Mit Philipp Mainländer ins Nichts

Zahlreich ist das Ungeheure und nichts
ungeheurer als der Mensch.
(Sophokles: Antigone, Chorlied, erste Strophe)

Der deutsche Philosoph Philipp Mainländer (1841–1876; Geburtsname: Philipp Batz) ist heute weitgehend vergessen: Zwar brachten ihm Hochkaräter wie Borges und Cioran großes Interesse entgegen, doch in Darstellungen der Philosophiegeschichte sucht man seinen Namen in der Regel vergeblich, und wenn er einem einmal begegnet, so werden ihm und seinem Werk nur ganz wenige Zeilen gewidmet; als Autodidakt, der lediglich über eine kaufmännische Ausbildung verfügte, jedoch keinerlei akademische Weihen besaß, war er freilich dazu prädestiniert von der philosophischen Fachwelt übergangen zu werden. Zudem wurde der extreme Negativismus seiner Weltsicht gerne als Krankheit und Mainländer als Fall für die Psychopathographie abgetan,[1] was umso leichter fiel, als Mainländer ein Jahr vor seinem Selbstmord einen mentalen Zusammenbruch à la Nietzsche erlitt und ihn darüber hinaus auch noch der Größenwahn überkam. Mehr als einhundert Jahre nach Mainländers Suizid, seit etwa der Jahrtausendwende, ist jedoch eine etwas breitere Rezeption sowie eine zunehmende Intensivierung der Mainländer-Forschung – auch auf internationaler Ebene (so vor allem in Italien, Schweden, Spanien, Japan, Chile und Brasilien) – zu konstatieren.

Der selbsternannte Schopenhauer-Schüler Mainländer, der jedoch sehr viel radikaler und pessimistischer dachte als sein Lehrer, entwirft in seinem Hauptwerk Die Philosophie der Erlösung (1876) eine Philosophie, in welcher der von Schopenhauer konzipierte Wille ein Ziel erhält: den Zerfall „in das absolute Nichts“;[2] nicht der schopenhauersche Wille zum Leben beherrsche die Welt, sondern ein Wille zum Tode. In Mainländers Weltentstehungsmythos will das göttliche „Übersein“ den Tod, denn: „Nichtsein ist besser als Sein“.[3] Dieser seltsame konturen-, bewegungs- und zeitlose Gott wusste jedoch, dass er, als das „Übersein“, das Nichtsein nur über das Sein, das heißt nur durch seinen Zerfall in eine reale Welt der „Vielheit, d.h. in egoistische, gegeneinander gerichtete Individualitäten“,[4] erreichen kann: „Nur in diesem Kampf von Wesen, die vorher eine einfache Einheit waren, kann das ursprüngliche Wesen selbst zerstört werden“,[5] oder anders formuliert: „[d]ie Welt ist das Mittel zum Zwecke des Nichtseins“.[6] Da die reale Welt mit ihren Individuen nach Mailänder nichts anderes als der auseinandergefallene Gott ist, besteht für ihn letztlich auch kein Unterschied zwischen dem göttlichen und dem menschlichen Selbstmordprojekt: Sowohl den Individuen als auch den unorganischen Elementen ist ein (unbewusster) Impuls eigen, sich selbst zu vernichten, das Dasein wird bestimmt durch den Willen zum Tod, wobei die Auflösung sich nicht in einem Akt, sondern vielmehr in Etappen vollzieht: Der Übergang vom „Übersein“ zum Sein und schließlich zum Nichtsein impliziert eine kontinuierliche „Schwächung der Kraft“ Gottes, welche für Mailänder das „Weltall-Gesetz“ repräsentiert und für die Menschheit zu einem „Gesetz des Leidens“ wird.[7] Da dieser Energieverlust kontinuierlich zunimmt und darüber hinaus auch irreversibel ist, ist es völlig unerheblich, was die Menschheit macht, wir können lediglich den Stecker ziehen und so frühzeitig unsere Erlösung in der ewigen Ruhe herbeiführen, was für Mainländer eine sinnvolle und naheliegende Option darstellt, denn die Möglichkeit einer Verbesserung der Welt, eines Fortschritts hin zu mehr Humanität, Gerechtigkeit und Freiheit wird von ihm rigoros verneint.

