Pieter Bruegel d. Ä.: Die Jäger im Schnee

Pieter Bruegels Die Jäger im Schnee (1565; Kunsthistorisches Museum Wien) ist sicherlich das bekannteste Winterlandschaftsgemälde der abendländischen Malerei. Den Betrachter fasziniert dieses Werk nicht nur wegen des großen, mit malerischer Exzellenz dargestellten Detailreichtums und des intensiven Eindrucks von Winterkälte und Starrheit der Natur, der sich unmittelbar in ihm einstellt, sondern wohl auch deshalb, weil die Schlittschuhläufer auf den zugefrorenen Dorfteichen in ihm Erinnerungen an eigene Wintervergnügungen in einer schneebedeckten Landschaft heraufbeschwören. Beließen wir es dabei, hätten wir es mit einem Winteridyll zu tun, dessen Schönheit uns zum genüsslichen Eintauchen in diese Welt reizt. Der an der Symbolsprache von Malerei und anderen kunstgeschichtlichen Aspekten interessierte Betrachter hingegen wird durch die Bruegel-Literatur[1] darüber informiert, dass dieses Gemälde keineswegs auf eine idyllische Lesart reduziert werden kann. Dies zeigt schon das dargestellte Schlittschuhlaufen der Dorfbewohner, welches zu Bruegels Zeit eine übliche Metapher für das dem menschlichen Dasein inhärente Gefahrenpotential war; die etwas unterhalb des absoluten Bildmittelpunktes zu findende Vogelfalle (man folge ausgehend von dem großen Raben, der links neben der durch die Lüfte gleitenden Elster im Baum sitzt, der Vertikalen bis nach unten auf den Boden), die aus einer ausgehängten Tür und einem Fallstrick besteht, galt als Sinnbild der Versuchungen durch den Teufel, wobei der Fallstrick, wie der Kunsthistoriker Bertram Kaschek (op. cit.) mit Bezug auf entsprechende Stellen im Lukas-Evangelium und in der Weltchronik des Sebastian Franck zeigt, als ein Gleichnis für das Jüngste Gericht zu betrachten ist, das plötzlich und unerwartet, eben „wie ein Fallstrick“, über eine sich vollkommen sorglos den Diesseitsfreuden hingebende Menschheit kommen wird; die den Blick des Betrachters auf sich ziehende Elster wurde im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit als Künderin von Unheil und als Gefährtin des Teufels gesehen … So wie die Vogelfalle für die sich ihr nähernden Vögel, die von alters her die menschliche Seele symbolisieren, kann auch das Eis für die sich arglos auf ihm vergnügenden Menschen ein jähes, tödliches Ende bedeuten. Und auch zwischen den Vögeln und den Betrachtern des Gemäldes ergibt sich eine Parallele: Jene erkennen nicht die für sie konstruierte Falle, und wir erkennen ohne das erforderliche Hintergrundwissen nicht den wahren Charakter dieser auf den ersten Blick harmlos-friedlichen Winterwelt. Bruegel betreibt hier also eine ironische Täuschung des Betrachters, der erst auf den zweiten Blick erkennt, dass seine erste Wahrnehmung des Gemäldes eine Illusion war.

Pieter Bruegel: Die Jäger im Schnee
Pieter Bruegel d. Ä.: Die Jäger im Schnee (1565)

[1] Zum Folgenden siehe Bertram Kaschek: Weltzeit und Endzeit. Die „Monatsbilder“ Pieter Bruegels d. Ä., München, Wilhelm Fink, 2012.