Mihai Eminescu

„Aus dem Dunkel toter Welten, die noch schöne Märchen hatten,
Drin die Menschen Dichter waren, strahlst du, fernes Ideal,
Meinen Sinnen gegenwärtig, lieblich jugendlicher Schatten
Andrer Götter, Sterne, Fluren, weiß ich doch, du warst einmal.“[1]

Der bedeutendste Dichter Rumäniens, der zudem die Entwicklung der rumänischen Standardsprache maßgeblich beeinflusst hat, wurde am 15. Januar 1850 in der nordrumänischen Region Bukowina (die seinerzeit als Herzogtum Bukowina zur Habsburgermonarchie gehörte) als siebtes Kind eines Gutsbesitzers geboren. Obwohl Eminescu bereits als Jugendlicher eine enorme Leselust zeigte, war er dennoch kein guter Schüler und schloss die Schule, so wie auch seine späteren Universitätsstudien, nicht ordentlich ab. Von Beginn an kennzeichnen Unruhe, mangelnde Zielstrebigkeit und Gleichgültigkeit in Bezug auf eine berufliche Laufbahn sein Wesen. Mit gerade einmal vierzehn Jahren türmt er aus dem Gymnasium, schließt sich einer Gruppe von Wanderschauspielern an und schlägt sich mehrere Jahre als Souffleur, Übersetzer sowie mit diversen Gelegenheitsarbeiten durch Rumänien. Ein Rastloser war Eminescu auch im geistigen Bereich: Er zeigt vielseitige wissenschaftliche Interessen, entwickelt eine Leidenschaft für die rumänische Volkskunde und hört sich in Wien und Berlin Vorlesungen in den unterschiedlichsten Fächern an. Eine berufliche Karriere und Wohlstand interessieren den gänzlich uneitlen Rumänen kaum, jedoch begeistert er sich für Philosophie und Poesie und schreibt mit großem Enthusiasmus selbst Gedichte. Nach seiner Rückkehr nach Rumänien arbeitet er zunächst in der nordrumänischen Stadt Iaşi als Direktor der Universitätsbibliothek und als Schulinspektor. Nachdem er diese beiden Posten infolge eines politischen Umsturzes verloren hatte, betätigte er sich in der Hauptstadt Bukarest als Journalist und wurde ein bedeutender politischer Publizist der rumänischen Konservativen, die seinen dezidierten Antimodernismus jedoch nicht teilten (Kapitalismus, Maschinenwesen und Großindustrie wurden von Eminescu entschieden abgelehnt).

In Iaşi hatte Eminescu Veronica Micle kennengelernt, eine junge, attraktive und sensible Frau, die seine Gedichte liebte und schließlich auch zum Dichter in Liebe entbrannt war. Als die Frau bereit ist, für ihn ihren Mann und ihre Kinder zu verlassen, zeigt Eminescu die Unentschlossenheit, die ihn seit seiner Jugendzeit prägt: Er kann sich weder dazu entschließen, mit ihr zu leben, noch will er ihr ganz entsagen – und bei dieser Haltung bleibt er bis zuletzt. Die Unfähigkeit, definitive Entscheidungen zu fällen, kennzeichnet auch sein poetisches Arbeiten: Immer wieder überarbeitet er seine Gedichte, streicht einzelne Strophen, fügt andere hinzu, weshalb es von den meisten seiner Dichtungen zahlreiche unterschiedliche Varianten gibt, jedoch keine von Eminescu als definitive Fassung bestimmte Version. Da ihn im Alter von 33 Jahren Wahnvorstellungen befallen, wird er in verschiedenen Heilanstalten untergebracht bis sich schließlich der Zustand der völligen Umnachtung bei ihm einstellt und er in eine Bukarester Klinik eingewiesen wird. Als am 15. Juni 1889 ein Mitpatient einen Stein auf ihn wirft und ihn am Kopf trifft, sinkt er zu Boden und stirbt kurze Zeit später mit gerade einmal 39 Jahren. Veronica Micle zieht sich daraufhin in ein Kloster zurück, wo sie ein Lyrikbändchen mit eigenen Poemen sowie mit Gedichten, die Eminescu ihr gewidmet hat, zusammenstellt und sich wenige Monate nach dessen Tod mit Arsen umbringt.

