Rainer Maria Rilke scripsit

„Wir müssen unser Dasein so weit, als es irgend geht, annehmen; alles, auch das Unerhörte, muss darin möglich sein. Das ist im Grunde der einzige Mut, den man von uns verlangt: mutig zu sein zu dem Seltsamsten, Wunderlichsten und Unaufklärbarsten, das uns begegnen kann. Dass die Menschen in diesem Sinne feige waren, hat dem Leben unendlichen Schaden getan; die Erlebnisse, die man „Erscheinungen“ nennt, die ganze sogenannte „Geisterwelt“, der Tod, alle diese uns so anverwandten Dinge, sind durch die tägliche Abwehr aus dem Leben so sehr hinausgedrängt worden, dass die Sinne, mit denen wir sie fassen könnten, verkümmert sind. Von Gott gar nicht zu reden. Aber die Angst vor dem Unaufklärbaren hat nicht allein das Dasein des einzelnen ärmer gemacht, auch die Beziehungen von Mensch zu Mensch sind durch sie beschränkt, gleichsam aus dem Flussbett unendlicher Möglichkeiten herausgehoben worden auf eine brache Uferstelle, der nichts geschieht. Denn es ist nicht die Trägheit allein, welche macht, dass die menschlichen Verhältnisse sich so unsäglich eintönig und unerneut von Fall zu Fall wiederholen, es ist die Scheu vor irgendeinem neuen, nicht absehbaren Erlebnis, dem man sich nicht gewachsen glaubt. Aber nur wer auf alles gefasst ist, wer nichts, auch das Rätselhafteste nicht, ausschließt, wird die Beziehung zu einem anderen als etwas Lebendiges leben und wird selbst sein eigenes Dasein ausschöpfen. Denn wie wir dieses Dasein des einzelnen als einen größeren oder kleineren Raum denken, so zeigt sich, dass die meisten nur eine Ecke ihres Raumes kennenlernen, einen Fensterplatz, einen Streifen, auf dem sie auf und nieder gehen.“

(Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter)

„Das sind ja schließlich die Ereignisse und die Werte in der Welt: dass man immer wieder von einem hört, der Dinge, die man dunkel dachte, gesagt und Dinge, die man in guten Stunden gesagt, getan hat. Daran wächst man. Dieses Gefühl von Leitungen und Linien, die von entfernten Einsamen zu uns herübergehen, und von uns Gott weiß wohin und zu wem: das halte ich für das beste Gefühl: es lässt uns einsam und schaltet uns doch zugleich in eine große Gemeinsamkeit ein, in der wir Halt und Hilfe und Hoffnung haben. Ist es nicht so?“

(Rainer Maria Rilke in einem Brief an den mit ihm befreundeten deutschen Landschaftsmaler Otto Modersohn, 25. Juni 1902)

„Ist es möglich, dass man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur, Religion und Weltweisheit an der Oberfläche des Lebens geblieben ist? Ist es möglich, dass man sogar diese Oberfläche, die doch immerhin etwas gewesen wäre, mit einem unglaublich langweiligen Stoff überzogen hat, so dass sie aussieht, wie die Salonmöbel in den Sommerferien?
Ja, es ist möglich.“

(Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge)