Robert Frost: Stopping by Woods on a Snowy Evening

Das Gedicht Stopping by Woods on a Snowy Evening (1923) des amerikanischen Lyrikers Robert Frost (1874–1963), der zu den bedeutendsten Poeten des 20. Jahrhunderts zählt, ist nicht nur eines der populärsten Gedichte der amerikanischen Literatur, es hat auch zu einer Vielzahl ganz unterschiedlicher Interpretationen angeregt.

Stopping by Woods on a Snowy Evening

Whose woods these are I think I know.
His house is in the village, though;
He will not see me stopping here
To watch his woods fill up with snow.

My little horse must think it queer
To stop without a farmhouse near
Between the woods and frozen lake
The darkest evening of the year.

He gives his harness bells a shake
To ask if there is some mistake.
The only other sound’s the sweep
Of easy wind and downy flake.

The woods are lovely, dark and deep,
But I have promises to keep,
And miles to go before I sleep,
And miles to go before I sleep.

Das Wuchern stark divergierender Interpretationen ist vor allem auf die letzte Strophe zurückzuführen, wobei das Spektrum der Lesarten vom „schlichten“ Naturgedicht bis hin zum metaphorisch aufgeladenen Suizid-Poem reichen: Während für manche Leser das lyrische Ich in Frosts Gedicht ein Naturbewunderer ist, der deshalb nicht länger im Wald verweilt, weil er sich bewusst ist, dass er Pflichten zu erfüllen und noch einen langen Weg zurückzulegen hat, interpretieren viele andere (so beispielsweise Jorge Luis Borges) die „Meilen“ und den „Schlaf“ in der vorletzten Zeile konkret, in der letzten Zeile hingegen metaphorisch als „Lebensweg“ und „Tod“ beziehungsweise gar als „Suizid“. Der deutsche Literaturkritiker Michael Braun schrieb in der Frankfurter Anthologie der FAZ Robert Frost habe in den Jahren der Great Depression als Apfelfarmer gearbeitet und 1947 einem Freund gegenüber das Folgende zur Entstehung unseres Gedichts offenbart: Er, Robert Frost, sei eines Abends kurz vor Weihnachten vom Markt zurückgekehrt, ohne etwas verkauft zu haben, und da er somit nichts für seine vier Kinder gehabt habe, sei er voller Verzweiflung mit seinem Pferdeschlitten am schneebedeckten Waldrand stehengeblieben. Nun, so mag es gewesen sein, allerdings sollte nicht übersehen werden, dass Robert Frost das Gedicht 1922 schrieb und ein Jahr später veröffentlichte, die Great Depression jedoch erst viel später, nämlich 1929, einsetzte. „Was ich über das Leben gelernt habe, lässt sich in drei Worten zusammenfassen: Es geht weiter.“ Zieht man diese Äußerung des Dichters für eine Deutung heran, lässt sich die Wiederholung der vorletzten Zeile freilich nicht mortal beziehungsweise suizidal auffassen, sondern als Manifestation des Lebenswillens des lyrischen Sprechers, des Dichters, der früh Vater und Mutter und zwei seiner sechs Kinder verloren hat. Robert Frost hat sich immer wieder gegen Über-Interpretationen seines berühmtesten Gedichts, gegen ein „pressing it for more than it should be pressed for“ ausgesprochen, denn: „It means enough without its being pressed.“ Nach der Bedeutung insbesondere der letzten Strophe befragt erklärte er einmal: „Itʼs all very nice here, but I must be getting home“; und ein anderes Mal, als ein Kritiker äußerte, die letzten Zeilen seien doch wohl so zu verstehen, dass der Dichter nach dem Tode ein Leben im Himmel anstrebe, quittierte Frost dies mit einem Lächeln und Kopfschütteln und erwiderte: „No, it only means I want to get the hell out of there.“ Das Deuten eines großen Gedichts kann freilich niemals definitiv sein, da es „ein Vitalitätszentrum besitzt, das nicht mit dekodierbarer Information zusammenfällt. Das Gedicht ist aus Worten gemacht, aber nicht noch einmal – anders – in Worte zu fassen. Die einzig erschöpfende Interpretation ist seine Wiederholung und damit der Interpretationsverzicht, will sagen die Absetzbewegung in eben jene Gefilde, aus denen es kommt, einer beredten Unaussprechlichkeit“.[1] 

Das eifrige Suchen nach Doppeldeutigkeiten und Symbolen in der Lyrik erklärte Robert Frost wie folgt: „Too many people have been intimidated in the class room. They have been taught to hunt for symbols, and, as a consequence, they enjoy the search more than the poem. They regard the lines as a challenge to their ingenuity; the poem is not something to delight, but to dissect. They are determined to find that what seems to be simple is merely a symbol for something that is complex. Not that I have anything against the study and even the practice of symbols. But there are times when symbolism is as bad as an embolism. The second can kill a person, the first a poem.“[2] 

Der französische Dichter und Essayist Paul Valéry schrieb, dass Poesie in erster Linie dazu da sei, um genossen zu werden:

The Collected Poems of Robert Frost, London, Vintage, 2013.

[1] Ulrich Horstmann: Schreibweise. Warum Schriftsteller mehr von der Literatur verstehen als ihre akademischen Bevormunder, Würzburg, Königshausen & Neumann, 2004, S. 100.

[2] Zitiert in: Louis Untermeyer: The Pursuit of Poetry: A Guide to its Understanding and Appreciation with an Explanation of its Forms and a Dictionary of Poetic Terms, Lincoln, iUniverse, 2000, S. 83.