Eminescu ist in Bezug auf seine Geisteshaltung zu den radikalen Pessimisten zu zählen, zu denen beispielsweise auch Schopenhauer, der rumänische Philosoph Emil Cioran und der italienische Dichter Giacomo Leopardi gehören. Die Eminescu-Forschung ist sich einig, dass sein Pessimismus sowie seine eher negative Sicht der Frau als Liebespartnerin auf die Philosophie und die Misogynie Schopenhauers zurückzuführen sind, dessen Schriften er während seiner Studienzeit in Berlin kennenlernte; unstrittig ist auch, dass die deutsche Literatur, vor allem die Lyrik, Eminescus Werk in starkem Maße beeinflusst hat. Eminescu zeigt eine vollständige Daseinsablehnung, das Leben und das Universum sind für ihn vollkommen sinnentleert, und die einzige Hoffnung, die dem Menschen verbleibt, ist sein endgültiges Ende im Tod: „Dem Nichts verfallen, in Nichtigkeiten sich verlierend, gibt es für den Menschen keine Hoffnung außer der einen: endgültig vernichtet zu werden. Nicht Unsterblichkeit, sondern Verlöschen im Wesenlosen ist dem Wissenden das höchste Ziel. Es gibt keinen anderen Ausweg, um dem Wahnsinn des Daseins zu entrinnen.“[2] In zwei Strophen des Gedichts Mortua est heißt es über den Tod und das Dasein (ebd.):

Du, Tod, bist ein Dasein, das Sonnen umsäumen;
Das Leben ist Sumpf nur von hässlichen Träumen.
Du, Tod, bist ein Chaos, ein Sternenmeer;
Das Leben – ein Märchen, so wüst und so leer …

Das Sein? Nur ein trostloses Leben für Toren,
Wo Augen dich täuschen und lügen die Ohren.
Was feststeht, ein anderer flugs widersprichtʼs;
Statt solch schalem Traume ist besser das Nichts.

Auch wenn für den Pessimisten Eminescu das menschliche Leben und die Welt nichts weiter als ein absurder Traum, ein „halluzinatorisches Gaukelspiel eines dämonischen Demiurgen“ (Gerd-Klaus Kaltenbrunner) waren, so erfreute und bewegte ihn doch der Zauber und die Herrlichkeit der Natur, so dass er neben philosophischer Lyrik vor allem auch Gedichte verfasste, in denen die Natur, die für unseren Dichter ein Zufluchtsort, ein Hort der Geborgenheit ist, besungen wird. Hier tritt sein leidenschaftliches Interesse für das Leben der Bauern und Hirten und ihren seit vielen Jahrhunderten bewahrten handwerklichen, poetischen, musikalischen und mythologischen Überlieferungen zutage. Einige seiner Gedichte sind an die Doinen, die wehmütig-melancholischen improvisierten Gesänge der rumänischen Landbevölkerung, angelehnt, deren Texte von zwei immer wiederkehrenden Begriffen geprägt werden: codru („Wald“) und dor („Sehnsucht“). Diese beiden Schlüsselwörter der rumänischen Volksseele begegnen auch immer wieder in Eminescus Gedichten, wobei sich die enorme Bedeutung des Waldes für die Rumänen historisch erklären lässt: Die riesigen Waldgebiete der Karpaten dienten den rumänischen Bauern und Hirten in der Vergangenheit immer wieder als Zufluchtsort vor anderen, ins Land einfallenden Volksstämmen, wie etwa Germanen, Slawen, Tataren und Bulgaren, und daher lautet ein altes rumänisches Sprichwort: Codru-i frate cu românul („Der Wald ist der Bruder des Rumänen“).