Dass ein derart extremer Pessimismus, ebenso wie das sehr stark an Mainländer erinnernde „anthropofugale“ Denken eines Ulrich Horstmann,[8] von einer seit Jahrtausenden auf Seinsfreude, Optimismus, Fortschritt und Humanismus getrimmten Menschheit entweder totgeschwiegen oder mit allen (lauteren und unlauteren) Mitteln erbittert bekämpft wird, versteht sich von selbst (wann Horstmann „seinen Nervenarzt zuletzt konsultiert“ habe, fragte eine Zeitung, und ein anonymer Anrufer schlug ihm vor, er solle sich aufhängen, anstatt weiter Bücher zu schreiben). Über derlei Reaktionen, über diese „professionelle Gründlichkeit jener Retuscheure des Kulturbetriebs […], die mit humanophiler Kosmetik alles das zum Verschwinden bringen, was ihrem ideologischen Schönheitsideal widerspricht“,[9] wäre Philipp Mainländer ganz sicher nicht überrascht gewesen, da sie sich nahtlos in seine Erlösungsphilosophie einfügen lassen, der zufolge der Wille zum Tode als Wille zum Leben auftritt, „weil der Wille das Leben als Mittel zum Tode will (allmähliche Schwächung der Kraft)“.[10] Der Mainländer-Experte Thomas Lerchner ergänzt: „Die gesamte Weltmaschinerie ist eine großangelegte Kraftvernichtungseinrichtung. Zu einem solch perfekt eingerichteten Weltaufbau gehört auch der Lebenswille, der in Wirklichkeit eine Evolution des Todeswillens darstellt, weil Kreaturen, die das Leben mit Zähnen und Klauen verteidigen, ihre Lebenskraft schneller verpulvern. […] Der Todeswille ist als göttliches Vermächtnis ins System eingegliedert, so dass alles sich in der Welt nach dem Ende sehnt, jedoch ohne es zu bemerken.“[11]

Am Rande sei bemerkt, dass bei den allermeisten großen Dichtern und Denkern anstelle des unerschütterlichen Optimismus und der auf dem Gefühl des Auserwähltseins gründenden Selbstverherrlichung des Menschen unverhohlener Pessimismus, Lebensüberdruss oder gar Lebensekel dominieren. Mainländer beschränkt sich darauf, den größten Dichter und den größten Naturforscher der Deutschen in den Zeugenstand zu rufen: Goethe („Wir leiden alle am Leben. […] und ich kann wohl sagen, dass ich in meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt“; Gespräche mit Eckermann) und Alexander von Humboldt („Ich verachte die Menschheit in allen ihren Schichten; ich sehe es voraus, dass unsere Nachkommen noch weit unglücklicher sein werden, als wir“; Memoiren).[12] „Die wahrhaft großen Menschen müssen, wie ich glaube, auf der Welt eine große Traurigkeit empfinden“ (Dostojewski, Schuld und Sühne). Heute, im Jahre 2018, kommen auch wir Normalsterblichen gar nicht umhin, einzugestehen, dass Mainländers Position mit einer äußerst soliden und umfangreichen Substantiierung aufwarten kann. Der bereits erwähnte Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Ulrich Horstmann hob im Oktober 2016 in einem Vortrag auf dem Offenbacher Mainländer-Symposium hervor, dass neuere Forschungsergebnisse in einer ganzen Reihe unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen die von Mainländer postulierte unabänderliche Selbstvernichtung der Welt höchst plausibel machen beziehungsweise präzisieren. So weiß die Astrophysik schon seit mehreren Jahrzehnten von Schwarzen Löchern, die als Gravitationsfallen so viel kosmische Materie verschlingen wie nur möglich, wobei jeder verschluckte Stern die Masse des Schwarzen Lochs um seine Masse erhöht. In der Paläontologie geht man davon aus, dass während der Zeit der Kambrischen Explosion, als erstmalig mehrzellige Lebewesen auftraten, etwa dreißig Milliarden Spezies die Erde bevölkerten – heute sind es dreißig Millionen, was bedeutet, dass 99,9 Prozent aller Arten, die jemals lebten, ausgestorben sind. In der Forschung sind fünf sogenannte Faunenschnitte, d.h. Klimaxphasen des Artensterbens, bekannt, und nach Richard Leakey, einem der führenden Paläoanthropologen, der von Horstmann zitiert wird, vollzieht sich gegenwärtig die sechste große Auslöschung, die im Unterschied zu den vorangegangenen vom Menschen verursacht ist: „Wir erschienen erst spät auf der Bildfläche der Evolution, und zwar zu einer Zeit, als die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten fast den höchsten Stand aller Zeiten erreicht hatte“;[13] und bei seinem Auftauchen sei der Mensch „mit der Fähigkeit ausgestattet [gewesen], diese Vielfalt überall da zu zerstören, wo menschliche Populationen sich breitmachten. […] Den Anteil von nahezu 50 Prozent [aller heute auf der Erde existierenden Spezies; S.B.], der bei Fortsetzung der gegenwärtigen Entwicklung verschwinden wird, stellt kaum jemand in Frage. Und 50 Prozent aller Arten auf der Erde sind eine gewaltige Zahl. Selbst wenn wir eine Zahl aus dem unteren Bereich der Schätzungen zugrunde legen, beispielsweise 30000 Arten im Jahr, ergeben sich entsetzliche Folgerungen. Wie David Raup anhand der Fossilfunde berechnet hat, geht durch das normale Aussterben im Durchschnitt alle vier Jahre eine Art verloren. Ein Verlust von 30000 im Jahr liegt also um das 120000fache über dem Normalwert. Das ist ohne weiteres mit den fünf großen biologischen Krisen der Erdgeschichte zu vergleichen, nur mit dem Unterschied, dass diesmal keine Temperaturveränderung, kein Absinken des Meeresspiegels und kein Asteroideneinschlag der Auslöser ist. Die Ursache ist ein Bewohner der Erde. Der Homo sapiens wird zur Ursache der größten Katastrophe, seit vor 65 Millionen Jahren ein riesiger Asteroid mit der Erde kollidierte und in einem erdgeschichtlichen Augenblick die Hälfte aller Arten auslöschte.“[14]

