Omar Chajjam: Rosen und Wein

Über das Leben von Omar Chajjam (auch: Omar Khayyam; geb. zwischen 1021 und 1048, gest. zwischen 1122 und 1131), einem der größten persischen Dichter des Mittelalters, wissen wir nur sehr wenig: Er war ein bekannter Mathematiker und Astronom, und er entwickelte einen Kalender; die meisten weiteren Daten seiner Vita sind umstritten. In Europa erlangte er wegen seiner Rubaijat (vierzeilige Gedichte) Berühmtheit, in denen er die Vergänglichkeit und Nichtigkeit des Daseins betont und vor allem den Weingenuss feiert, weswegen diese Gedichte oftmals als Chajjams Trinklieder bezeichnet werden. In der Forschung ist man sich nicht einig, ob er ein Freidenker war oder dem Sufismus anhing, einer spirituellen asketischen Strömung im Islam (islamische Mystik). Für Cyrus Atabay, den aus Persien stammenden Schriftsteller, Dichter und Übersetzer, dessen Übertragungen von Chajjams Vierzeilern ins Deutsche als besonders gelungen gelten, war Chajjam ein Freidenker: „Die Pole von Chajjams Weltverständnis sind Freiheit und Unterwerfung. Der Garant der Freiheit ist das freie, selbständige Denken, das die Despotien der Zeit mit dem Bewusstsein seiner Freiheit erschüttert. Ein vielleicht noch mächtigerer Despot ist das eiserne Fatum, das aber im ewigen Kreislauf der Erscheinungen, in dem alles Werden ein Vergehen, alles Vergehen ein Werden einschließt, seine Unerbittlichkeit verliert. So überlistet Chajjam schließlich Unterdrückung und Dienstbarkeit, Verletzung durch Stärkere nicht duldend, doch mit Geduld hinnehmend das Beschiedene. Das Spektrum seiner Vierzeiler umfasst alle grundlegenden Gemeinsamkeiten der menschlichen Erfahrung, verdichtet in einem Lakonismus ohnegleichen. Es ist das fortwährende Staunen des Individuums vor dem Rätsel der Existenz, das wir in seinen rubaijat erkennen.“[1] Der große portugiesische Dichter Fernando Pessoa hebt insbesondere Chajjams Selbstgenügsamkeit und Gelassenheit hervor: „Es genügt ihm, Rosen anzuschauen und Wein zu trinken. Eine leichte Brise, ein Gespräch ohne Absicht oder Plan, einen Becher voller Wein, dazu Blumen, darin und in nichts weiter gipfelt der höchste Wunsch des persischen Weisen. Die Liebe erregt und ermüdet, das Handeln verzettelt und geht fehl, niemand gelangt zum Wissen, und das Denken färbt alles trübe. Besser ist es daher, unser Wünschen und Hoffen einzustellen, den vergeblichen Anspruch, die Welt erklären zu wollen und das törichte Vorhaben, zu verbessern oder zu regieren, fahren zu lassen“.[2]

Die folgenden Trinklieder Chajjams[3] genießt man freilich am besten zusammen mit einer Flasche Wein – Weindurst wird sich jedenfalls alsbald bei der Lektüre einstellen.[4] Dass Omar Chajjam und der noch weitaus berühmtere, ebenfalls aus Persien stammende Hafis trotz des absoluten Alkoholverbots im Islam jede Menge Wein konsumierten, findet seine Erklärung in einem Einfluss der „Magier“, einer Priesterkaste der von Zarathustra begründeten Religion, für die das strikte Weinverbot des Islam keine Gültigkeit besaß.[5]

62

Trink Wein, denn das Firmament führt
deine und meine Zerstörung im Schilde;
setze dich ins Grün und trink klaren Wein,
denn dieses Gras wird reichlich aus deinem und meinem Staube wachsen.

72

Heiter zu sein und Wein zu trinken, ist meine Regel,
frei zu sein von Glauben und Unglauben meine Religion:
Ich fragte die Braut des Schicksals, was ihre Mitgift sei,
„Dein frohes Herz“, antwortete sie.

77

So viel Wein will ich trinken, dass sein Aroma
die Erde durchdringen soll, wenn ich in ihr liege;
sollte ein Zecher über meinem Staube wandeln,
wird er vom Duft meines Weins entrückt und berauscht.

100

Da niemand ein Pfandrecht hat aufs Morgen,
erfreue dieses ruhelose Herz:
Trink Wein im Vollmondschein, denn der Mond, Liebste,
wird noch lange wiederkehren und uns nicht finden.

101

Wie zieht geschwind vorbei des Lebens Karawane,
halte den Augenblick der Freude fest:
Warum grämst du dich, Saghi, über der Freunde morgigen Kummer?
Bring her den Becher, denn die Nacht verstreicht.

105

Es ist Morgen, Zeit für einen Trunk vom rosenfarbenen Wein,
sodann wollen wir das Glas des Ansehens an einem Stein zerbrechen:
Lasst uns verabschieden unsere hochfliegenden Pläne,
den Locken und der Laute lasst uns hingeben.

114

Trink Wein, dies Leben ist ewig,
dies die einzige Ernte der Jugend:
Es ist die Zeit für Rosen, Wein und Freundeswort,
sei glücklich in diesem Augenblick – er ist das Leben.

118

Begehrlich presste ich meinen Mund an den des Krugs,
das Elixier des Lebens zu erfahren:
Er berührte mit seiner Lippe die meine und murmelte,
„Genieße den Wein, du wirst nicht wiederkehren.“

 

[1] Cyrus Atabay zit. in: Hafis, Rumi, Omar Chajjam. Die schönsten Gedichte aus dem klassischen Persien. Übertragen von Cyrus Atabay. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Kurt Scharf, München, Beck, 4. Auflage 2015, 190.

[2] Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, Frankfurt am Main, Fischer, 1988, 262.

[3] Hafis, Rumi, Omar Chajjam. Die schönsten Gedichte aus dem klassischen Persien. Übertragen von Cyrus Atabay. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Kurt Scharf, München, Beck, 4. Auflage 2015, S. 21, 23, 24, 29, 30, 31, 32.

[4] Der im hier wiedergegebenen Rubai 101 begegnende Saghi ist der persische Mundschenk.

[5] Vgl. Hafis, Rumi, Omar Chajjam. Die schönsten Gedichte aus dem klassischen Persien. Übertragen von Cyrus Atabay. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Kurt Scharf, München, Beck, 4. Auflage 2015, 183; Hafis: Liebesgedichte. Ausgewählt und übertragen von Cyrus Atabay, Berlin, Insel, 2011, 78f.