Paul Verlaine

Paul Verlaine wird am 30. März 1844 als einziges Kind eines Militäroffiziers im lothringischen Metz geboren; hier sowie in Montpellier und Nîmes, wo sein Vater ebenfalls eine Zeit lang stationiert war, verbrachte er seine wohlbehütete Kindheit. Nachdem sein Vater den Militärdienst quittiert hatte, zog die Familie nach Paris, wo der Sohn ein Internat besuchte. Die Schule empfand Verlaine zunehmend als einen ihm fremden und langweiligen Ort, und er fing an, Gedichte zu schreiben. Er machte ein schlechtes Abitur und begann anschließend ein Jurastudium, das er jedoch schon bald wieder aufgab, denn er zog es vor, die Pariser Literatencafés aufzusuchen und in den literarischen Zirkeln zu verkehren, wo er die tonangebenden Autoren seiner Zeit kennenlernte. 1864 wurde er Angestellter bei der Pariser Stadtverwaltung, war gleichzeitig jedoch auch literarisch produktiv und publizierte 1866 im Alter von 22 Jahren seinen ersten Gedichtband Poèmes saturniens. Nach dem Tod seines Vaters und der von ihm geliebten Kusine Élisa, die als Waise im Haushalt der Verlaines mit ihm zusammen aufgewachsen war, gab Verlaine sich immer mehr dem Alkoholkonsum hin und wurde gewalttätig gegen seine Mutter. 1871 heiratete er die sechzehnjährige Mathilde Mauté, die er bei der Verlobung kaum gekannt hatte. Aus der Ehe ging ein Sohn hervor, doch die Verbindung war unglücklich, und der bisexuelle Verlaine verließ seine Frau bereits nach einem Jahr, vor allem wegen des jungen Dichters Arthur Rimbaud, der 1871 zu Verlaine nach Paris gekommen war und diesen sogleich dazu gebracht hatte, mit ihm zusammen ein Vagabundenleben jenseits der bürgerlichen Welt zu führen. Nach zahlreichen Reisen durch verschiedene Länder kam es 1873 zum Ende ihrer Beziehung: Während einer heftigen Auseinandersetzung verletzte Verlaine seinen Freund durch zwei Revolverschüsse und wurde deswegen zu einer Gefängisstrafe verurteilt. Nach seiner Entlassung arbeitete er zunächst in England und Belgien mehrere Jahre als Lehrer, dann versuchte er sich gemeinsam mit einem seiner Schüler in der Landwirtschaft – das Unternehmen scheiterte jedoch, und der Freund verstarb kurz darauf. Verlaine verfiel nun immer stärker dem Alkohol und geriet ins gesellschaftliche Abseits. Nach mehreren Versuchen, seine Mutter zu töten, musste er 1885 erneut ins Gefängnis. Als seine Mutter im darauffolgenden Jahr starb, sorgte die Familie seiner Frau, von der er inzwischen geschieden worden war, dafür, dass ihm der Zugriff auf das Erbe verwehrt blieb. Ohne finanzielle Mittel und in gesundheitlich schlechtem Zustand verbrachte er die folgenden Jahre in billigen Unterkünften und Krankenhäusern. Ab etwa 1888 wurde seine materielle Situation wieder etwas besser, und sein lyrisches Schaffen erfuhr eine stetig wachsende Anerkennung. Als Verlaine am 8. Januar 1896 an einer Lungenentzündung starb, war er ein äußerst angesehener Poet; mehrere tausend Menschen folgten dem Trauerzug, und bekannte Dichter, u.a. Stéphane Mallarmé, hielten Grabreden.

Verlaine knüpft mit seiner auf persönlichen Erlebnissen beruhenden Lyrik einerseits an die Romantik an, andererseits zeigt er aber auch typische Charakteristika der Décadence-Dichter, wie etwa die zu weiten Teilen wohl dem Einfluss Rimbauds zuzuschreibende Ablehnung der bürgerlichen Welt und das Streben nach Neuem. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass auch die Romantik aus einem Ungenügen an der Realität hervorgegangen ist und dass auch die romantischen Dichter darauf abzielten, der banalen Gegenwart in ihren Dichtungen eine andere Welt gegenüberzustellen. Das Neue in Verlaines Dichtung resultiert aus seinem Bestreben, die Poesie der Musik anzugleichen: de la musique avant toute chose („Musik vor allen Dingen“) fordert er in seinem Gedicht Art poétique („Dichtkunst“). Eine Steigerung der Musikalität seiner Verse erzielt Verlaine u.a. durch das Kombinieren von Assonanzen und Alliterationen sowie durch ungewöhnliche syntaktische Anordnungen. Neben der Musikalität ist die Melancholie ein hervorstechendes Merkmal der Verlaineschen Lyrik: Die längst verflossenen besseren Zeiten werden der als ungenügend empfundenen Gegenwart gegenübergestellt, wobei die Unzulänglichkeit der Moderne vor allem auf deren Ablehnung von Poesie und Dichtern zurückgeführt wird. Die soziale Ausgrenzung des Dichters bewirkt, dass dieser die Wirklichkeit ablehnt und derselben dadurch zu entfliehen versucht, dass er die guten alten Zeiten in seiner Erinnerung wachruft oder ein Ideal in der Kunst anstrebt. Der Fluch des mit der Gesellschaft inkompatiblen poète maudit besteht jedoch darin, dass all seine Fluchtversuche scheitern und er immer wieder von der ihm verhassten Realität eingeholt wird.