Kommen wir zu weiteren von Horstmann angeführten Disziplinen: Die Soziologie und die Psychologie sagen uns, dass dem Menschen, was die Gewaltbereitschaft gegenüber Artgenossen anbelangt, kein Raubtier und kein Primat das Wasser reichen kann (der heute weitgehend vergessene deutsche Schriftsteller Albert Vigoleis Thelen formulierte dies prägnanter, indem er die berühmte Sentenz des Plautus homo homini lupus („der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“) in homo homini homo („der Mensch ist dem Menschen ein Mensch“) umwandelte). Die von der „Krone der Schöpfung“ durchgeführten, industriell dimensionierten Massenvernichtungen sind, so der Soziologe Wolfgang Sofsky in seinem Traktat über die Gewalt (2005), durchaus keine sporadisch auftretenden „Ausrutscher“; vielmehr gehöre diese Vernichtungslust zu unserer psychomentalen Grundausstattung, wobei diese Disposition keineswegs nur kranken oder sadistisch veranlagten, sondern allen Menschen eigen sei, wie der Genozid-Forscher James Waller in seiner Untersuchung Becoming Evil. How Ordinary People Commit Genocide and Mass Killing (2. Auflage 2007) betont.

Ulrich Horstmann hat zu Beginn der 1990er Jahre in einem Streitgespräch mit dem Zukunftsforscher Robert Jungk sein „anthropofugales“ Denken unter anderem mit dem Hinweis verteidigt, dass in der mehrtausendjährigen Geschichte der menschlichen Zivilisation eine hausgemachte Katastrophe auf die nächste folgte und man doch einfach mal die Hände in den Schoß legen sollte anstatt ständig mittels vermeintlich immer ausgefeilterer Techniken und anderer „Medikamente“ zu versuchen, den Zustand der Welt zu verbessern und ihn dadurch de facto nur zu verschlimmern. Doch was ist seitdem geschehen? Nun, erwartungsgemäß hat die Technologieverliebtheit des Homo Faber ihn dazu geführt, das Vernichtungsarsenal noch erheblich zu vergrößern.

Optimisten begegnen solchen Feststellungen absolut verlässlich mit ihrer „Wunderwaffe“, dem Hinweis auf die Aufklärung, die doch zeige, dass die Menschheit sich durchaus zum Besseren hin entwickeln könne. Aufklärung? Diese vollzog sich bekanntlich im 17. und 18. Jahrhundert, und was kam danach? Der Holocaust, Genozide, Adornos „Antiaufklärung“, die zu einer auf Konsum, Klamauk und Kopulation reduzierten Gesellschaft führte usw. usf. Fortschritt? „Der Fortschritt der Menschheit besteht in der Zunahme ihres problematischen Charakters“ (Egon Friedell). Freilich, bereits in den 1990er Jahren gab es ABC-Waffen und eine gargantueske Umweltzerstörung, doch heute müssen wir konstatieren, dass sowohl die faktische Zerstörung (man denke nur an die rasante Verschmutzung der urbanen Regionen und der Meere) als auch das Zerstörungspotential (z.B. durch die Proliferation von Massenvernichtungswaffen und einen möglichen terroristischen Einsatz derselben) ganz enorm zugenommen haben und dass zudem die potentiellen Destruktionsfaktoren durch die neuen High-Tech-Industrien (wie etwa die Gentechnologie und die moderne Kommunikationstechnologie) und das immer emsigere Bemühen um die Künstliche Intelligenz eine Auffächerung erfahren haben.

