Michail Lermontow

Für Michail Lermontow (1814–1841) war der Dichter Prophet und offenbar besaß er selbst tatsächlich die Fähigkeit, Kommendes vorauszuahnen, jedenfalls wird ihm eine solche Begabung von Menschen, die ihm begegnet sind, bescheinigt; so soll er etwa geahnt haben, dass er „früher enden“ werde, und Nikolai Gogol zufolge war Lermontow sich bewusst, dass ein Unglücksstern, „eine verhängnisvolle Verbindung des Bewusstseins und des Schicksals“ über sein Leben walte.
Lermontow wurde 1814 in Moskau geboren, wuchs jedoch auf dem Landgut seiner Großmutter an der mittleren Wolga auf. Seine Mutter war an Tuberkulose verstorben als er drei Jahre alt war, und seine aus einer Adelsfamilie stammende Großmutter, der die Ehe ihrer Tochter mit einem unvermögenden Offizier von Anfang an ein Dorn im Auge war, hatte diesem damit gedroht, ihren Enkel zu enterben, wenn er nicht einwilligen sollte, dessen Erziehung ausschließlich ihr zu überlassen. Die Großmutter ermöglichte Lermontow nicht nur ein geradezu luxuriöses Leben, sondern sorgte durch die Einstellung exzellenter Hauslehrer auch dafür, dass er in den Genuss einer hervorragenden Erziehung und Bildung kam. Dennoch wuchs Lermontow einsam und zurückgezogen auf und entwickelte einen äußerst ambivalenten Charakter, der zwischen Leidenschaftlichkeit und Ängstlichkeit auf der einen Seite und emotionaler Kälte und Arroganz auf der anderen Seite oszillierte. Dessen ungeachtet war er ein hervorragender Schüler, der Französisch, Deutsch, Englisch, Griechisch und später auch Latein lernte, mehrere Musikinstrumente spielte und sich auch als begabter Maler erwies. Darüber hinaus befasste er sich intensiv mit Literatur (wobei er eine besonders starke Vorliebe für den englischen Dichter Byron entwickelte)[1] und begann mit vierzehn Jahren – wie er selbst sagte – „Gedichte zu schmieren“. 1830 bestand er die Aufnahmeprüfung der Moskauer Universität, verließ diese aber schon nach zwei Jahren und besuchte stattdessen die Junkernschule in Sankt Petersburg. Seine Kommilitonen beschreiben ihn als „arrogant“ und „distanziert“, gleichzeitig aber auch als „draufgängerisch“ und „hart“; zudem zeigte er einen starken Hang zu bissiger Ironie und Sarkasmus, wodurch er sich viele Feinde schuf. Dreimal wurde er in den Kaukasus strafversetzt, in zwei Fällen wegen Gedichten, in denen er den Zarenhof beziehungsweise die gehobene Gesellschaft angegriffen hatte, und ein weiteres Mal, weil er sich mit dem Sohn des französischen Botschafters duelliert hatte. Im Juli 1841 stirbt Lermontow im Kaukasus in einem Duell mit einem früheren Kommilitonen, den er bei einer Wiederbegegnung mit Spott überzogen hatte. Seiner Vorahnung entsprechend (s.o.), endete sein Leben tatsächlich früh, mit gerade einmal 26 Jahren.
Über Lermontows Privatleben wissen wir nur wenig. Man wird aber wohl nicht fehlgehen, wenn man ihn als einen Romantiker mit einer äußerst empfindsamen Seele charakterisiert, der sich für einen Auserwählten hielt und sich in der Welt verwaist fühlte: „Auf dem wilden Festmahl saß er gedankenverloren da, / allein, verlassen von seinen törichten Freunden, / und mit seinem inneren Blick schaute er / in die ferne, uns verborgene Zukunft“ heißt es zu Beginn eines seiner Gedichte ohne Titel.[2] Als „Beweis“ für sein Auserwähltsein betrachtete Lermontow neben seiner prophetischen Begabung unter anderem auch die Tatsache, dass er sich schon sehr früh, im Alter von zehn Jahren, in ein (neunjähriges) Mädchen verliebt hatte: „Manche, wie etwa Byron, glauben, dass ein frühes Verliebtsein auf das engste mit einer den schönen Künsten zugewandten Seele verbunden ist, doch für mich ist dies ein Erkennungszeichen einer Seele, die sehr viel Musik in sich trägt“; dass Lermontow sehr viel Musik in sich trug, darf angesichts seiner hochmusikalischen Verse als sicher gelten.
Lermontow war nicht nur der letzte große Dichter der russischen Romantik, mit seinem Prosawerk Ein Held unserer Zeit gehört er auch zu den Begründern der großen russischen Tradition des realistischen Romans und hat zudem – nach Meinung seines Dichter- und Schriftstellerkollegen Boris Pasternak – die Kategorie der Persönlichkeit in die russische Kultur und Literatur eingeführt. Innovationskraft zeigte Lermontow aber auch in seiner Lyrik: Durch die Verwendung neuer und die ungewöhnliche Kombination bekannter Metren erreicht Lermontow in seinen Versen eine beeindruckende Musikalität, und so ist es nicht verwunderlich, dass es von seinen Gedichten so viele Vertonungen gibt, u.a. von Anton Rubinstein, Michail Glinka, Modest Mussorgski und Franz Liszt. Die vorherrschenden Themen in Lermontows Lyrik sind: Fremdsein und Verwaistheit in einer sinnlosen Welt, Täuschung und Enttäuschung, Leiden, Tod und die Leere der Gegenwart: „wenn aber vor dem Tod / die Binde von unseren Augen fällt / und alles, was uns verlockte, / mit der Binde verschwindet, / dann sehen wir, dass / der goldene Kelch leer, / dass der Trank darin ein Traum / und dass er nicht der unsrige war!“ heißt es in Kelch des Lebens, und in dem Gedicht Elegie bekennt er: „Aber für mich ist die ganze Welt leer und langweilig“.[3] Lermontows schärfste Abrechnung mit der Ödnis des Lebens ist das  Gedicht Es ist langweilig und traurig:[4]

