau, denn kurioserweise hat Marcelle Meyer kein einziges seiner Werke aufgenommen, obwohl sie – wie bereits erwähnt wurde – dessen bevorzugte Pianistin war.