Puschkin

Alexander Puschkin (1799–1837), der als der größte Dichter Russlands gilt, wurde am 6. Juni 1799 in Moskau geboren. Seine Werke hatten einen starken Einfluss auf die moderne russische Literatur, vor allem auch auf Dostojewski, Tolstoi, Gogol und Tschechow, und er hat für die Russen mindestens die Bedeutung, die Goethe für die Deutschen und Shakespeare für die Briten hat. Er gilt als der Begründer der modernen russischen Literatursprache, da er in seinen Werken alte, erstarrte Sprachformen durch lebendige Ausdrücke aus der Volkssprache ersetzte; im Jahr 2011 wurde sein Geburtstag, der 6. Juni, zum offiziellen Tag der russischen Sprache erklärt.

Puschkin stammte väterlicherseits aus einem der ältesten Adelsgeschlechter Russlands und war mütterlicherseits der Urenkel des „Mohren Peters des Großen“, Abram Hannibal, ein äthiopischer Sklave, der dem Zaren Peter dem Großen geschenkt und dessen Patenkind wurde (Puschkin führte sein heißblütiges Temperament gerne auf dieses „afrikanische Blut“ in ihm zurück). 1811 wurde Puschkin in das neue Elite-Internat von Zárskoje Seló (heute: Puschkin) bei Sankt Petersburg aufgenommen, wo der adlige Nachwuchs zu Staatsdienern erzogen und ausgebildet wurde. Nach seiner Internatszeit blieb er in Sankt Petersburg und es wurde ihm pro forma eine Beamtenstelle im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten zugesprochen. Nachdem er in Spottgedichten einige Minister und sogar den Zaren kritisiert hatte, schickte Zar Alexander I. ihn in die Verbannung nach Südrussland. Nach dem Tod des Zaren durfte er wieder nach Moskau und Sankt Petersburg zurückkehren. Er heiratete Natalia Gontscharowa, der er lange den Hof gemacht hatte, und bekam mit ihr vier Kinder. Gerüchte über eine Affäre seiner Ehefrau mit einem gutaussehenden französischen Gardeoffizier veranlassten Puschkin dazu, diesen zum Duell herauszufordern – er unterlag und starb im Jahr 1837.

In Puschkins Gedichten tritt uns ein spöttischer und selbstironischer junger Mann voller Leidenschaften entgegen, der sich mit den ewigen Lebensfragen befasst; bekannt wurde er vor allem durch seine vielen Liebesgedichte und sein Versepos Jewgeni Onegin. – Erstaunlicherweise sind sowohl die Prosa als auch die Lyrik von Puschkin, den Thomas Mann mit Goethe und Mozart verglichen hat, bei uns heute weit weniger bekannt als die Werke anderer großer Russen, wie etwa Dostojewski, Tolstoi, Gogol oder Tschechow, was aber auch schon vor hundert Jahren so war, wie Hermann Hesse betont, der auch gleich eine mögliche Erklärung für dieses Kuriosum anbietet: „Von den großen russischen Dichtern ist gerade der, den die Russen am meisten lieben, bei uns am wenigsten bekannt geworden: Puschkin. Sein Russisch, unerschöpfliche Musik für jeden der Sprache Kundigen, ist zwar kaum schwieriger zu übersetzen als das Gogols oder Dostojewskis, aber irgendwie ist Wert und Zauber der Puschkinschen Dichtung inniger und unlösbarer mit der russischen Sprache verbunden als bei jedem anderen russischen Dichter“.[1] Dieser besondere Zauber bringt sogar heute noch Menschen dazu, eigens deshalb nach Russland zu fahren und dort Russisch zu lernen, damit sie Puschkins Poeme im Original lesen können. Wer sich Puschkins Gedichte einmal auf Russisch anhören möchte, kann dies beispielsweise auf der Webseite www.russlandjournal.de tun; unter den drei dort rezitierten Gedichten befindet sich auch das hier vorgestellte Liebesgedicht K*** (An***), das als das berühmteste und schönste Liebesgedicht der russischen Literatur gilt und Anna Petrowna Kern, geb. Poltoracka (1800–1879), gewidmet ist:

К***

Я помню чудное мгновенье:
Передо мной явилась ты,
Как мимолётное виденье,
Как гений чистой красоты.