И скучно и грустно

И скучно и грустно, и некому руку подать
В минуту душевной невзгоды …
Желанья! . . что пользы напрасно и вечно желать? . .
А годы проходят – все лучшие годы!

Любить … но кого же? . . на время – не стоит труда,
А вечно любить невозможно.
В себя ли заглянешь? – там прошлого нет и следа:
И радость, и муки, и всё там ничтожно …

Что страсти? – ведь рано иль поздно их сладкий недуг
Исчезнет при слове рассудка;
И жизнь, как посмотришь с холодным вниманьем вокруг, –
Такая пустая и глупая шутка …

 

Es ist langweilig und traurig

Es ist langweilig und traurig, und es gibt niemand, dem man

die Hand geben könnte / im Augenblick seelischen Unge-

machs … / Wünsche! … was nützt es, vergeblich und ewig

zu wünschen? … / Und die Jahre vergehen – alle besten Jahre!

 

Lieben … aber wen? … für eine Weile lohnt es die Mühe

nicht, / und ewig lieben ist unmöglich. / Wenn du in dich

hineinschaust, dann ist dort vom Vergangenen keine Spur: /

Freude, Qualen und alles ist dort nichtig …

 

Was sollen Leidenschaften? – über kurz oder lang schwin-

det ihr süßes Leid / doch beim Wort des Verstandes; /

und das Leben ist, wenn du mit kalter Teilnahme umher-

blickst – / so ein leerer und dummer Scherz …

 

Wer von der ungeheuren Musikalität von Lermontows Versen einen Eindruck gewinnen möchte, der sollte einmal dieser Rezitation des obigen Gedichts lauschen:

 

Выхожу один я на дорогу;
Сквозь туман кремнистый путь блестит;
Ночь тиха. Пустыня внемлет Богу,
И звезда с звездою говорит.

В небесах торжественно и чудно!
Спит земля в сияньи голубом …
Что же мне так больно и так трудно?
Жду ль чего? жалею ли о чём?

Уж не жду от жизни ничего я,
И не жаль мне прошлого ничуть;
Я ищу свободы и покоя!
Я б хотел забыться и заснуть!

Но не тем холодным сном могилы …
Я б желал навеки так заснуть,
Чтоб в груди дремали жизни силы,
Чтоб дыша вздымалась тихо грудь;

Чтоб всю ночь, весь день мой слух лелея,
Про любовь мне сладкий голос пел,
Надо мной чтоб вечно зеленея,
Тёмный дуб склонялся и шумел.

 

Ich gehe allein auf die Straße hinaus; / durch den Nebel

schimmert der steinige Weg; / die Nacht ist still. Die Einöde

lauscht Gott, / und der Stern spricht mit dem Stern.

 

Am Himmel ist es feierlich und wunderbar! / Die Erde

schläft in einem blauen Glanz … / Wieso ist mir so weh und

so schwer zumute? / Erwarte ich etwas? Klage ich über etwas?

 

Ich erwarte vom Leben nichts mehr, / und um das Vergangene

ist es mir keineswegs leid; / ich suche Freiheit und Ruhe! / Ich

möchte mich vergessen und in den Schlaf sinken!

 

Aber nicht in jenen kalten Schlaf des Grabes … / Ich wünschte

für immer so einzuschlafen, / dass in der Brust die Lebenskräfte

schlummern, / dass sich beim Atmen leise die Brust hebt;

 

dass mir, die ganze Nacht, den ganzen Tag mein Ohr

ergötzend, / eine süße Stimme von Liebe singt, / dass sich

über mich, ewig grünend, / die dunkle Eiche neigt und rauscht.

 

Zu diesem Gedicht gibt es eine sehr schöne Vertonung, gesungen von Anna German, einer polnischen Sängerin russlanddeutscher Abstammung:

 

[1] Lermontow betrachtete sich und Byron als Auserwählte, als von der „Welt gejagte Wanderer“.

[2] Michail Lermontow: Gedichte (Russisch/Deutsch). Übersetzt von Kay Borowsky und Rudolf Pollach, Stuttgart, Reclam, 2000, S. 95.

[3] Michail Lermontow: Gedichte (Russisch/Deutsch). Übersetzt von Kay Borowsky und Rudolf Pollach, Stuttgart, Reclam, 2000, S. 11, 41.

[4] Dieses und das nachfolgende Gedicht zitiert nach: Michail Lermontow: Gedichte (Russisch/Deutsch). Übersetzt von Kay Borowsky und Rudolf Pollach, Stuttgart, Reclam, 2000, S. 102f., 122f.