Und auch im politisch-sozialen und völkerpsychologischen Bereich haben die Gefahren drastisch zugenommen: Dem in den westlichen Gesellschaften seit langer Zeit virulenten Drang nach Selbstauflösung ist mit Merkels mainstreambeklatschtem Massenmigrationsfeldzug gegen die eigene Bevölkerung geradezu ein Quantensprung in Richtung Ziel gelungen (Mainländer freilich hätte Merkels Grenzöffnung nüchtern als fulminanten Beitrag zum Kräfteverschleiß auf unserem Planeten verbucht). Aber mal ganz abgesehen davon: Ist es nicht so, dass das Herumgehetze in unserer Tachokratie sowie die fortschreitende Modellierung eines immer mehr verrohenden Konsum-Computer-Kopulation-Einheitsmenschen inklusive einer abnehmenden Durchschnittsintelligenz (seit 20 Jahren nimmt der Intelligenzquotient in Europa ab) und der Einstampfung jeglicher Bildung früher oder später zu unserem Knockout werden führen müssen? Der zu Unrecht vergessene deutsche Schriftsteller und Kulturkritiker Gerhard Nebel hat bereits 1970 darauf hingewiesen, dass in der Moderne nichts so rasch voranschreite wie die „Verödung der Herzen“:[15] „Der blutigste Schaden wird dem Menschsein durch das abendliche Hocken vor dem Glotzkasten zugefügt, keine Reflexion, kein Gespräch mehr, sondern Hingegebenheit an zumeist dasselbe, an die Rohheit der Western- und der Kriminalserien, an den Schwachsinn des Schaugeschäftes“[16] – nun, dieser Kasten verfügt inzwischen bekanntermaßen über eine Vielzahl mobiler, allzeit verfügbarer Miniaturkonkurrenten, die Rohheit und Schwachsinn in exorbitanten Ausmaßen offerieren und ganz zweifelsfrei einen gewaltigen Beitrag zum Kräfteverlust und zur Enthumanisierung der Menschheit leisten.

Doch die wohl schlimmste Gefahr ist der oben bereits angesprochene, absolut durch nichts zu beeindruckende und mit einer unausrottbaren Selbstüberschätzung gepaarte Optimismus der Menschheit, der selbige gegenüber Einwänden seitens skeptischer Melancholiker und anderer Spinner vollkommen immun macht und sie daher auch fürderhin nach einem Immer-Mehr und einem Immer-Weiter-So verlangen lassen wird … Die finalen Etappen ins mainländersche Nichts sind am Horizont jedenfalls schon recht deutlich zu erkennen, und, wer weiß, womöglich erfährt das Wegspülen unserer „abortschüsselhaften Weltverhältnisse“ (Ror Wolf) sogar eine Akzeleration, wenn demnächst Roboter den Menschen, diesen „Irrläufer der Evolution“ (Arthur Koestler), überholen und ihn vollständig ersetzen werden, wie der britische Astrophysiker Stephen Hawking befürchtet. Helfen kann der Menschheit wohl nur noch die Synergie mehrerer Wunder – aber die gibt es ja, wenn man Katja Ebstein glauben darf (und will), immer wieder.

Dieser Essay ist erschienen in: TUMULT Vierteljahresschrift für Konsensstörung (Frühjahr 2018, S. 62–65).

[1] Thorsten Lerchner: Mainländer-Reflexionen. Quellen – Kontext – Wirkung. Würzburg 2016, S. 13.

[2] Philipp Mainländer: Philosophie der Erlösung. Ausgewählt und mit einem Vorwort versehen von Ulrich Horstmann, Frankfurt/Main 1989, S. 44.

[3] Ebenda, S. 87.

[4] Ebenda, S. 50.

[5] Ebenda.

[6] Ebenda, S. 46.

[7] Ebenda, S. 57.

[8] Ulrich Horstmann: Das Untier. Konturen einer Philosophie der Menschenflucht. 6. Aufl. Berlin 2016.

[9] Ebenda, S. 127.

[10] Philipp Mainländer, a.a.O., S. 59.

[11] Thorsten Lerchner, a.a.O., S. 99.

[12] Philipp Mainländer, a.a.O., S. 89 f.

[13] Richard Leakey/Roger Lewin: Die sechste Auslöschung. Lebensvielfalt und die Zukunft der Menschheit. Frankfurt/Main 1996, S. 282.

[14] Ebenda, S. 294.

[15] Gerhard Nebel: Schmerz des Vermissens. Essays. Stuttgart 2000, S. 76.

[16] Ebenda, S. 102.