In dem folgenden Gedicht erscheint der Wald als Symbol für die Ewigkeit und Beständigkeit von Natur und Universum, die mit der Vergänglichkeit und Verlorenheit des menschlichen Lebens kontrastiert werden.[3]

Revedere

– Codrule, codruţule,
Ce mai faci, drăguţule,
Că de când nu ne-am văzut
Multă vreme au trecut
Şi de când m-am depărtat,
Multă lume am îmblat.

– Ia, eu fac ce fac de mult,
Iarna viscolu-l ascult,
Crengile-mi rupându-le,
Apele-astupându-le,
Troienind cărările
Şi gonind cântările;
Şi mai fac ce fac de mult,
Vara doina mi-o ascult
Pe cărarea spre izvor
Ce le-am dat-o tuturor,
Umplându-şi cofeile,
Mi-o cântă femeile.

– Codrule cu râuri line,
Vreme trece, vreme vine,
Tu din tânăr precum eşti
Tot mereu întinereşti.

– Ce mi-i vremea, când de veacuri
Stele-mi scânteie pe lacuri,
Că de-i vremea rea sau bună,
Vântu-mi bate, frunza-mi sună;
Şi de-i vremea bună, rea,
Mie-mi curge Dunărea.

Numai omu-i schimbător,
Pe pământ rătăcitor,
Iar noi locului ne ţinem,
Cum am fost aşa rămânem:
Marea şi cu râurile,
Lumea cu pustiurile,
Luna şi cu soarele,
Codrul cu izvoarele.

 

Wiedersehen

„Lieber Wald, o Wäldchen mein,
Sag: was machst du so allein?
Seit wir uns zuletzt gesehn,
Musste so viel Zeit vergehn,
Und seitdem ich dir entschwand,
Irrte ich durch manches Land!“

„Sieh, ich tue, was ich tat:
Lausche, wenn der Winter naht
Und zerrüttet mein Geäst,
Bäche jäh erstarren lässt,
Meine Wege dicht beschneit,
Vogelsingen mir vertreibt;
Sieh, ich tue, was ich tat:
Hör ein Sommerlied vom Pfad,
Der zum Bache führt, erschallen;
Diese Bächlein gab ich allen
Frauen, die mit frohem Singen
In den Krügen Wasser bringen.“

„Wald, mit deinen sanften Seen,
Zeiten kommen, Zeiten gehn,
Bist du noch so jugendlich,
Immerfort verjüngst du dich.“

„Was ist Zeit, wenn schon seit je
Sterne leuchten mir im See?
Denn ob gut, ob schlecht das Wetter,
Rauscht der Wind durch meine Blätter;
Ob das Wetter schlecht, ob gut,
Strömt dahin der Donau Flut.

Nur der Mensch ist wandelbar,
Ziellos irrt er immerdar;
Wir allein verweilen hier,
Wie wir waren, bleiben wir:
Flüsse, Meere mit den Küsten
Und die Erde mit den Wüsten,
Sonnenschein und Mondeshelle
Und der Wald mit Bach und Quelle.“

 

Lacul

Lacul codrilor albastru
Nuferi galbeni îl încarcă;
Tresărind în cercuri albe
El cutremură o barcă.

Și eu trec de-a lung de maluri,
Parc-ascult și parc-aștept
Ea din trestii să răsară
Și să-mi cadă lin pe piept;

Să sărim în luntrea mică,
Îngânați de glas de ape,
Și să scap din mână cârma,
Și lopețile să-mi scape;

Să plutim cuprinși de farmec
Sub lumina blândei lune –
Vântu-n trestii lin foșnească,
Undoioasa apă sune!

Dar nu vine … Singuratic
În zadar suspin și sufăr
Lângă lacul cel albastru
Încărcat cu flori de nufăr.

