Matsuo Bashō: Meister des Haiku

In Japan hat sich im 16. und 17. Jahrhundert eine besondere Form des Kurzgedichts herausgebildet: das Haiku, das aus drei Wortgruppen besteht, die zusammen nicht mehr als siebzehn Silben umfassen, wobei die Verteilung der Silbenzahl auf die Wortgruppen das Verhältnis fünf-sieben-fünf aufweist (gelegentlich begegnen Abweichungen von diesem Schema). Daneben gibt es drei weitere Regeln, durch die das Haiku gekennzeichnet ist und die allesamt darauf abzielen, das Haiku konkret zu machen: 1. Das Haiku soll einen Naturgegenstand außerhalb der menschlichen Natur thematisieren; 2. es soll sich auf ein einmaliges Ereignis beziehungsweise eine einmalige Situation beziehen; 3. das Ereignis (die Situation) soll in der Gegenwart und nicht in der Vergangenheit verortet sein.[1] Der Haiku-Dichter geht davon aus, dass Mensch und Natur eine Einheit bilden und dass einzelne Ereignisse beziehungswiese Dinge den ganzen Kosmos repräsentieren: Indem das Haiku „im besonderen Augenblick die ganze Zeit, am besonderen Ort das Überall, in einem Ding das ganze Sein und in einem Ereignis, einer Situation das ganze Leben sucht, will es nicht weniger sein als eine „konkrete Formel“ der Welt. In diesem Sinn ist Haiku Universalpoesie“ und zugleich eine „besondere Form der Welt- und Existenzerfahrung“.[2] Während der Haiku-Zeit, d. h. vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, haben sich in Japan nicht nur Dichter, sondern auch nahezu alle Mitglieder der gebildeten Schichten, im Dichten von Haiku geübt – das Haiku entwickelte sich so zu einer gesellschaftlichen Institution und war dabei sowohl Kunst und Religion als auch Sport und Unterhaltung (auch heute werden in Japan noch Haiku verfasst; in Deutschland hat das Haiku schon zu Beginn des vorigen Jahrhunderts Fuß gefasst und erfreut sich auch gegenwärtig einer großen Wertschätzung; seit 1988 gibt es auch eine Deutsche Haiku-Gesellschaft).

Matsuo Bashō (eigentlich Matsuo Munefusa; 1644–1694) gilt als der bedeutendste Haiku-Dichter und er hat diese spezielle japanische Lyrikform auch begründet, indem er aus dem spielerisch-gemeinschaftlichen Haikai no renga-Dichten die ernsthafte Haiku-Dichtung schuf. Bashō entsprang einer Samuraifamilie, wählte jedoch keine militärische Laufbahn, sondern wurde nach einem Aufenthalt in einem buddhistischen Kloster und Tätigkeiten als Diener und Lehrer schließlich Dichter und unternahm zahlreiche lange Wanderungen und Reisen durch Japan. Einige seiner Schüler bauten ihm eine Hütte und schenkten ihm einen Bananenbaum (bashō), woher das Pseudonym des Dichters rührt. Matsuo Bashō starb 1694 nach einer schweren Erkrankung in Osaka. „Sein Haiku, jedem Sinneneindruck offen, in 17 Silben hingehaucht, erschließt die Fülle der Schönheit auch im Kleinsten und Gemeinsten, und führt den aufmerksamen Lauscher, nur ihn, in die Stille, aus der es stammt.“[3] Das „Frosch-Haiku“ gilt als Bashōs berühmteste Schöpfung und ist für die Japaner gleichsam das „Ur-Haiku“:

Der alte Teich.
Ein Frosch springt hinein –
das Geräusch des Wassers.

Zwei weitere Haiku aus der Feder von Bashō:

Stille – der Zikadenlärm
dringt
ein in die Felsen.

Diesen Weg
geht niemand
an diesem Herbstabend.

Das folgende – zumindest für Nicht-Japaner bzw. Nicht-Japanspezialisten scherzhaft anmutende – Haiku stammt von dem Dichter Issa:

Ein Mensch
und eine Fliege
im Raum.

Hier zeigt sich ganz besonders deutlich das kooperative Element, das dem Haiku eigen ist und den Leser auffordert: „Mach was aus mir!“ oder: „Spiel mit mir!“.[4]

Der amerikanische Dichter Ezra Pound, einer der bedeutendsten Vertreter der literarischen Moderne, befasste sich intensiv mit ostasiatischer Lyrik, die er sehr bewunderte und die nach seiner eigenen Aussage sein lyrisches Schaffen beeinflusste. Als Zeugnis einer Beeinflussung durch das japanische Haiku führt er sein bekanntestes Kurzgedicht In a Station of the Metro („In einer Station der Metro“) an:[5]

The apparition of these faces in the crowd;
Petals on a wet, black bough.

Das Erscheinen dieser Gesichter in der Menge:
Blütenblätter auf einem nassen, schwarzen Ast.

Hier werden in wenigen Worten die beiden Vorstellungen Schönheit und Vergänglichkeit des menschlichen Lebens evoziert und miteinander verbunden, weshalb das Gedicht von einigen Interpreten als Memento Mori aufgefasst wurde, was Pounds eigene Erklärung zur Entstehung dieses Gedichts jedoch nicht hergibt, derzufolge er die „sudden emotion“, die folgende in Paris erlebte Begegnung mit menschlicher Schönheit in ihm auslöste, festhalten wollte: „Three years ago in Paris I got out of a „metro“ train at La Concorde, and saw suddenly a beautiful face, and then another and another … and I tried all day to find words for what this had meant to me.“[6] Pound, für den Dichtung „die konzentrierteste Form des sprachlichen Ausdrucks“ darstellt („dichten=condensare“),[7] hatte über sein Metro-Erlebnis zunächst ein dreißig Zeilen umfassendes Gedicht geschrieben, das er jedoch sogleich verwarf, weil es ihm als ein Werk „of second intensity“ erschien. Sechs Monate später sei ihm dann nach dem Vorbild des Haiku die Verdichtung in einem Zweizeiler gelungen.

Die Übersetzungen der Haiku nach: Haiku: japanische Gedichte. Ausgewählt, übersetzt und mit einem Essay herausgegeben von Dietrich Krusche, München, DTV, 14. Auflage 2014, S. 48, 57, 70, 98.

[1] Vgl. Haiku: japanische Gedichte. Ausgewählt, übersetzt und mit einem Essay herausgegeben von Dietrich Krusche, München, DTV, 2014, S. 116.

[2] Haiku: japanische Gedichte. Ausgewählt, übersetzt und mit einem Essay herausgegeben von Dietrich Krusche, München, DTV, 2014, S. 118.

[3] Lyrik des Ostens. Herausgegeben von Wilhelm Gundert, Annemarie Schimmel und Walther Schubring, München, Hanser, 1982, S. 586.

[4] Haiku: japanische Gedichte. Ausgewählt, übersetzt und mit einem Essay herausgegeben von Dietrich Krusche, München, DTV, 2014, S. 7.

[5] Ezra Pound: Personae/Masken – Gedichte. Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Eva Hesse, München, DTV, 1992, S. 174f.

[6] Zit. in: Richard Eugene Smith: „Ezra Pound and the Haiku“, in: College English, Vol. 26, No. 7, 1965, S. 522; vgl. auch: Philip Kuberski: A calculus of Ezra Pound. Vocations of the American sign, Gainesville, University Press of Florida, 1992, S. 80.

[7] Ezra Pound: ABC des Lesens, Zürich, Arche, 2007, S. 39.