В томленьях грусти безнадёжной,
В тревогах шумной суеты,
Звучал мне долго голос нежный,
И снились милые черты.

Шли годы. Бурь порыв мятежный
Рассеял прежние мечты.
И я забыл твой голос нежный,
Твои небесные черты.

В глуши, во мраке заточенья
Тянулись тихо дни мои
Без божества, без вдохновенья,
Без слёз, без жизни, без любви.

Душе настало пробужденье:
И вот опять явилась ты,
Как мимолётное виденье,
Как гений чистой красоты.

И сердце бьётся в упоенье,
И для него воскресли вновь
И божество, и вдохновенье,
И жизнь, и слёзы, и любовь.

An ***

Ein Augenblick ist mein gewesen:
Du standst vor mir mit einemmal,
Ein rasch entfliegend Wunderwesen,
Der reinen Schönheit Ideal.

Im schmerzlich hoffnungslosen Sehnen,
Im ewʼgen Lärm der Menschenschar,
Hört ich die süße Stimme tönen,
Träumt ich das milde Augenpaar.

Allein im Kampf mit dem Geschicke
Und in der Jahre düsterm Gang
Vergaß ich deine Engelsblicke
Und deiner süßen Stimme Klang.

Und lange Kerkertage kannt ich,
Es ward die Brust mir stumm und leer,
Für keine Gottheit mehr entbrannt ich,
Nicht weint ich, lebt ich, liebt ich mehr.

Es darf die Seele nun genesen:
Und du erscheinst zum zweitenmal,
Ein rasch entfliegend Wunderwesen,
Der reinen Schönheit Ideal.

Und wieder schlägt das Herz voll Weihe.
Sein Todesschlummer ist vorbei,
Für eine Gottheit glühtʼs aufs neue,
Es lebt, es weint, es liebt aufs neu.

Ein weiteres Gedicht aus Puschkins Feder (ohne Titel):

Дар напрасный, дар случайный,
Жизнь, зачем ты мне дана?
Иль зачем судьбою тайной
Ты на казнь осуждена?

Кто меня враждебной властью
Из ничтожества воззвал,
Душу мне наполнил страстью,
Ум сомненьем взволновал? …

Цели нет передо мною:
Сердце пусто, празден ум,
И томит меня тоскою
Однозвучный жизни шум.

Warum gab sinnlos nur der Zufall,
Leben, dich mir zum Geschenk?
Und aus welch geheimem Schicksal
Hat man dir den Tod verhängt?

Wer hat mich mit Feindesmacht
Aus dem Nichtsein herbestellt,
Mich erfüllt mit Leidenschaft,
Mit Zweifeln den Verstand vergällt? …

Ziele hab ich keine mehr:
Der Verstand, das Herz sind leer,
Und mich quält die Schwermut sehr
Eintönig im Lebenslärm.

 

Quellen:

An***: Original nach: http://home.arcor.de/berick/illeguan/pushkin1.htm (Zugriff vom 09.01.2016); Übersetzung: Alexander Puschkin: Liebesgedichte. Ausgewählt von Rolf-Dietrich Keil, Frankfurt am Main, Insel, 2003, S. 60f.

Warum gab sinnlos nur der Zufall: Original und Übersetzung finden sich auf der Webseite des Literaturübersetzers Eric Boerner: http://home.arcor.de/berick/illeguan/pushkin2.htm; Zugriff vom 09.01.2016.

[1] Hermann Hesse: Eine Literaturgeschichte in Rezensionen und Aufsätzen. Herausgegeben von Volker Michels, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1975, S. 267.