 

Der See

Blauer See in Waldestiefe
Wo die Wasserrosen ranken,
Beben Wellen aus der Weite
Wird ein Boot auf ihnen schwanken.

Und ich wandle an dem Ufer
Horchend, wartend, weiter schreitend,
Dass sie aus dem Schilf erscheine
Sehnsuchtsvoll die Arme breitend;

Lass ins kleine Boot uns springen
Und von Wasserstimmen leiten
Bis das Ruder ich verliere
Bis die Paddel mir entgleiten;

Dass wir gleiten unter Mondes
Zauber von der Lust umwoben –
Windhauch rausche in dem Röhricht,
Murmeln sollen blaue Wogen!

Doch sie kommt nicht … Einsam sitzʼ ich
Während in mir Leiden brüten
An dem blauen See, am Ufer,
Voller Wasserrosenblüten.

 

Trecut-au anii …

Trecut-au anii ca nori lungi pe șesuri
Și niciodată n-or să vie iară,
Căci nu mă-ncântă azi cum mă mișcară
Povești și doine, ghicitori, eresuri,

Ce fruntea-mi de copil o-nseninară,
Abia-nțelese, pline de-nțelesuri –
Cu-a tale umbre azi în van mă-mpresuri,
O, ceas al tainei, asfințit de sară.

Să smulg un sunet din trecutul vieții,
Să fac, o, suflet, ca din nou să tremuri
Cu mâna mea în van pe liră lunec;

Pierdut e totu-n zarea tinereții
Și mută-i gura dulce-a altor vremuri,
Iar timpul crește-n urma mea … mă-ntunec!

 

Vergangen sind die Jahre …

Vergangen sind die Jahre wie Wolken ziehen,
Vergingen Jahre, die nicht wiederkehren,
Denn Märchen, Lieder, Rätsel, Bauernlehren,
Die einst dem Knaben den Augenglanz verliehen,

Die, voller Tiefsinn, doch des Sinns entbehren,
Sind bar des Zaubers, drin sie einst gediehen –
Verschwiegne Stunde, die die Lichter fliehen,
Heut kann dein Dämmer nicht den Weg mir wehren.

Soll ich berühren toten Lebens Saiten,
Mit neuen Schauern, Seele, dich entzückend,
Umsonst wird meine Hand darüber gleiten;

Aus Jugendfernen schimmertʼs noch beglückend,
Doch ist verstummt der süße Mund der Zeiten,
Was war, das wächst … steht hinter mir erdrückend!

Original und Übersetzung/Nachdichtung der beiden letzten Gedichte nach: Mihai Eminescu: Gedichte. Nachdichtung aus dem Rumänischen von Konrad Richter. Herausgegeben, überarbeitet und teilweise neu nachgedichtet von Simone Reicherts-Schenk und Christian W. Schenk, Kastellaun, Dionysos, 2000, S. 38f., 74f.

[1] Mihai Eminescu: Gedichte. Nachdichtung aus dem Rumänischen von Konrad Richter. Herausgegeben, überarbeitet und teilweise neu nachgedichtet von Simone Reicherts-Schenk und Christian W. Schenk, Kastellaun, Dionysos, 2000, S. 15.

[2] Gerd-Klaus Kaltenbrunner: Europa. Seine geistigen Quellen in Porträts aus zwei Jahrtausenden, Zweiter Band, Heroldsberg, Glock und Lutz, 1982, S. 275.

[3] Original: Mihai Eminescu: Gedichte. Nachdichtung aus dem Rumänischen von Konrad Richter. Herausgegeben, überarbeitet und teilweise neu nachgedichtet von Simone Reicherts-Schenk und Christian W. Schenk, Kastellaun, Dionysos, 2000, S. 84, 86; Übersetzung: http://www.fa-kuan.muc.de/REVEDER.RXML (Zugriff v. 17.02.2016).