In Chanson dʼautomne, Verlaines berühmtestem Gedicht, zeigt sich das lyrische Ich angesichts des Herannahens des Lebensendes (der Herbst als Metapher für das Schwinden der Lebenskräfte, den Verfall) und einer tristen Wirklichkeit, die es als erdrückend empfindet, voller Wehmut. Es flüchtet sich in die Erinnerung an die Vergangenheit und muss weinen, weil ihm bewusst ist, dass diese unwiederbringlich verloren ist. In der letzten Strophe wird deutlich, dass das lyrische Ich zu keinem anderen Versuch des Ausbruchs aus seiner Melancholie, seinem Lebensekel mehr fähig ist, sondern sich nur noch seinem Schicksal ergeben kann wie ein totes Blatt, das vom Wind hin und hergetrieben wird. Verlaine ist in diesem Gedicht, das zu seinen musikalischsten gehört, nicht zuletzt auch durch die ausschließliche Verwendung drei- und viersilbiger Verse sowie durch das Zusammenspiel von Vokal- und Konsonantenwiederholungen und Assonanzen ein zarter und zugleich ergreifend trauriger Abgesang auf das Leben gelungen.

Chanson dʼautomne

Les sanglots longs
Des violons
De lʼautomne
Blessent mon coeur
Dʼune langueur
Monotone.

Tout suffocant
Et blême, quand
Sonne lʼheure,
Je me souviens
Des jours anciens
Et je pleure;

Et je mʼen vais
Au vent mauvais
Qui mʼemporte
Deçà, delà,
Pareil à la
Feuille morte.

 

Herbstlied

Seufzer gleiten
Die saiten
Des herbsts entlang
Treffen mein herz
Mit einem schmerz
Dumpf und bang.

Beim glockenschlag
Denk ich zag
Und voll peinen
An die zeit
Die nun schon weit
Und muss weinen.

Im bösen winde
Geh ich und finde
Keine statt …
Treibe fort
Bald da bald dort –
Ein welkes blatt.

In Mon rêve familier (auf Deutsch etwa: „Mein steter Traum“) erhofft sich das lyrische Ich, in der Liebe zu einer Frau, die ihn ebenfalls liebt und zudem auch noch versteht, ein Heilmittel gegen seinen von der Wirklichkeit hervorgerufenen Lebensüberdruss zu finden. In den beiden Terzetten erweist sich diese ideale Frau jedoch lediglich als imaginiert, und daher kann auch sie den Sprecher nicht trösten – auch die Liebe vermag das Dichter-Ich nicht vor der Melancholie zu bewahren, die die banale Realität der Moderne in ihm hervorruft. Dies gilt fatalerweise jedoch auch für alle anderen Mittel, mit denen Verlaine in seiner Lyrik (und teilweise auch in seinem realen Leben) versuchte, der Unerträglichkeit des Daseins zu entfliehen, wie etwa den Alkoholrausch, den Glauben, das dichterische Evozieren von Paradieswelten und das neue Erfahrungen mit sich bringende Reisen.

Mon rêve familier

Je fais souvent ce rêve étrange et pénétrant
Dʼune femme inconnue, et que jʼaime, et qui mʼaime,
Et qui nʼest, chaque fois, ni tout à fait la même
Ni tout à fait une autre, et mʼaime et me comprend.

Car elle me comprend, et mon cœur transparent
Pour elle seule, hélas! cesse dʼêtre un problème
Pour elle seule, et les moiteurs de mon front blême,
Elle seule les sait rafraîchir, en pleurant.

Est-elle brune, blonde ou rousse? – Je lʼignore.
Son nom? Je me souviens quʼil est doux et sonore
Comme ceux des aimés que la Vie exila.

Son regard est pareil au regard des statues,
Et, pour sa voix, lointaine, et calme, et grave, elle a
Lʼinflexion des voix chères qui se sont tues.

 

Mon rêve familier
Aus dem Französischen des Paul Verlaine

Ich träume wieder von der Unbekannten,
Die schon so oft im Traum vor mir gestanden.

Wir lieben uns, sie streicht das wirre Haar
Mir aus der Stirn mit Händen wunderbar.

Und sie versteht mein rätselhaftes Wesen
Und kann in meinem dunklen Herzen lesen.

Du fragst mich: ist sie blond? Ich weiß es nicht.
Doch wie ein Märchen ist ihr Angesicht.

Und wie sie heißt? Ich weiß nicht. Doch es klingt
Ihr Name süß, wie wenn die Ferne singt –

Wie Eines Name, den du Liebling heißt
Und den du ferne und verloren weißt.

Und ihrer Stimme Ton ist dunkelfarben
Wie Stimmen von Geliebten, die uns starben.

Herbstlied: Original und Übersetzung: Poesie der Welt: Frankreich, Frankfurt am Main, Ullstein, 1985, S. 234f.

Mon rêve familier: Original: Paul Verlaine: La bonne chanson et autres poèmes, Paris, Bookking International, 1993, S. 203; Übersetzung: Hermann Hesse: Stufen. Ausgewählte Gedichte, Berlin, Insel, 3. Auflage 2013, S. 24.